Soffi Povo und Niklas Doddo: Die jungen Wilden

Soffi Povo und Niklas Doddo sind die Jungstars am Theater der Jugend. Sie haben bereits als Kinder mit dem Spielen begonnen und es bis heute nicht aufgegeben.

Stellt euch auf den Tisch! Legt euch unter das Sofa! Schmeißt euch aufs Bett!“ Welche Regieanweisung auch immer an diesem Nachmittag vom fantasiebegabten Fotografen kommt, Soffi Povo und Niklas Doddo setzen sie mit Verve und Risikobereitschaft um. Denn nicht jeder würde unter einem Sofa kriechend oder sich auf einem Leoprint-Teppich wälzend eine geglückte Optik abgeben. Soffi Povo und Niklas Doddo ist das herzlich egal, schließlich wird man nicht Schauspieler, um stets blendend auszusehen. Dass sie es dennoch tun, ist vermutlich ihren spanischen und seinen sardischen Genen geschuldet. Neben den wilden Locken verbinden die beiden auch wilde Träume, wollten sie doch unabhängig voneinander schon in kindlichen Jahren Schauspieler werden. „Eigentlich seit ich klein war“, resümiert Soffi Povo. 

Schauspiel, Gesang und Tanz

„Ich hatte in der Schule Bühnenspiel und habe mit 13 in der Youth Com­pany des Performing Center Austria mitgemacht“, sagt sie. Auf dem Lehrplan standen Schauspiel, Gesang und Tanz – drei Disziplinen, die ihren Werdegang geprägt haben. „Es hat allerdings noch eine Weile gedauert, ehe mir klar wurde, dass man das auch professionell machen kann“, lacht sie. Als ihr das schließlich dämmerte, absolvierte sie eine Ausbildung an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, kurz MUK genannt. Als Spross einer „kreativen und kunstaffinen Familie“ wollte sie erst zum Film, um dann doch beim Theater glücklich zu werden. 

Dass ihr Vater früher als Kritiker tätig war, habe ihre Bühnenerfahrungen nicht unbedingt leichter gemacht. „Mich macht es oft nervös, wenn er im Publikum sitzt, obwohl er sehr wohlwollend ist. Mir ist seine Meinung wirklich wichtig. Er kommt als Vater, aber hat die Ahnung eines Kritikers.“ Neben Stationen wie dem Schubert Theater, dem Theater in der Drachengasse oder dem Theater Phönix Linz spielt Soffi Povo seit 2017 immer wieder am Theater der Jugend. Und kommt beim jungen Publikum hervorragend an. 

Foto: Lukas Gansterer, Styling: Sammy Zayed, Styling-Ass.: Dino Malooui, HMU: Karla Goldoni, Location: Hotel Bristol

Prinz gesucht

Etwas anders verlief die Sache bei Niklas Doddo. „Ich habe immer schon gerne Blödsinn gemacht und wahnsinnig viel geredet. Also meinten alle in der Familie, ich müsse Schauspieler werden. Das Schönste für mich war, mich zu verkleiden und Menschen zum Lachen zu bringen, vor allem meinen Vater.“ Nach einem TV-Casting im zarten Alter von sieben Jahren begann eine frühe Karriere, die auch durch Scripted-Reality-Formate wie „Das Familiengericht“, „Zwei bei Kallwass“, „Richterin Barbara Salesch“ oder „Niedrig und Kuhnt“ nicht umzubringen war. Als Kind fand er es schmeichelhaft, wenn ihn in der Schule alle ob des Nachmittagsfernsehruhms bewunderten. „Außerdem haben mir diese Auftritte den Motorrad- und den Autoführerschein finanziert“, beharrt er augenzwinkernd auf der Richtigkeit seines Tuns. Wobei er wohl recht hat, denn darüber hinaus nahm ihn auch die Filmschauspielschule Berlin auf, wo er zum Profi reifte. Jetzt wird es kurz sehr bürokratisch: „Danach trat die ZAV an mich heran – das ist so etwas wie das AMS für Künstler – und teilte mir mit, dass man am Theater der Jugend in Wien einen Prinzen suchen würde.“ 

Niklas Doddo hatte zwar keine Ahnung von Kinder- und Jugendtheater, aber eine von Prinzen – und ließ sich vermitteln. Nach seinem Debüt in „Das kleine Meermädchen“ spielte er die Hauptrolle in „Die Mitte der Welt“ und wurde für seine selbstverständliche Darstellung des schwulen Phil 2019 mit einer „Nestroy“-Nominierung in der Kategorie „Bester Nachwuchs männlich“ bedacht. Mehr kann man in so kurzer Zeit kaum erreichen.

Foto: Lukas Gansterer, Styling: Sammy Zayed, Styling-Ass.: Dino Malooui, HMU: Karla Goldoni, Location: Hotel Bristol

Klein. Dick. Schön. Selbstbewusst.

Sind Kinder als Publikum tatsächlich so gnadenlos, wie oft behauptet wird, will man aus berufenem Munde zweier Theater-­der-Jugend-Schauspieler wissen. „Sie sind viel ungefilterter – was erfrischend ist, weil sie sehr bei der Geschichte sind“, erklärt Soffi Povo. „Wenn ihnen langweilig wird, klettern sie auf die Stühle oder gähnen“, ergänzt Niklas Doddo. Und bei Kussszenen kann es schon einmal vorkommen, dass ein ganzer Kinderchor seinen Unmut durch ein kollektives „Wääääh!“ ausdrückt. Bei den nächsten beiden Produktionen im Oktober ist von kletternden oder angewiderten Kindern jedoch nicht auszugehen. 

In „Der Glöckner von Notre Dame“ nach dem weltberühmten Historienroman Victor Hugos verdichtet der britische Regisseur Jethro Compton die Handlung auf vier Personen. Eine davon – Esmeralda – wird von Soffi Povo dargestellt. Nicht als erotische Projektionsfläche, wie so oft, sondern als selbst­bestimmte Frau. „Sie ist sehr menschlich und sucht auch das Gute im Menschen, obwohl sie vorsichtig ist und eine Mauer um sich herum aufgebaut hat. Außerdem ist sie schlagfertig und, wie schon in der Disney-Fassung, eine starke Frau.“ Kein Objekt, sondern Subjekt. Soffi Povos Esmeralda lässt sich auch dann nicht sexualisieren, wenn sie leidenschaftlich Flamenco tanzt. Sie ist sich ihrer Reize sehr wohl bewusst, bestimmt aber selbst über deren Empfänger. Ein ebenso moderner wie unumgänglicher Zugang in zum Glück diverser gewordenen Zeiten. 

Das Stück in sechs Sätzen:

Quasimodo und Esmeralda verbindet eine vermeintlich unmögliche Freundschaft. Obwohl sie kaum unterschied­licher sein könnten, eint sie doch die ­ähnliche Lebenserfahrung. Beide sind von der Gesellschaft ausgestoßen – er ob seines Aussehens, sie wegen ihrer Herkunft. Als sich ihre Wege kreuzen, verknüpft ein unheilvoller Vorfall ihre Schicksale. Es folgt eine Spirale von Leidenschaft, Eifersucht und Gewalt. Kann die Liebe alles überwinden? 

Foto: Lukas Gansterer, Styling: Sammy Zayed, Styling-Ass.: Dino Malooui, HMU: Karla Goldoni, Location: Hotel Bristol

Kämpfer für Gerechtigkeit

Vielfalt ist auch in „Der kleine dicke Ritter“ das bestimmende Element, wird hier die von Niklas Doddo dargestellte Titelfigur doch nicht als strahlender Held skizziert, sondern als auf den ersten Blick ziemlich arglos. „Er ist freundlich, wohlwollend, höflich, naiv und dadurch auch kindlich“, so Niklas Doddo. „Er sollte eigentlich Drachen töten, bringt stattdessen aber ständig Babydrachen mit nach Hause und ernährt sich, um Tiere zu schützen, vegan.“ Aber er ist auch ein Kämpfer für Gerechtigkeit und bringt den üblen Baron Bulligrob mit Verstand und Ausdauer zur Strecke. 

