Sisi war kein Dummerl

Sie verschleuderte Millionen, interessierte sich weder für ihre Kinder noch für die Bedürfnisse anderer ­Menschen. Dafür konsumierte sie Kokain und Cannabis. Versuch einer Richtigstellung.

Neunundneunzig Szenen über Sisi will das Volkstheater auf die Bühne bringen und die Frage beantworten: Wer war Sisi wirklich? Wir von der BÜHNE greifen der künstlerischen Suche ein wenig vor und haben die profilierteste Spezialistin in Sachen Sisi um eine historische Beleuchtung gebeten: Katrin Unterreiner hat nicht nur das Sisi Museum in Wien kuratiert, sondern auch mehrere Bestseller über die Habsburger geschrieben. 

Kann man in ein paar Sätzen das Phänomen und den Charakter von Sisi erklären?

Das Phänomen Sisi und der Charakter von Kaiserin Elisabeth, das sind zwei verschiedene Dinge. Die historische Person der Kaiserin war weder beliebt noch populär. Sie war kein Thema in der Öffentlichkeit, sie hat sich früh zurück­gezogen und wollte ein Privatleben nach ihren Vorstellungen leben. Dass aus ihr eine Ikone geworden ist, hat ausschließlich mit den Marischka-Filmen und vor allem mit Romy Schneider zu tun. Wenn diese Trilogie nicht so ein Hit geworden wäre, würde kein Mensch mehr über Sisi reden, weil sie historisch überhaupt keine Rolle gespielt hat und auch als Persönlichkeit nicht herausragend war. 

Also wer war Elisabeth?

Kaiserin Elisabeth war eine extrem ex­zen­­trische, egomanische Person, die eine  unglaubliche Ausstrahlung auf Menschen hatte, wenn sie es wollte. Sie konnte viel Charme haben, wenn sie jemanden be­­ein­drucken wollte. Aber im Grunde war sie eine Egomanin, die sich selbst gern als Opfer inszeniert hat. Ihren engsten Mitmenschen hat sie immer erzählt, wie sehr sie leiden musste und wie furchtbar alles am Wiener Hof war. Es sind immer alle vor Mitleid zerflossen. Wenn man etwa die Tagebücher der Hofdamen weiterliest, dann stößt man auf die Erkenntnis – die oft Jahre später kam –, dass sie sich von dieser Person manipulieren ließen. 

Warum hat Sisi das gemacht? War ihr fad?

Sisi hat sehr dafür gekämpft, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und wusste aber dann nicht, was sie damit machen soll. Sie hat es nicht geschafft, irgendeine Aufgabe zu finden, die sie interessiert, die sie erfüllt und ausgefüllt hätte. Ihre Rolle als Kaiserin war es nicht. Ehefrau war ihr egal, die Mutterrolle ebenso. Sie hätte wie viele Frauen in ihrer Zeit karitativ oder gesellschaftspolitisch tätig sein können. Es hätte viele Themen gegeben, für die sich hätte einsetzen können. Das hat sie alles gelangweilt. Alles, was sie angefangen hat, hat sie nach kürzester Zeit nicht mehr interessiert.

„Ein Dummerl war sie nicht, weil sie ja Menschen sehr gut manipulieren konnte, und da gehört auch ein gewisses Maß an Intelligenz dazu.“

Katrin Unterreiner

Zeugt das nicht auch von ­mangelndem Intellekt?

Ein Dummerl war sie nicht, weil sie ja Menschen sehr gut manipulieren konnte, und da gehört auch ein gewisses Maß an Intelligenz dazu. Aber sie war sicher keine intellektuelle Person und kein Mensch, der Dingen auf den Grund gehen oder sich wirklich ernsthaft mit Dingen beschäftigen will. 

Ist das mit ein Grund, warum sie Paläste bauen ließ, diese dann aber nie besucht hat? Wollte sie einfach nur Dinge haben?

Absolut. Das zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben: Sie konnte die Dinge nicht genießen.

