Christoph Wagner-Trenkwitz über Zeiten, als wir noch durften

Warum Lotto Ingrisch glaubt, dass ein Treffen mit ihm im Nirwana sicher eine Hetz sein wird. Und welches Stück Karl Böhm nach seiner Blasenerkrankung gespielt hat, berichtet Christoph Wagner-Trenkwitz in seiner Kolumne.

von Redaktion, 1. Oktober 2020

Christoph Wagner-Trenkwitz über Zeiten, als wir noch durften
Maestro Karl Böhm (1894–1981). Der österreichische Dirigent war ein bescheidener Star, der einst für eine außergewöhnliche Schlagzeile sorgte. www.picturedesk.com

Jene Zeiten sind gar nicht so lange her: etwa die legendäre „Tosca“ in der Wiener Staatsoper, als Jonas Kaufmann mitsamt dem Publikum in einem Bis! der großen Arie schwelgte und die Prima­donna Angela Gheorghiu den Auftritt verweigerte. Als die Vorstellung für einige Augenblicke stand, regte sich im (natürlich knallvollen) Stehparterre das Verantwortungsbewusstsein, das schon Persön­lichkeiten wie Georg Springer von den billigsten Plätzen in den Stuhl des Holding-Geschäftsführers ­katapultiert hatte; eine Dame fragte ihren Nachbarn nämlich aufgeregt: „Was tan mer jetzt?“ Unter Benützung einer Pointe des Pelikan in Kálmáns „Zirkusprinzessin“ könnte man, durchaus stehplatz­gerecht, antworten: „Jetzt tan mer die Füß’ weh!“

Karl Böhm: Der bescheidene Publikumsmagnet

Länger her ist das Wirken von Dirigent und Maestro Karl Böhm. Er war ein bescheidener Star, der stets große Publikumsmengen anzog – außer natürlich bei Raritäten wie Alban Bergs zweiter Oper. In diesem Zusammenhang ist eine Zeitungsmeldung zu erwähnen: „Karl Böhm ist von seiner Blasenerkrankung genesen und wird demnächst in Wien ‚Lulu‘ wiederaufnehmen.“

Ein Treffen im Traum und später im Nirwana

Wissen Sie, wo wirklich so viel Platz sein muss, dass alle Distanzregeln obsolet werden? Im Nirwana. Eine zauberhafte Dame hat sich mit mir alldort ein Rendezvous ausgemacht: Lotte Ingrisch, Witwe Gottfried von Einems, mit dem sie weiterhin in transzendentalem Kontakt steht. Hier ein paar Auszüge aus unserem Mailwechsel:

Lieber Christoph Wagner-Trenckwitz! [Sie schreibt meinen Namen falsch, aber sei’s drum.]

Gottfried hat einen neuen Freund, und ich bin sehr glücklich darüber. Danke für heute [ich ­spielte­ Einem in der Radiosendung „Pasticcio“], ­danke­ für München [ich hatte die Matinee zu seiner Oper „Dantons Tod“ moderiert], danke, dass ­Ihnen der Serenaden-Abend [ein Gesprächskonzert, zu dem ich sie beglückwünschte] gefiel.

Mit besonders herzlichen Grüßen
an Ihre wunderbare Frau, Ihre Lotte Ingrisch

Liebe, sehr verehrte Lotte Ingrisch, 

danke für Ihre lieben Zeilen! Ein Einem-Freund bin ich schon lange, aber nun habe ich ja jemanden, der ihm meine Wertschätzung und Bewunderung persönlich ausrichtet!

Sehr herzlich, Ihr Christoph Wagner-Trenkwitz

Ebenso lieber und noch verehrterer Professor 

Wagner-Trenckwitz! [Sie schreibt mich immer noch falsch, hat mich aber in den Professorenstand erhoben.] 

Habe alles persönlich ausgerichtet, und der Gottfried hat sich so gefreut. Er will Sie unbedingt ­näher kennen lernen, jetzt im Traum und später im Nirwana, wo wir alles und nichts sind, was bestimmt eine Riesenhetz ist. Da möchte ich aber dabei sein!

Sehr herzlich, Lotte Ingrisch

Meine Liebe,

ich freue mich darauf! Und seien Sie versichert: Ohne Sie läuft im Nirwana gar nichts!

Ihr CWT

Ich auch! Und wir werden ziemlich unter uns sein. Eintrittspreis ins Nirwana ist die Relativierung des Ego, und wer relativiert sich schon selbst? Aber wir werden interessante Leute treffen. Den Schrödinger, den Hans-Peter Dürr und so weiter. Jesus persönlich wahrscheinlich auch, aber seinen Kitschier Paulus bestimmt nicht. Wir werden viel Spaß haben!

Mit Vergnügen, Ihre Lotte (Ingrisch)

Ein paar „Geschichtchen“ als Opernballersatz

Eine volkreiche Oper fürs Volk ist Beethovens ­„Fidelio“. Wenn sich am Ende alles gerührt auf der Bühne drängt und der Minister den Kerkermeister bittet, Florestan offiziell von seiner Kerker­haft zu erlösen, herrscht wohlige Betroffenheit; außer, der Minister (es war Adam Plachetka) kann sich nicht zwischen den Vokabeln „Ketten“ und „Fesseln“ entscheiden und tönt: „Nun nimm ihm seine Fetten ab.“

„Moderator Alfons Haider führte einen Dialog mit dem Lipizzanerhengst Maestoso ­Superba, dessen Antworten ich mit meiner Stimme voraufgezeichnet hatte.“

Christoph Wagner-Trenkwitz über ungewöhnliche Einfälle am Opernball

Die zierliche Elisabeth Gürtler kann das Wort „fett“ nicht einmal ­aussprechen, also auch nicht „fête“. Deswegen prononciert sie die von ihr ins Leben gerufene sommerliche Ballveranstaltung nobel „Féet imperiale“. Bei der Ausgabe 2018 habe ich ihr übrigens den Hengst gemacht. ­Verstehen Sie mich richtig: Moderator Alfons Haider führte einen Dialog mit dem Lipizzanerhengst Maestoso ­Superba, dessen Antworten ich mit meiner Stimme voraufgezeichnet hatte.

… und damit sind wir thematisch beim Hauptgedränge der Saison: dem Opernball. Da ­beehren auch musenferne Elemente wie Richard ­Lugner das Haus am Ring. Wenn Sie dieses Blatt in Händen halten, wissen wir vielleicht schon, ob der Staatsakt im Walzertakt 2021 stattfinden kann oder nicht (er wurde abgesagt, Anm. der Redaktion). Verlassen Sie sich drauf, dass ich – als Ersatz oder zur Schürung der Vorfreude – ein paar Geschichtchen dazu auf Lager habe!

Zur Person: Christoph Wagner-Trenkwitz ist Dramaturg, Musikwissenschafter, Buchautor und legendärer Opernball-Kommentator. Er war Intendant in Haag und ist seit 2009 Chefdramaturg an der Volksoper in Wien. Für die Bühne schreibt es ab sofort monatlich eine Kolumne. Foto: Peter Strobl

Zur Person: Christoph Wagner-Trenkwitz

Alter: 58 Jahre
Wohnort: Wien 
Biografie: Dramaturg, Musik­wissenschaftler, ­Buchautor (und legendärer Opernball-Kommentator). Er ist Intendant der Operette Langenlois und seit 2009 Chefdramaturg an der Volksoper in Wien.

Weiterlesen: Christoph Wagner-Trenkwitz Kolumne zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven