Die Entführung aus dem Serail

Wiener Staatsoper

Die Entführung aus dem Serail

Alle Termine

Zu schön für unsere Ohren, und gewaltig viel Noten, lieber Mozart«, soll Joseph II. über »Die Entführung aus dem Serail« gesagt haben – worauf Mozart geantwortet habe: »Gerade so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind.« Der Wortwechsel – er findet sich in der ersten Mozartbiographie, die acht Jahre nach dem Tod des Komponisten von Franz Xaver Niemetschek herausgegeben wurde – kann nicht zweifelsfrei belegt werden. Dennoch bündelt das dem Kaiser unterstellte skeptische Lob die Vorbehalte zeitgenössischer Rezensenten. Diese kapitulierten vor der musikalischen Überfülle der Partitur: Mozart habe das Sujet zu ernst genommen, hieß es damals, seine komplexen Harmonien überforderten Instrumentalisten wie Zuhörer gleichermaßen und »gehörten nicht auf das Theater«.
In der Tat sprengt Mozart das Genre eines Schauspiels mit Liedeinlagen zugunsten eines musikalischen Welttheaters: Das Paar der einander entrissenen Liebenden Belmonte und Konstanze lotet seine existenziellen Gefährdungen in musikalischer Nähe zur Opera seria aus, während in Duetten, Terzetten und Quartetten die Ensemblekunst der Opera buffa zum Blühen kommt, mit plastisch ausgetragenen Kontrasten der hohen und der Figuren aus dem Dienerstand. Aber auch Lied und Romanze aus der Tradition der französischen Opéra comique kommen zu ihrem Recht. Gänzlich vorbildlos ist die musikalische Gestaltung des Osmin, der als Aufseher über das Landhaus des Bassa Selim den Spott wie auch die Ängste der dort festgehaltenen Europäer provoziert. Denn hinter seiner Maske aus Gefräßigkeit, Sauflust und Vielweiberei lugt kein anderer als Bacchus, der Gott des Rausches, hervor, der durch keine vernunftorientierte Disziplin unter Kontrolle zu bringen ist. Er ist einer jener Nichtintegrierbaren, die – wie die Elettra im Idomeneo oder die Königin der Nacht in der Zauberflöte – am Ende eines Stückes aus der Gemeinschaft der Aufgeklärten vertrieben, ja exorziert werden müssen: »Doch seh’ er nur das Tier dort an, ob man so was ertragen kann.« Osmins grobianische Exzesse würzt Mozart mit dem Einsatz »türkischer Musik«: Triangel, Becken, große Trommel und Flageolett, eine in hoher und höchster Lage spielende Verwandte der Blockflöte. All diese Stilelemente verschmilzt Mozart zu einer großartigen Synthese.
Zu seinen Lebzeiten war es sein mit Abstand erfolgreichstes, an vielen Theatern begeistert nachgespieltes Stück. Zugleich wurde die Entführung zur ersten deutschsprachigen Oper, die bis heute eine ununterbrochene Aufführungstradition begründen konnte. An der Wiener Staatsoper, eine der Nachfolgeinstitutionen des alten Burgtheaters, jenem heute nicht mehr bestehenden Teil der Hofburg, in dem die Entführung 1782 ihre Uraufführung erlebt hatte, wurde das Werk von 1872 bis 2000 in nahezu jedem Jahr gegeben, bevor die letzte Neuinszenierung der Staatsoper 2006 im heutigen Burgtheater herauskam. 2020 kehrte Mozarts Geniestreich unter der Musikalischen Leitung von Antonello Manacorda ins Haus am Ring zurück. Die Rolle der Konstanze, deren fulminante technische und expressive Anforderungen Mozart für die berühmte Diva Caterina Cavalieri konzipierte, wird auch in der aktuellen Spielzeit von Lisette Oropesa verkörpert. Die für den phänomenalen Bassisten Ludwig Fischer komponierte Rolle des Osmin singt Goran Jurić. Den Belmonte, eine der schönsten Liebhaberrollen Mozarts, gestaltet Daniel Behle. Michael Laurenz als Pedrillo und Regula Mühlemann als Blonde spielen das Dienerpaar, dem Mozart einige der originellsten Momente seiner Partitur zugedacht hat.
Die formale Anlage des Singspiels, bei dem gesprochene Dialoge zwischen den musikalischen Nummern vermitteln, gewinnt bei Mozart dadurch eine inhaltliche Dimension, dass eine der sechs Hauptrollen als reine Sprechrolle konzipiert ist, die des Bassa Selim. Dieser Mann, ein Europäer, der durch Machenschaften von Belmontes Vater aus seiner aufgeklärt-westlichen Existenz vertrieben wurde, sich vom christlichen Glauben abgewandt hat und im Orient zu Macht und Reichtum gelangt ist, verzehrt sich in unglücklicher Liebe zu Konstanze, die er auf dem Sklavenmarkt erworben hat, die sich jedoch durch ein Treueversprechen gebunden fühlt. Die Grenze zwischen gesprochener Rede und Gesang markiert die Unmöglichkeit einer Vereinigung beider. Um der Utopie dieser Vereinigung willen erschließt Regisseur Hans Neuenfels der Kunst der Bühnenrede die gleiche Würde wie dem Gesang, indem er alle solistischen Gesangsrollen noch einmal mit Schauspielern besetzt. Seine Neufassung des Librettos behält alle Handlungsmomente des Originals bei, zugleich reflektieren sich Schauspiel und Gesang in hochpoetischen Spiegelungen und Verflechtungen. Mit guten Gründen darf man behaupten, dass es dem Theater selten so gelungen ist, die ebenso vielbeschworenen wie schwer greifbaren kammerspielhaften seelischen Komplikationen dieser Oper an die theatralische Oberfläche zu projizieren wie in dieser Meisterinszenierung.
Die Produktion "Die Entführung aus dem Serail" wird gefördert von:

SchauspielerInnen

Emanuela von Frankenberg
Stella Roberts
Andreas Grötzinger
Christian Natter
Ludwig Blochberger

Künstlerisches Team

Musik
Wolfgang Amadeus Mozart
Text
Johann Gottlieb Stephanie
nach
Christoph Friedrich Bretzner
in der Dialogfassung von
Hans Neuenfels
Musikalische Leitung
Antonello Manacorda
Bassa Selim
Christian Nickel
Konstanze
Lisette Oropesa
Blonde
Regula Mühlemann
Osmin
Goran Jurić
Belmonte
Daniel Behle
Pedrillo
Michael Laurenz
Inszenierung
Hans Neuenfels
Bühne
Christian Schmidt
Kostüme
Bettina Merz
Licht
Stefan Bolliger
Dramaturgie und Regiemitarbeit
Henry Arnold

Wiener Staatsoper

Die Entführung aus dem Serail

Alle Termine