Spielt diese Langeweile auch eine Rolle, warum Sisi Drogen ­genommen hat?

Man darf diesen Aspekt nicht aus heutiger Sicht betrachten. Elisabeth hat mit fünfzig schwere Depressionen ­bekommen. Das gängigste Mittel gegen melancho­lische Verstimmungen war ­Kokain, man konnte es in der Apotheke beziehen. Das war damals als Droge noch nicht erkannt. Und Cannabis hat sie nicht geraucht, sondern als Pulver gegen ihren Husten genommen. 

Wurde Sisi eigentlich damals auf der Straße erkannt?

Nein, man wusste nicht, wie sie ausgeschaut hat. Sie hat sich ja als sehr junge Frau fotografieren lassen – diese Fotos wurden dann einfach immer wieder verwendet. Außerdem war sie in Österreich kaum unterwegs. In ihren Residenzen war sie abgeschirmt, in die Oper ging sie nicht, das hat sie alles abgelehnt. Auf Reisen im Ausland wusste man nicht, wer sie ist. Als ältere Frau ist sie nur noch mit einer Hofdame und einem Reisemarschall ­gereist, also nur mit kleinem Hofstaat. Sie hatte ein Pseudonym, sie ist auch optisch nicht aufgefallen; und sie war keine Stilikone, die durch tolle Kleider herausgestochen ist.

Mich hat geschockt, dass Sisi einen Taillenumfang von nur 50 Zentimetern hatte …

Damals wurden schon junge ­Mädchen geschnürt und haben Korsett getragen, und damit hat sich der gesamte Körper­bau dieser Frauen nachhaltig ­verformt. Diese 50 Zentimeter erreicht man nur, wenn man das ganze Leben lang Korsett getragen hat.

Bedeutet das auch, dass Kaiserin ­Elisabeth nackt, ohne Korsett, diese deformierte Taille hatte?

Ja. Es gibt Zeichnungen von ­Medizinern, die das zeigen. Die geschnürten Frauen waren deshalb wahnsinnig anfällig für ­Lungenerkrankungen. Sie sind auch oft in Ohnmacht gefallen.

War Kaiser Franz Joseph froh, als er Sisi endlich los war?

Nein, er ist sehr an ihr gehangen. Sie haben sich auch sehr unterhaltsame Briefe geschrieben. Er hat auch die wenige Zeit sehr geschätzt, die sie miteinander verbracht haben.

Wie war die Beziehung zu ihren Kindern?

Zu ihren älteren Kindern hatte sie überhaupt keine Beziehung. Bei ihrer Jüngsten, Marie Valerie, wollte sie vieles wieder gutmachen und ist wie eine Glucke auf ihr gesessen und hat ihr permanent ein schlechtes Gewissen gemacht. 

Hatte Sisi Freunde?

Nein, sie hatte Hofdamen.

Also ein armes reiches Mädchen?

Nein. Nix armes reiches Mädchen – das war alles selbst verschuldet …

Klingt alles hochgradig gestört …

Na ja, gestört würde ich nicht sagen. Ich würde ihr Verhalten eher als sehr exaltiert bezeichnen. (Lacht.)

Foto: Christoph Liebentritt

Zur Person: Katrin Unterreiner

Katrin Unterreiner war wissenschaftliche Leiterin der Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges. m. b. H. und Kuratorin des 2004 eröffneten Sisi ­Museums. Sie ist Autorin zahl­reicher Bücher. Die Historikerin lebt und arbeitet in Wien. Sie ist als Kuratorin ­vieler Ausstellungen, Vor­tragende und ­wissenschaftliche ­Beraterin historischer Doku­mentationen, u. a. für ORF, arte, ZDF, ­ServusTV, tätig.

„Habsburgs verschollene Schätze“

So reich waren die Habsburger wirklich – das neue Buch von Katrin Unterreiner. Carl Ueberreuter ­Verlag 2020, 22,95 Euro.