Alfred Dorfer traut sich über Mozart drüber

Der Wiener Kabarettist und Schauspieler Alfred Dorfer inszeniert mit Mozarts „Le nozze di Figaro“ im Theater an der Wien seine erste Oper.

von Stefan Musil, 10. November 2020

Alfred Dorfer traut sich über Mozart drüber
Mozarts Sevilla in Wien-Simmering: Cristina Pasaroiu, Alfred Dorfer und ­Florian Boesch auf der Probebühne. Foto: Anna Breit

„Ich trau mich drüber“, sagt Alfred Dorfer. Er probt zum ersten Mal Oper. Mozarts „Le nozze di Figaro“, die erste der drei Opern auf ein Libretto von Lorenzo Da Ponte, steht im Theater an der Wien auf dem Plan. Filmemacher Michael Haneke, ebenfalls genrefremd, hat die beiden anderen, „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“, inszeniert. Doch den „Figaro“ würde er nie angreifen, weil er ihm zu schwierig ist.

„Meine Beziehung zum Stück ist eine Liebesgeschichte.“

Alfred Dorfer über ”Le nozze di Figaro“

Alfred Dorfer ist mutig genug? „Wie immer, wenn der Mut ins Spiel kommt, hat das natürlich mit einer gewissen Gedankenlosigkeit zu tun. Mut ist vor allem bei Männern ja immer etwas, wo man logi­sche Gedankengänge kurz einmal ausschaltet. Das ist bei Liebesgeschichten oft so. Meine Beziehung zum Stück ist eine Liebesgeschichte. Meine Zuversicht rührt wahrscheinlich aus meinem Unwissen.“

”Die Musik war bei uns zu Hause im Gemeindebau“

Bei Alfred Dorfer fällt einem „Indien“, „Muttertag“, „MA 2412“, „Dorfers Donnerstalk“ und vieles mehr ein. Dazu kommt Theatererfahrung als Schauspieler und Regisseur. Oper ist neu. Wie kam der kleine Alfred zur Klassik? „Es gibt mütterlicherseits viele Geiger, daher war die Musik bei uns zu Hause, im Gemeindebau, Klassik. Haydn, Mozart, Beethoven. Wie bei einer Graugans ist meine früheste Prägung also die Wiener Klassik. Ich wurde auch sacht an die Oper herangeführt. ‚Zauberflöte‘, ‚Hänsel und Gretel‘, ‚Der Freischütz‘, das war für mich sehr berührend, keine Qual, sondern ein schöner Teil meiner Kindheit.“

Liebe, Eifersucht, Intrige

Vorlage für Mozart und Da Ponte war „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ von Pierre-Auguste Caron de Beaumarchais. Ein vorrevolutionärer Theatersprengstoff. Emanuel Schikaneder wollte es 1785 am Kärntnertortheater herausbringen. Doch die Zensur erlaubte nur die Lektüre, nicht die Aufführung. In der Oper war es dann möglich, am 1. Mai 1786 erlebte die „Commedia per musica in quattro atti“ ihre Uraufführung im „alten“ Burgtheater.

Angelpunkt der komplexen Geschichte ist das Ius primae noctis, das Recht des Potentaten auf die erste Nacht mit der Braut, wenn ein Untergebener geheiratet hat. Der Graf führt es wieder ein, um an Susanna heranzukommen. Daran entspinnt sich das Spiel aus Liebe, Eifersucht, Intrige, in das auch der Page Cherubino flattert, als großes poetisches Element. Es ist das fintenreiche Spiel der Frauen, das am Ende den Grafen als Weiberhelden bloßstellt.

Komödie als Königsdisziplin

Das Ius primae noctis gab es womöglich nie, doch Mozart „verwendet es als Parabel für etwas Lächerliches, als ironische Anspielung, die eine gewisse Hierarchie markiert“, so Dorfer. Es stellt sich beim „Figaro“ ohnehin die Frage, wie viel Commedia drinsteckt. Für Dorfer ist Komödie die Königsdisziplin, weil sie die Tragik immer mit beinhaltet. Komödie meint auch nicht, dass man sich „zerkugeln“ muss: „Es wird auf eine doppelbödige Art und Weise eine Geschichte erzählt. Das kann manchmal so oder so ausfallen. Im mittelalterlichen Theater hatte man kein Problem damit, das Göttliche neben das Banale und das Lustige neben das Traurige zu stellen, weil das Leben alles beinhaltet.“

Theaterfiguren oder Menschen aus Fleisch und Blut

Mit den Sängern entwickelt er die Charaktere: „Sind es Theaterfiguren, Schab­lonen oder doch Menschen aus Fleisch und Blut? Das ist besonders wichtig bei Susanna und beim Grafen, für mich die beiden Haupt­figuren. Eigentlich müsste die Oper ‚Susannas Hochzeit‘ heißen. Oder wie geht man mit einer Frau um, die einen 16-­jährigen Knaben oder Fast-Mann spielen soll, mit Mezzostimme im Herren­gewand? Das sind Dinge, die entweder einladen, es witzig zu machen, oder man bleibt in der Ernst­haftigkeit der Tragödie.“

1: Cristina Pasaroiu: Stammt aus Bukarest, sang mit 21 Jahren erstmals Oper und debütiert als Contessa im Theater an der Wien. 2: Robert Gleadow: Kanadischer Bassbariton, muss als Figaro um seine Braut Susanna kämpfen – ebenfalls ein Debütant. 3: Florian Boesch: Der Wiener ist in der Saison 2020/21 Artist in Residence im Theater an der Wien, er hat als Graf einen großen Auftritt. 4: Katie Coventry: Mezzosopran, stammt aus Schottland, hat Salzburger Festspielerfahrung und zieht als Cherubino Hosen an. 5: Giulia Semenzato: Sopran aus Italien, hat bereits mit Musik von Händel entzückt und erobert sich jetzt Mozarts Susanna.

Dorfer: Leichteres, aber Absturz jederzeit möglich

Etwa wenn der Graf Cherubino als Offi­zier in den Krieg schickt, um seinen Konkurrenten loszuwerden. Figaro zieht ihn in seiner Arie „Non più andrai“ auf. „Cherubino ist meines Erachtens auch eine Spiegelung aller Männer im Stück, der zeigt, wie weit die anderen vom Ideal der Poesie abgerückt sind. Figaro ist ihm am nächsten, aber der Graf ist weit weg. Aus all den Beziehungen entsteht vielleicht etwas Komisches. Es sind kleine Lichter, die ich sehe. Es ist komödiantisch, etwas Leichteres, wo aber der Absturz jederzeit möglich ist. Wenn das in Momenten gelingt, ist es gut“, sagt Dorfer.

Neben der quirligen Susanna, der ei­gentlichen Spielmacherin, steht die ­Gräfin als doch etwas blasse Figur. Auch das möchte Dorfer aufbrechen: „Bei Mozart merkt man, er liebt die Frauen, und er versteht sie. Aber es ist schwierig mit der Gräfin – von der Dramaqueen, der frustriert seufzenden Betrogenen, bis zur Entschuldigenden. Diese Rolle atmet die Konvention der Zeit am stärksten. In dem Zusammenhang ist es mir aber wichtig, festzuhalten, dass sämtliche Figuren beim ‚Figaro‘ von einer faszinierenden Zeitlosigkeit sind.“

Hierarchie wie in einer Firma

Figaro und der Graf sind Freunde, Komplizen in Liebesdingen von früher, die Gräfin, das einstige Apotheker-Mündel, sucht jetzt Rat und Trost bei Susanna. Das Vorrevolutionäre, die Frage der Standesunterschiede – ist das heute noch interessant? Da Ponte musste die Vorlage verdichten, hat über Verwandtschafts- und Beziehungsverhältnisse simplifizierend drüber­geschrieben. „Das schaut ein bisserl so aus, als wäre das eine Muehl-Kommune in einem Schloss am Land. Alle kennen sich oder sind miteinander verwandt. Darauf werde ich nicht viel Wert legen, sonst kennt sich niemand mehr aus. Man stellt hier am besten eine Hierarchie her wie in einer Firma“, meint Dorfer.

Das tatsächlich Neue ist für ihn, „wie Mozart eine Musik schreiben konnte, die bis heute eine Allgemeingültigkeit im Hinblick auf menschliche Verhaltensweisen besitzt. Dass die Ideologien endlich fallen, und damit die Vorurteile und Feindbilder: Egal von welchem Stand, von welcher sozialen Herkunft du bist, es gibt eine wirkliche Ähnlichkeit – nicht Gleichheit – im Verhalten und in den Grundbedürfnissen und Ängsten. Es wäre doch schön, wenn auch wir diesen Schmarren endlich auf­heben würden. Das ist für mich die revolutionäre Aussage des ‚Figaro‘.“

„Le nozze di Figaro“: Neue Termine, Tickets, Gültigkeit der Tickets für verschobene Vorstellungen

Hinweis: Die Vorstellungen von Le nozze di Figaro, die für November 2020 angesetzt waren, können aufgrund der aktuellen COVID-19-Schutzmaßnahmenverordnung leider nicht stattfinden. Alle Karten für diese Veranstaltungen behalten ihre Gültigkeit. Ersatzterminen werden vom Theater an der Wien bekannt gegeben.

Weitere Informationen: Theater an der Wien

Alfred Dorfer

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