Doris Weiner über ihre Pension, die SPÖ und #MeToo

Theaterlegende Doris Weiner stand 43 Jahre auf der Bühne des Volkstheaters. Im Gespräch mit der BÜHNE lässt sie ihre Karriere Revue passieren.

von Atha Athanasiadis, 2. Oktober 2020

Doris Weiner über ihre Pension, die SPÖ und #MeToo
Doris Weiner als Ethel in "Das Haus am See". Damit feierte sie 2017 ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum. Foto: Volkstheater/www.lupispuma.com

Zum Interview lädt Doris Weiner in die Proberäume des Wiener Volkstheaters. Ein paar Stunden Arbeit am neuen Stück liegen hinter ihr. Es ist einer der 30-Grad-Tage im September, und der Raum hat keine Klimaanlage. Aber kein einziges Tröpfchen Schweiß ist auf ihrer Stirn zu sehen. Die Frisur ist perfekt gelegt. Weiner inszeniert gerade „Barfuß im Park“ und spielt auch in einer kleinen Rolle selbst mit.

Ballettvergangenheit und viel Disziplin

Die Haltung kerzengerade, der Schritt leicht federnd, so kommt sie auf den Besucher zu. Man sieht: Weiner hat die Körperspannung ihrer Ballettvergangenheit mit viel Disziplin ins Alter hinüber­gerettet. In einer Ecke des Saales lehnt ein Scooter. Es ist ihrer. Damit ist sie hierher in den 7. Wiener Gemeinde­bezirk angereist. 71 Jahre ist Doris Weiner alt, und seit 43 Jahren steht sie auf der Bühne des Volkstheaters.

Freischaffend mit 71 Jahren

„Als ich vor vier Jahren meinen offi­ziellen Pensionsantrag gestellt habe, hat der Beamte gesagt: ‚Warum kommen Sie erst jetzt, Sie könnten schon seit sechs Jahren in Pension sein.‘ Darauf hab ich gesagt: ‚Lieber Herr, bei uns am Theater ist alles ein bisserl anders …‘“ Jetzt ist endgültig Schluss, zumindest mit den offiziellen Ämtern: „Ab sofort bin ich freischaffende Künstlerin und hoffe auf Engagements.“

Doris Weiner fing am Volks­theater als Balletttänzerin an, war Schauspielerin, Leiterin der Volkstheater-­Studios, Leiterin der Schauspielschule, Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken, Betriebsrätin oder, wie die Grande Dame lakonisch sagt: „Ein bisserl wichtig hab ich mich immer g’macht.“

Unglaublich viel Kraft, Lebenserfahrung und Herzenswärme stecken in dieser zierlichen Person, und so driftet unser Termin schnell vom Interview zum Gespräch ab. Richtig emotional wird es, wenn es um Werte geht wie Solidarität und die aktuelle politische Situation. Da kann Doris Weiner richtig ungehalten werden. Und man liebt sie dafür – und auch dafür, wie sie als Zeitzeugin des Theaters die vergangenen vierzig Jahre Revue passieren lässt. 

Doris Weiner über #MeToo und die Rolle der Frau

„Das hat es nicht gegeben, aber alles, was dazugehört. Ich selbst hatte das Glück, dass es mir gegenüber nur einen derartigen Übergriff gegeben hat, den ich abwenden konnte. Es war überhaupt eine Zeit der quälenden Regisseure – Mitsprache gab es nicht. Man hat diese Übergriffe zwar als solche verstanden, aber sie leider auch akzeptiert, vor allem wenn es charismatische Regisseure waren. Da war man verführt, alles gut zu finden. Es war großartig, als Emmy Werner Direktorin wurde, das war ja auch die Zeit von Johanna Dohnal. Wir Frauen waren nicht mehr nur Beiwerk. Dohnal war von einer unglaublichen Durchsetzungskraft. Das alles hat zu einem anderen Selbstwertgefühl der weiblichen Schauspielerinnen geführt. Aber es ist noch viel zu tun, denn Frauen verdienen am Theater noch immer weniger als Männer.“

Doris Weiner über modernes Theater

„Ich habe ein Problem, wenn die theatralische Kunstszene keine Rücksicht darauf nimmt, was das Publikum sehen möchte. Damit meine ich aber nicht, dass man ihm nach dem Mund reden sollte. Es gibt die Tendenz, keine Geschichten mehr zu erzählen, aber: Am Ende gewinnt immer die beste Geschichte.“

Doris Weiner über ihre SPÖ

„Der Fehler ist, dass die Sozialdemokraten lange Zeit nichts anderes betrieben haben, als so zu werden wie die, die sie bekämpft haben – die wollten alle Bürger sein und keine Proletarier. Wenn einem die Qualität des italienischen Rotweins wichtiger ist als die Frage, ob noch Menschen zu den Sektionstreffen kommen, dann hat man versagt. Und wenn dann noch der Herr Doskozil sagt, dass hundert Flüchtlingskinder nicht nach Österreich kommen dürfen, dann denke ich mir: Geh, Burli, weißt was …“

Doris Weiner über ihre Schülerinnen

„Ich bin auf alle stolz, die Ursula Strauss, die Julia Cencig, den Ali Jagsch, die Aglaia Szyszkowitz, den Christian Dolezal und all die anderen. Ich kann mich noch erinnern, wie die Uschi Strauss nach der Ausbildung in einer kleinen Neben­rolle an der Josefstadt gespielt hat. Da sah ich die Bestätigung dafür, was ich immer wusste: Die hat und wird was.“

Doris Weiner über ihre Zukunft

„Spielen und auf der Bühne stehen, der Rest kommt von selbst …“ (Lacht.)

Termin und Karten

Barfuß im Park“

FR 02. OKT 2020 19.3021., VZ Großjedlersdorf, SA 03. OKT 2020 16.0013., VHS Hietzing, SA 03. OKT 2020 19.3013., VHS Hietzing, MO 05. OKT 2020 19.3013., VHS Hietzing, DI 06. OKT 2020 19.3013., VHS Hietzing, MI 07. OKT 2020 19.3012., Theatersaal Längenfeldgasse