Ist die Überwindung von Vorurteilen, wie sie in beiden Stücken zelebriert wird, ein Kernauftrag des Theaters? „Ja“, antwortet Soffi Povo. „Dass hinter Geschichten für Kinder eine Botschaft steckt, halte ich für sehr wichtig. Man kann natürlich eine rassistische Figur auf die Bühne stellen, braucht dann aber eine andere Figur, die den Gegenpol einnimmt, die klarmacht, dass Rassismus nicht cool ist.“ Für Niklas Doddo „bestimmt die Absicht das Handeln. Wenn ich auf der Bühne etwas mache, um absichtlich jemanden zu beleidigen, ist das natürlich falsch.“ Andererseits lebe die Comedy zum Beispiel auch von Klischees und Stereotypen und solle nicht der Political Correctness geopfert werden. „Wenn unser ganzer Fokus nur darauf gerichtet ist, bleibt die kreative Arbeit auf der Strecke.“

Das Stück in sechs Sätzen:

Ritter Länglich von Länglich ist entgegen seines Namens eher rund. Er zeichnet sich durch ein großes Herz aus und kann keinem Drachen etwas zuleide tun. Weil er mit seinem Edelmut alle anderen Ritter nervt, wird er auf die abgelegenen Bulli­grob-Inseln geschickt. Dort soll er dem wirklich gemeinen Alleinherrscher Baron Bulligrob das Handwerk legen. Daran haben sich vor ihm schon viele die Zähne ausgebissen. Doch Ritter Länglich ist bereit, für seine Werte einzustehen.

Foto: Lukas Gansterer, Styling: Sammy Zayed, Styling-Ass.: Dino Malooui, HMU: Karla Goldoni, Location: Hotel Bristol

Von Puppen und Podcasts

Drohender Kreativitätsverlust ist bei Soffi Povo und Niklas Doddo indes nicht zu befürchten. „Ich hatte vor kurzem mein erstes Engagement als Puppenbauerin“, erzählt Soffi Povo zu Recht stolz. Sie fertigt Klappmaulpuppen, die sie am Computer modelliert und mittels 3-D-Drucker in analoge Form bringt. Als nächsten Schritt plant sie mechanische Puppen. „Das ist ein Weg, von dem ich hoffe, dass er bei mir noch prominenter wird.“ 

Niklas Doddo hatte während des Lockdowns großen Spaß mit seinem Podcast „Un Quarto Sardo“, der in 37 Episoden ebenso launig wie kulinarisch versiert eine 2019 erlebte Italienreise nacherzählt. „Ein Projekt, auf das ich auch deshalb stolz bin, weil ich es tatsächlich vollendet habe.“ Und bei dem er sich kreativ – von der Musik bis zum Logo – mit all seinen Talenten austoben konnte. Denn der junge Akteur ist auch aufstrebender Komponist und entwickelt gerade seine erste Cartoonfigur. 

Oder, wie er es selbst ausdrückt: „Man entwickelt für so vieles Lust und Leiden­schaft!“

Foto: Lukas Gansterer, Styling: Sammy Zayed, Styling-Ass.: Dino Malooui, HMU: Karla Goldoni, Location: Hotel Bristol

Zur Person: Soffi Povo

Die Wienerin mit spanischen Wurzeln absolvierte schon als Jugendliche Schauspiel-, Gesangs- und Tanzkurse, studierte später an der MUK und war an einigen Bühnen zu sehen, ehe sie zum Theater der ­Jugend kam. 

Zur Person: Niklas Doddo

Geboren in Bayern, aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen, sammelte er bereits als Kind TV-Erfahrung, studierte an der Filmschauspielschule Berlin und spielt seit 2018 immer wieder im Theater der Jugend. 2019 war er für die Rolle des Phil in „Die Mitte der Welt“ für einen „Nestroy“ nominiert. 

2021 im Theater der Jugend zu sehen:

Der kleine dicke Ritter: Österreichische Erstaufführung am 12. Oktober im Renaissancetheater, Regie: Werner Sobotka

Der Glöckner von Notre Dame: Wiederaufnahme – Premiere am 19. Oktober im Theater im Zentrum, Regie: Jethro Compton

Anne of Green Gables: Uraufführung am 14. Dezember im Renaissancetheater, Regie: Thomas Birkmeir