Itay Tiran inszeniert „Mein Kampf“: Das wäre doch gelacht!

Der Star der israelischen Theaterszene inszeniert in Wien Taboris „Mein Kampf“. Mit der BÜHNE sprach er über Katharsis, Fremdsprachen als Rohkost und die Waffe namens Humor.

von Sarah Wetzlmayr, 8. Oktober 2020

Itay Tiran inszeniert „Mein Kampf“: Das wäre doch gelacht!
Fremde Sprache: Wenn Itay Tiran auf der Bühne Deutsch spricht, ist das für ihn, als würde er eine Maske aufsetzen. Foto: Katarina Šoškić

Das Theater steckt voller magischer Momente, wobei das Ritual definitiv sein größtes Geheimnis ist“, sagt der in Israel geborene Regisseur und Schauspieler Itay Tiran, während er sich eine Zigarette dreht. Er lacht, tut das aber mit einer Tiefgründigkeit, die den Zauber, auf den er anspielt, noch einmal unterstreicht. Subtil zwar, aber mit unverwechselbarer Deutlichkeit.

Den dar­auffolgenden Moment der Stille füllt Itay Tiran sofort mit einer Erklärung: „Die Magie des Theaters liegt für mich vor allem im rituellen Charakter des Schauspiels. Ähnlich wie in einer Synagoge, einer Kirche oder in einer Moschee geht es um das gemeinschaftliche Erleben einer Sache. Die Stimulation, Erleuchtung oder Katharsis kann nur dann erfolgen, wenn man die Präsenz der Schauspieler spürt. Das funktioniert einfach nicht, wenn man vor einem Laptop sitzt.“

Sprache als Rohkost

Egal ob in Tel Aviv, wo er viele Jahre lang als Schauspieler und Regisseur am Cameri-Theater tätig war, später in Stuttgart unter Burkhard ­Kosminski oder jetzt am Burgtheater in Wien – Itay Tiran braucht diese besondere Form der Magie. Das sieht man ihm nicht nur auf der Bühne an, sondern auch dann, wenn er über das Theater spricht. Einerlei, ob er das auf Englisch, Deutsch oder in einer charmanten Mischform aus beiden Sprachen tut.

Wenn Itay Tiran auf der Bühne Deutsch spricht, ist das für ihn, als ob er eine Maske aufsetzen würde. „Und das meine ich alles andere als negativ“, erklärt er. „Es gibt ja dieses Sprichwort, dass man die Wahrheit sagt, wenn man sein Gesicht unter einer Maske versteckt. Für mich ist das mit der deutschen Sprache, die mir immer noch ein Stück weit fremd ist, auch so.“

Während in den Worten jener Sprache, in und mit der man aufgewachsen ist, immer viele Assoziationen und Bedeutungsebenen mitschwingen, sind Fremdsprachen frei von diesem Ballast. Rohkost sozusagen, aber so zubereitet, dass sie einem nicht schwer im Magen liegt. „Als Schauspieler bringt das für mich eine besondere Form der Freiheit mit sich. Wenn ich beispielsweise ‚Ich liebe dich‘ sage, dann sage ich das ohne jeglichen Zynismus.“

Kompromissloser Einsatz: In Maria Lazars Einakter „Der Henker“ spielte Itay Tiran einen zum Tode verurteilten Mörder, der seinen Henker kennenlernen und eine ethische Debatte über sein Schicksal führen will. Foto: Matthias Horn

Ausgedehnte Aufenthalte in sogenannten Komfortzonen sind Itay Tirans Sache nicht. „Die Zeit wird zeigen, auf welche Form von Abenteuer ich mich mit meinem Wechsel von Israel nach Stuttgart und jetzt nach Wien eingelassen habe. Ob es einfach nur verrückt oder vielleicht auch ein wenig dumm war“, erklärt er lachend. „In beiden Fällen hatte ich das Gefühl, dass ich etwas Neues probieren möchte. Das hatte durchaus auch etwas Schicksalshaftes.“ 

Mutiger Kampf

Es mag Zufall sein, dass George Tabori, dessen Stück „Mein Kampf“ Itay ­ Tiran in dieser Spielzeit am Burgtheater inszeniert, zuerst auf Englisch verfasst und dann erst ins Deutsche übersetzt wurde. Vielleicht hatte aber auch hier das Schicksal seine Finger mit im Spiel. Als Itay Tiran gefragt wurde, ob er Taboris Farce inszenieren möchte, kam er zunächst ein wenig ins Zweifeln. „Meine Großmutter hat den Holocaust überlebt. Das Thema war in meinem Leben also immer präsent. Ich wusste nicht, ob ich mich in meiner Arbeit damit aus­einandersetzen möchte, ob ich dazu etwas sagen kann, was noch nicht gesagt wurde.“

„Ich bin mit dieser Tradition des Humors aufgewachsen. Es ist ein Humor, der sehr viel mit Überleben zu tun hat.“

Er dachte schließlich an das Trauma seiner Großmutter und in weiterer Folge auch darüber nach, wie man mit einem solchen Trauma umgeht und mit welchen Mitteln man es überwinden kann. So fand er seinen eigenen Zugang zum Stück. „Ich glaube, dass Tabori mit diesem Stück gegen sein eigenes Trauma angekämpft hat. In diesem Sinne ist das Stück tatsächlich sein Kampf. Und es ist ein unglaublich mutiger Kampf.“

Mit einer besonderen Waffe: Humor. „Ich bin mit dieser Tradition des Humors aufgewachsen. Es ist ein Humor, der sehr viel mit Überleben zu tun hat“, sagt Itay Tiran und erzeugt mit seinen Worten das Gefühl, dass das Prinzip Hoffnung sehr viel mehr ist als nur ein Prinzip.

Zur Person: Itay Tiran

Alter: 40 Jahre
Wohnorte: Wien, Lüneburger Heide
Verheiratet: mit der deutsch-israelischen Schauspielerin und Sängerin Melanie Peres. Begann seine Karriere als Pianist, ehe er zum Schauspiel wechselte. Erregte vor zehn Jahren positives Aufsehen, als er bekannt gab, nicht in besetzten Gebieten ­aufzutreten.

Karten und Termine: „Mein Kampf“

ab 9. Oktober, 19.30 Uhr im Wiener Burgtheater 
burgtheater.at

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