Johannes Krisch spielt den Bockerer: „Seid wachsam“

Nicht alles hinnehmen ist die Devise von Johannes Krisch. Bald gibt er den Bockerer im Theater in der Josefstadt und erzählt uns, warum die Rolle viel mit der Corona-Situation zu tun hat.

von Theresa Steininger, 7. Dezember 2020

Johannes Krisch spielt den Bockerer: „Seid wachsam“
Johannes Krisch spielt den Bockerer im Theater in der Josefstadt. Die Premiere wurde nun coronabedingt um ein Monat verschoben, aber die Erlaubnis von Karl Merkatz hat Krisch bereits bekommen. Foto: Moritz Schell

„Seids ös denn alle miteinander verruckt gwordn in dera Wiener Stadt?“ Wer „Bockerer“ hört, denkt an Karl Merkatz, aber auch an Bauernschläue, an die Kraft des kleinen Mannes, der einem übermächtigen Gegner trotzt. An einen Schlitzohrigen mit losem Mundwerk, der den Repressalien für seine Aussagen gegen „Führer“ und Regime nur deshalb entgeht, weil man ihn für leicht vertrottelt hält. Der aber in Wahrheit in fast jedem Satz eine Bombe zündet und genau dadurch zeigt: Lasst euch nicht alles gefallen!

Nicht alles hinnehmen

Wer Johannes Krisch trifft, kann ihn sich aus mehreren Gründen sofort als Bockerer vorstellen. Da ist sein markantes Gesicht, aus dem der Grant nie ganz zu weichen scheint. Seine genaue Beobachtungsgabe. Und da ist sein Drang, nicht alles hinzunehmen, was man aufgedrückt bekommt.

„Wir müssen wahnsinnig wachsam sein – auch in unserem Land.“

Ganz aktuell in den vergangenen Wochen, die das Thema des „Bockerer“ auf eine neue Art auf die Gegenwart umlegen lassen. „Wir müssen wahnsinnig wachsam sein – auch in unserem Land“, sagt der Schauspieler schon sehr früh im BÜHNE-­Gespräch über seine neue Rolle. Und gibt zu verstehen, was er von den Corona-Maßnahmen der österreichischen Regierung hält. „Viele schlucken alles und stellen die Maßnahmen nicht infrage. Wer wie der Bockerer ein feines Sensorium hat, dem stößt das auf.“

Johannes Krisch und der Schweinskopf: „Der Bockerer kämpft nicht nur gegen das Regime, er kämpft auch um seine Familie, seine Freunde, um sein ganzes Universum.“ Foto: Moritz Schell

Die Ambivalenz des Bockerer

Krisch geht es nicht allein darum, was wahr oder gut ist: „Nur weil jemand etwas infrage stellt, heißt das ja noch nicht, dass dieser Jemand recht hat. Aber man soll nicht alles hinnehmen, was passiert. Vielmehr gilt: Seid wachsam und sagt nie wieder ‚Jawohl‘.“ Nicht umsonst habe „mein Vater immer gesagt: Wenn es darauf ankommt, stelle dich zur kleineren Gruppe.“ Für ihn stecke all diese Ambivalenz im „Bockerer“ – vor allem die Aufforderung, nicht alles zu akzeptieren, eben wie der Fleischermeister aus der Paniglgasse. 

„Ich habe mir von Karl ­Merkatz die Erlaubnis geholt, die Rolle zu spielen. Er hat sich sehr gefreut.“ 

Als er für die Rolle des Bockerer engagiert wurde, der mit Schlagfertigkeit, bissigem Humor und passivem Widerstand beeindruckt, führte sein Weg rasch zu Karl Merkatz nach Salzburg, zu jenem Schauspieler, der die Figur in den 1980er-Jahren im Franz-Antel-Film berühmt machte. „Ich habe mir die Erlaubnis von Karl Merkatz geholt, die Rolle zu spielen. Er hat sich wahnsinnig gefreut.“ An sich war sogar eine Staffelübergabe des bald 90-Jährigen an Krisch am Tag der Premiere angedacht, diese ist coronabedingt ins Wasser gefallen und wird nun hoffentlich am 11. Jänner stattfinden. Klar ist für Krisch: „Der Karli hat das gespielt, wie der Karli das spielt, und ich spiele das, wie ich das spiele.“

