XX oder XY. Die beiden Chromosomenpaare entscheiden bekanntlich über das biologische Geschlecht: männlich oder weiblich. Wir kennen aber auch das soziale Geschlecht, das bestimmt, was von Frauen und Männern in einem gewissen Kontext erwartet wird, was ihr oder ihm erlaubt ist und was an ihr oder ihm wertgeschätzt wird. Dieses variiert wiederum je nach Gesellschaft. Darüber hinaus gibt es auch nonbinäre Geschlechtsidentitäten, Menschen, die sich außerhalb der zweigeteilten Geschlechterordnung verstehen, irgendwo dazwischenliegen oder in keine Kategorie passen (wollen). Ganz schön kompliziert, oder? Eigentlich nicht, denn letztendlich geht es um Offenheit, Respekt,Toleranz.

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„Und um Liebe“, meint Timothy Connor. Der hünenhafte Bariton spielt in der Oper „Hamed und Sherifa“ Prinzessin Sherifa – und wurde damit weitestmöglich gegen seinen Typ besetzt. „Sie ist eine willensstarke Frau, die es als Verpflichtung ansieht, in dieser Männerwelt dieselben Rechte zu haben wie Männer und auch die gleiche Sichtweise auf sich selbst. Das ist meine erste Frauenrolle, für mich ist es aufregend, auf der Bühne mit den Geschlechtern zu spielen, vor allem in dieser verantwortlichen Position gegenüber Kindern und Jugendlichen“, erklärt er. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass unser Interview am 8. März, dem Internationalen Frauentag, stattfindet.

Ebenfalls zum ersten Mal in die Rolle einer Frau schlüpft Johannes Bamberger, der die Mutter von Hamed spielt. „Oft sehen wir Frauen in Hosenrollen, das ist eine Rockrolle. Es ist vielleicht ein Balanceakt, aber ein sehr spannender. Die Mutter ist die treibende Kraft, diejenige, die sich Prüfungen für Sherifa ausdenkt und sehr in Stereotypen gefangen ist. Sie erinnert mich an Cersei Lannister, die Mutter von König Joffrey in ‚Game of Thrones‘, denn auch sie definiert sich stark über die Macht ihres Sohnes und merkt schließlich, dass er ihr immer mehr abhandenkommt – was ihre Souveränität schwächt“, charakterisiert er seinen Part. Tobias Hechler schließlich verkörpert König Hamed: „Ein streitbarer Kerl mit einem schwachen Selbstbewusstsein und einer toxischen Mutterbeziehung. Anfänglich definitiv geprägt von einem problematischen Männerbild und ziemlich verhaftet in seinen Denkmustern. Das Interessante ist aber, dass er diese immer mehr aufbrechen und am Ende sogar ablegen kann. Diese Entwicklung durchzumachen, sich zu öffnen, toleranter zu werden und dadurch auch die Liebe zulassen zu können, macht die Rolle interessant. Stimmlich allerdings auch herausfordernd, weil ich ständig zwischen Countertenor und Bariton switchen muss.“

Zur Person: Timothy Connor

Der nordirische Bariton ist ein Meister des zeitgenössischen Repertoires und wurde 2023 mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis ausgezeichnet. Bei den Bregenzer Festspielen sang er Harris in „Die Judith von Shimoda“, am MusikTheater an der Wien war er u. a. als Blazes in „The Lighthouse“ zu erleben.

Was ist ein Mann? Was ist eine Frau?

Spielen Geschlechterstereotype auch im Leben der drei Sänger eine Rolle? „Natürlich. Das ist eine sehr aktuelle Frage“, meint Johannes Bamberger. „Jeder von uns trägt unterschiedliche Anteile in sich, die – und das ist problematisch – bis vor wenigen Jahren nicht alle in unserer Sozialisation zugelassen wurden.“

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„Diese Klischees, die in der Oper behandelt werden, sind uns allen bewusst. Wenn es um mich persönlich geht, muss ich mir laufend die Frage stellen: Wo fühle ich mich wohl in meiner Männlichkeit, und wo will ich zu diesem Wohlbefinden auch Weiblichkeit zulassen? Ich würde behaupten, dass ich diesbezüglich bereits viele weiblich konnotierte Verhaltens- und Denkweisen erschlossen habe“, so Tobias Hechler.

Zur Person: Tobias Hechler

Der deutsche Countertenor gab sein Debüt 2018 mit der Titelpartie in „Apollo und Hyazinth“. Konzertant sang er u. a. Bernsteins „Chichester Psalms“. In Hamburg und Amsterdam war er in Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ zu erleben. König Hamed sang er bereits in Hannover.

Timothy Connor kann mit der Frage weniger anfangen. „In meiner Familie haben Geschlechterrollen eine untergeordnete Rolle gespielt. Meine Mutter hat zwar keine Gartenarbeiten erledigt und mein Vater war nicht für das Dinner zuständig, aber es war alles fair aufgeteilt. Eltern sollten generell beides haben: Wärme und Ernsthaftigkeit. Aber ich bin nicht umgeben von Menschen, die sich die Frage stellen, was ein Mann ist und was eine Frau. Das Leben ist weitaus vielfältiger.“ Einig ist man sich jedenfalls darin, dass ein pädagogischer Auftrag in der Oper steckt.

Langsam, sehr langsam

Für Regisseur Florian Drexler ist dieser Aspekt komplex.„Ich finde Pädagogik im Theater immer schwierig, aber ich habe auch einen anderen Ansatz. Als Theaterpädagoge will ich einen Raum schaffen, in dem sich Menschen in ihrem ganzen Sein erfahren können. Dazu mache ich Meditations- und Körperübungen und ermuntere Kinder und Jugendliche dazu, sich selbst zu spüren. Wenn man das als Pädagogik interpretiert, dann würde ich sagen, dass ‚Hamed und Sherifa‘ pädagogisch ist.“

Was hat ihn generell an diesem Stück gereizt? „Ich versuche immer, einen persönlichen Bezugspunkt zu finden. Für mich ist es interessant, dass vor 25 Jahren, als ich erwachsen wurde, gewisse Gefühlsanteile in der männlichen Sozialisierung nicht in Ordnung waren. Ich musste auch in partnerschaftlichen Beziehungen lernen, mit meiner Hilflosigkeit und Verletzlichkeit in Kontakt zu treten und sie anzunehmen.“

Warum ist die Frage nach Geschlechtsidentitäten in modernen Gesellschaften überhaupt noch wichtig? „Weil nach wie vor Diskriminierung reproduziert wird. Bei Kindern und Jugendlichen rennt zum Teil der gleiche Schmäh wie vor 25 Jahren. Es werden zum Beispiel Schimpfwörter benutzt, die gewisse Gruppen diskriminieren. Da hat sich nicht so viel getan, wie wir vermeintlich aufgeklärten Erwachsenen behaupten. Andererseits ist die Frage wichtig, weil es schwierig ist, überhaupt klare Identitätsmerkmale zu fassen. Identität ist immer vielfach, nie einfach.“

Florian Drexler
Florian Drexler studierte Jazz-Saxophon am Konservatorium der Stadt Wien und Schauspiel bei Elfriede Ott. Er spielte in diversen Bands, gründete das Künstlerkollektiv „playground“ und arbeitet als freier Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagoge. Für die Oper „aKTION nILPFERD“ schrieb er das Libretto, übernahm die Regie und wurde für diese Leistung mit einer „Stella“-Nominierung belohnt. Mit „Hamed und Sherifa“ gibt er sein Debüt an der Kammeroper.

Foto: Lukas Gansterer

Ganz nah dran

Die Kammeroper ist ein eher intimer Rahmen. Worauf muss man achten, wenn man in diesem überschaubaren Umfeld inszeniert? „Ich komme aus der freien Szene, weshalb das für mich die Normalität ist“, bekennt Florian Drexler lachend. „Alle drei Sänger fungieren auch als Erzähler, die immer wieder in ihre Rollen und wieder aus diesen herausspringen müssen. Es wird Slapstick geben, persönliche Meinungen zum Text, aber auch feine, zarte Momente, und dabei kommt uns der intime Rahmen sehr entgegen.“

„Der Raum ist zwar klein, aber aufgebaut wie ein Theater. Wir haben einen Orchestergraben, der Distanz schafft. Ich frage mich eher, wie wir noch näher an die Menschen herankommen“, meint Tobias Hechler. Und Timothy Connor fragt sich, wie diese spezielle Situation mit Kindern sein wird.

In einer Vorstellung von „Il barbiere di Siviglia“ im MusikTheater an der Wien habe er ein wenig Papageno gesungen, was von der Regie lustig gemeint war.

„Daraufhin hat ein Besucher auf die Bühne gerufen: ‚Herr Connor, das ist das falsche Stück‘. Ich bin also gespannt, wie die Interaktion mit den Kids verläuft, die noch viel direkter sind.“

Zur Person: Johannes Bamberger

Der österreichische Tenor studierte an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Zu seinem Repertoire zählen u. a. Belmonte in „Die Entführung aus dem Serail“ und Don Ottavio in „Don Giovanni“. Im Theater an der Wien wirkte er u. a. in Leoncavallos „Zaza“ mit, an der Kammeroper war er u. a. in der Titelpartie von Leonard Bernsteins „Candide“ zu erleben.

Hier zu den Spielterminen von Hamed und Sherifa!