Franz Welser-Möst und seine Musik ohne Raum und Zeit

Der 19. November verbindet Dirigenten Franz Welser-Möst schicksalshaft mit Franz Schubert. Am 150. Todestag des Komponisten hatte er einen Autounfall - und lernte dadurch ein Gefühl der Stille kennen, das ihn bis heute musikalisch und persönlich prägt.

von Juliane Fischer, 19. November 2020

Franz Welser-Möst und seine Musik ohne Raum und Zeit
Franz Welser-Möst hat mit beinahe allen großen Orchestern der Welt zusammengearbeitet. Zu seinem 60. Geburtstag schrieb er eine sehr persönliche Autobiographie. Foto: Julia Wesely/julia-wesely.com

Der 19. November ist ein Schicksalstag im Leben von Franz Welser-Möst. An diesem Tag verstarb Franz Schubert. 150 Jahre danach, zur Todesstunde um Punkt 15 Uhr kam das Auto, in dem Welser-Möst saß, von der Straße ab. „Ich kann bis heute nicht genau sagen, ob mir bewusst war, dass die Reifen unseres Wagens den Griff auf dem gefrorenen Asphalt auf der Brücke nach Losenstein verloren hatten“, schreibt der österreichische Dirigent. Das Gleiten des Autos vor dem Crash nahm er bewusst wahr, aber alles um ihn herum erschien ihm plötzlich irreal. „An was ich mich erinnere, ist die unglaubliche Stille, die mich umhüllte.“ Dieses Gefühl, diesen Zustand der Ewigkeit, wodurch Raum und Zeit aussetzen, will der Künstler mit Musik erschaffen. Dieser Stille widmet Welser-Möst seine Autobiografie „Als ich die Stille fand“.

G-Dur-Messe auf der Unfallstation

Am 19. November 1978 war Franz Welser-Möst 18 Jahre alt. Er wollte professioneller Geiger werden und spielte Schuberts G-Dur-Messe beim Hochamt im oberösterreichischen Großraming. Nach dem Mittagessen machte sich die Runde auf den Weg nach Steyr, wo Schubert einst begonnen hatte, das Forellenquintett zu komponieren. Dieser Auftritt stand am Nachmittag an.

Doch der Autounfall änderte alles: die Karriere, das Musikempfinden, ja die gesamte Einstellung zum Leben. Als Welser-Möst auf die Unfallstation verlegt wird, hört er durch den Lautsprecher im Kopfpolster den Radiosender Ö1. Gespielt wird Schuberts G-Dur-Messe. Schubert war ebenfalls 18 Jahre alt, als er dieses Werk komponierte.

Musik als Ruhepol in einer rastlosen Welt

„Dirigieren beginnt beim Sessel-Aufstellen!“, schreibt Welser-Möst in seinem Buch. Wie wichtig Organisation im Beruf des Dirigenten ist, betont er immer wieder. Schließlich ist kaum ein anderes Kollektiv so vielfältig strukturiert wie ein Orchester. Musikmachen erfasst Welser-Möst jedoch als Miteinander. Autoritäre Dirigierstab-Herrscher – wie sie in der Vorgängergeneration nicht selten sind – befremden ihn.

Der Dirigent sieht „Musik als Form, die uns Orientierung gibt, Musik als Möglichkeit der Ordnung, Musik als Tiefe in einem Leben jenseits einer dahinrasenden Oberfläche, Musik als Ort der Gemeinschaft und des Zuhörens, Musik als Ausdruck der Stille und des Innehaltens, Musik als Ruhepol in einer rastlosen Welt.“

Weckruf an die Bildungspolitik

Stellenweise liest sich die Autobiografie wie ein Weckruf an die Bildungspolitiker des Landes. Welser-Möst selbst ist mit dem gemeinsamen, alltäglichen Musizieren in der Familie aufgewachsen. Seit früher Kinderheit hatte er Musikunterricht und maturierte im ersten Jahrgang des Linzer Musikgymnasiums. Aber seine Erkenntnis speist sich nicht nur aus der eigenen Erfahrung. Welser-Möst nennt zum Beispiel die Situation in China, wo Musikunterricht ein Staatsziel ist, er beruft sich auf die Gehirnforschung und berichtet aus den USA, wo er seit fast 20 Jahren als Musikdirektor das Cleveland Orchestra leitet.

Es steckt viel Lebensweisheit in „Als ich die Stille fand“: Wie gehe ich mit verlockenden Jobangeboten um? Was können wir von der Klassik für das Leben lernen? Und was braucht Regietheater der Gegenwart genauso wie gute Politik? Und Welser-Möst erlaubt Klassik-Fans spannende Einblicke. Man erfährt zum Beispiel, was Richard Wagners „Tristan und Isolde“ mit Yoga zu gemein hat, oder wie oft man bei einem Neujahrskonzert das Tempo wechselt.

Zwischen die Fronten der Orchester geraten

„Als ich die Stille fand“ ist stellenweise auch ein unterhaltsames Sittenbild des internationalen Klassikbetriebs. Wenn Welser-Möst etwa die schwierige Zeit in England schildert, fühlt man sich ein bisschen erinnert an einen Klamauk-Klassiker von Monty Python, nämlich an die Judäische Volksfront gegen die Volksfront von Judäa erinnert. Welser-Möst geriet zwischen die Fronten des London Philharmonic Orchestra und des Philharmonia Orchestra London und zog daraus seine Lehren.

Und eine Selbsterkenntnis, von der die Leserinnen und Leser auch etwas mitnehmen können? Die versteckt sich im zweiten Teil des Buchtitels: „Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt“. Langweilig sei er gerne, schreibt der Dirigent, „wenn Langeweile die Verweigerung der schnelllebigen, lauten Aufmerksamkeitsspirale bedeutet“. Denn dann sei Langeweile eine spannende Form der musikalischen Existenz.

Zur Person: Franz Welser-Möst

geboren am 16. August 1960 in Linz. Franz Welser-Möst prägt als Musikdirektor des Cleveland Orchestra die unverwechselbare Klangkultur des großen Orchesters. Als Gastdirigent verbindet ihn eine enge Partnerschaft mit den Wiener Philharmonikern. Er stand zwei Mal am Pult des Neujahrskonzerts. Bei den Salzburger Festspielen ist er regelmäßig Gast. Für sein Wirken erhielt der Dirigent bedeutende Ehrungen, seine CD- und DVD-Aufnahmen wurden vielfach ausgezeichnet.

Franz Welser-Mösts Autobiographie ist im Brandstätter Verlag erhältlich. Foto: Brandstätter Verlag

Franz Welser-Möst: Als ich die Stille fand.

Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt. Wie Musik uns hilft, unsere Welt auch in Momenten der Krise zu ordnen
Brandstätter Verlag 2020
192 Seiten
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Homepage Franz Welser-Möst

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