Naiv oder gar dümmlich, wie manche den Bockerer auf den ersten Blick einschätzen könnten, ist die Figur für Krisch überhaupt nicht: „Er weiß in seinem Che-Guevara-Verhalten genau, was er sagt.“ Schon früh heißt es: „I riach Bluat.“ Und jemand, der beispielsweise auf die Frage „Kennen Sie denn ‚Mein Kampf ‘ nicht?“ antwortet: „Wie soll ich denn Ihnern Kampf kennen?“, der wegen eines Blutergusses den Arm nicht zum Deutschen Gruß heben möchte und der darauf verweist, dass schon ein Schweinskopf in der Auslage hängt, wenn es darum geht, das Bild des „Führers“ dort zu platzieren, tut das nicht unbedingt aus Unverständnis der Lage.

Johannes Krisch mit einem Schweinskopf aus Pappmaché. Als Bockerer entscheidet er sich für den Widerstand. Foto: Moritz Schell

Johannes Krisch: „In mir als Arbeiterkind ist all das verankert“

Vielmehr ist es Bockerers Art, damit umzugehen, dass „alles wegn ’an Schiklgruaber“ kopfsteht, dass seine Familie lieber Hitlers Geburtstag feiert als seinen, dass seine kleine Welt aus dem Lot gerät. „Der Bockerer kämpft nicht nur gegen das Regime, er kämpft auch um seine Familie, seine Freunde, um sein ganzes Universum“, sagt Krisch.

Gleichzeitig stecke in vielen Kommentaren eine tiefere Wahrheit. Wenn Bockerer vom blutigen Geschäft spreche, habe dies nur vordergründig mit seinem Beruf als Fleischer zu tun. Unzählige Andeutungen im Stück lassen erkennen, dass der Bockerer viel mehr durchschaute als andere zu seiner Zeit – und dass er einer war, der seine Gedanken auch in Worte fasste. Krisch fühlt sich der Figur durchaus verbunden: „Der Charakter liegt mir sehr. In mir als Arbeiterkind ist all das verankert. Alles andere kommt dann mit der Zeit aus mir heraus.“ 

Johannes Krisch spielt Instinktfigur Bockerer

Auch Regisseur Stephan Müller verweist darauf, dass Krisch vieles aus dem Bauch heraus spiele: „Die Instinktfigur Bockerer ist beim Instinkt­wesen Krisch gut aufgehoben, weil er eine natürliche Ahnung von dieser Figur hat.“ Gerade Bockerer habe „einen hellwachen Instinkt, der ihn merken lässt, wenn etwas faul oder falsch ist“, so Müller. Für ihn ist Bockerer jemand, der „vieles durchschaut, oft hilflos ist und dennoch alle Gefahren übersteht“. Von einigem wird er gebeutelt, von seiner abtrünnigen Familie abgesehen. Sein bester Freund flüchtet ins Exil. Win anderer langjähriger Weg­gefährte wird im KZ ermordet. Einen Dritten sucht er im zerbombten Haus.

„Seltenes Exemplar eines Wider­standskämpfers ohne Ideologie.“

Regisseur Stephan Müller

Zwischen NS-Schergen, Denunzianten, Mitläufern, Kommunisten und mehr bleibe Bockerer ein „seltenes Exemplar eines Wider­standskämpfers ohne Ideologie“, sagt Müller. Ihn interessiere an der Figur besonders der „weite Fächer – von der sagenhaften Schlagfertigkeit, die Groucho-Marx-Niveau hat, über dessen Herzlichkeit und Solidarität bis hin zu seiner glücklichen Ungebildetheit“.

Krisch und Müller: 20 Jahre Zusammenarbeit

Dass Müller als Schweizer ein Stück Wiener Geschichte inszeniert, sehen er selbst und sein Hauptdarsteller als völlig problemlos an. Er sei sowieso ein eingebürgerter Österreicher, sagt Krisch über den Regisseur, der am Burg- und Volkstheater ebenso inszenierte wie an großen Bühnen in Deutschland und in seiner Heimat. Am Theater in der Josefstadt setzte er bereits „Der Besuch der alten Dame“ und zuletzt „Einen Jux will er sich machen“ in Szene.

Krisch betont, er fühle sich bei Müller, mit dem er schon vor 20 Jahren im Burgtheater Kasino zusammenarbeitete und zuletzt mit dem „Jux“ einen großen Josefstadt-Erfolg kreierte, besonders gut aufgehoben: „Wir ergänzen uns wie John Lennon und Paul McCartney, oft braucht es nur mehr einen Augenkontakt, und wir wissen, wo es hingeht. Das habe ich noch selten erlebt.“

Und selbst wenn Krisch und Müller auch einmal richtig streiten können, wie Müller nicht verhehlt, in einem Punkt sind sich die beiden einig: Auch wenn sich das Stück um die NS-Zeit dreht, könne man einige Parallelen zur Gegenwart herstellen – ob zur hiesigen oder der US-amerikanischen. „In Zeiten der Unsicherheit und Verwirrung entstehen vereinfachende Ideologien, die Leute zu gerne, zu gierig aufnehmen“, sagt Müller. „Ideologie ist immer Beschiss. Sie vereinfacht und verfälscht die Realitäten.“

Mediale Hilfsmittel als Statement

Nicht von ungefähr bringt der Regisseur mit kleinen Filmausschnitten und Filmschriften eine weitere darauf anspielende Komponente in seine Inszenierung ein. Wenn er beispielsweise Bockerers Sohn Hans in einem Video marschieren lässt. Er Bockerer mit der Kamera ins Nebenzimmer folgt. Oder er „Der Tod – ein Meister aus Deutschland“ einblendet.

„Die Nazis waren Meister in der Verwendung der Medien, auch das führt uns in die Gegenwart.“

Stephan Müller

Die Verwendung medialer Hilfsmittel ist für Müller nicht nur Inszenierungsmittel, sondern auch Statement: „Die Nazis waren Meister in der Verwendung der Medien, auch das führt uns in die Gegenwart: zur medialen Propaganda.“ Damals wie heute, ob „Wochenschau“ oder Facebook, TikTok und Co, wurden und werden Medien genutzt, um Stimmung zu machen. Außerdem führen die Filmschriften durch die „Kommentar-Ebene eine weitere Dimension ein, die uns wichtig ist: der historische Blick auf das Vergangene, das Vergessene. Es gibt so etwas wie die Pflicht der Erinnerung.“

Ein Lachen, das im Hals stecken bleibt: Das wird sich wohl durch den Abend ziehen, wenn der „Bockerer“ in der Josefstadt Premiere hat. Einig sind sich Krisch und Müller auch hier. Ein solches Lachen kann vieles bewirken – ob in Bezug auf das Erinnern oder auf das Wachsam-Sein in der Gegenwart.

Zur Person: Johannes Krisch

Filme wie „Revanche“ und „Jack“ ­machten den 54-Jährigen ebenso berühmt wie seine langjährige Tätigkeit am Burgtheater. Sein Josefstadt-Debüt gab er vorige ­Saison als Weinberl in „Einen Jux will er sich machen“, außerdem spielt er in „­Gemeinsam ist Alzheimer schöner“. 

Termine und Karten: Johannes Krisch als Bockerer

Die geplante Premiere am 17.12. konnte aufgrund der Corona-Situation nicht stattfinden. Der nächste Termin ist der 11. Jänner 2021. Informieren Sie sich auf der Homepage des Theaters in der Josefstadt

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