Jonas Kaufmann und der perfekte Ton

Warum braucht man für „Parsifal“ bequeme Schuhe? Und warum heißt das Stück nicht „Kundry“? Opern-Weltstar Jonas Kaufmann singt im April in der Wiener Staatsoper die Titelpartie in „Parsifal" und hat der BÜHNE diese Fragen beantwortet.

Jonas Kaufmann hat jetzt meine ­Telefonnummer! Für diesen Satz wären viele Fans bereit, alles zu tun. Ich würde Ihnen ja die seine sofort weiter­leiten, hätte Kaufmann sie nicht schlauerweise unterdrückt. 30 Minuten hat sein PR-Agent uns gegeben, um über jenen „Parsifal“ zu reden, den Kaufmann gemeinsam mit Elīna Garanča (Interview BÜHNE Nr. 7) unter der Regie von Kirill Serebrennikov an der Wiener Staatsoper verkörpern wird. 

23 Fragen hatten wir vorbereitet. 78,26 Sekunden macht das pro Antwort. Das Telefon läutet. Er ist dran und dermaßen gut gelaunt und freundlich, dass ein Teil der Fragen, wegen Infantilität unsererseits, sofort gestrichen wird. 

2004 hat Kaufmann seinen ersten „Parsifal“ in Zürich gesungen, dann ein paar Wiederaufnahmen, eine Neuproduktion an der MET, dazu konzertante Aufführungen. Wer, wenn nicht er, kennt das Stück. Die Uhr tickt, lassen Sie uns beginnen.

Nicht­singen ist oft anstrengender als Singen

Herr Kaufmann, wie würden Sie einer ­Fünfjährigen die doch etwas komplexe Handlung von „Parsifal“ erklären?

Jonas Kaufmann: Puhh … (Man merkt, er hat die Frage nicht erwartet. Gut so, dann langweilt er sich wenigstens nicht.) Es gibt andere Wagneropern, die noch märchenhafter sind und mit denen man bei Fünfjährigen gut landen kann, wie „Lohengrin“. (Kaufmann macht eine Pause, atmet tief aus. Lacht. Und startet seine Verein­fachung.) Also: Da ist eine Gemeinschaft, die im Wald lebt und die ihr Allerkostbarstes verloren hat und es sucht. Lustigerweise heißt es: Nur der­jenige, der gar nichts weiß, kann es finden. Und dann kommt dieser eine und findet es wirklich, aber er findet es nicht deshalb, weil er nichts weiß, sondern er findet es, weil er unvoreingenommen an die Sache her­angeht, anders als die anderen, die schon zu viel wissen … (Kaufmann lacht.) War das verständlich?

Geht so. Sie stehen im ersten und im dritten Akt recht lange auf der Bühne herum und dürfen nichts tun außer schauen …

Jonas Kaufmann: Sie werden es mir nicht glauben, aber Nicht­singen ist oft anstrengender als Singen. Vor allem wenn wir davon ausgehen müssen, dass unser „Parsifal“ fürs Fernsehen aufgezeichnet werden wird und die Kamera viel näher an uns dran ist als das Publi­kum. Ich singe teilweise 25 Minuten gar nicht und werde beim Schauen beobachtet.

Das Problem beginnt, wenn man die Spannung verliert und von der Trägheit eingelullt wird. Birgit Nilsson hat einmal ­gesagt: „Das Wichtigste, was man für Wagner braucht, sind bequeme Schuhe.“ Ich dachte: Haha, Koketterie! Aber nach der Stimme ist das Wichtigste bei Wagner, dass man körperlich und geistig nicht müde wird. Der dritte Akt hat eine Spur mehr Zug als der erste Akt. Aber „Parsifal“ ist so wahnsinnig toll geschrieben, insofern hat sich mir nie die Frage gestellt: Lohnt sich das Warten? (Lacht.)

Vergoldete Version von Parsifal

Früher wurde Wagner wie Belcanto ­gesungen. Dürfen wir in Wien also auf eine vergoldete Version hoffen?

Jonas Kaufmann: Jaaaa! (Die Frage freut Kaufmann offensichtlich.) Gerade in Verbindung mit Elīna Garanča und Ludovic Tézier ist das ein Dreierpack, das für einen Wagner­gesang mit Legato steht. Ich finde, die Melodien von Wagner sind so berührend schön, dass sie sehr wohl eine Berechtigung haben, auch entsprechend gesungen zu werden. Und Philippe Jordan ist einer der wenigen Dirigenten, die Wagner zu einer unglaublichen Transparenz verhelfen können.

 „Parsifal“ ist ja nicht unbedingt ein feministisches Stück. Es gibt nur eine Frau. ­Warum hat man das Stück nicht einfach „Kundry“ genannt? 

Jonas Kaufmann: Oder „Gurnemanz“?! Bizet war sich nicht sicher, ob er sein Stück „Carmen“ nennen sollte. Ich glaube, der Name „Parsifal“ ergibt Sinn, weil er ja letztendlich derjenige ist, der alles zu einer Lösung bringt. Irgendwann hört die Macht der Kundry auf, und Parsifal übernimmt …

Grandiose Schönheit

Der Tenor Joseph Aloys Tichatschek soll überirdische Stimmkräfte gehabt haben und der Grund dafür sein, dass Wagner das Leistungsvermögen der Sängerinnen und Sänger ­überschätzt hat. Sauer auf Tichatschek?

Jonas Kaufmann: Ich muss jetzt keine Lanze für Wagner brechen, ­jeder weiß, dass ich ihm verfallen bin. Aber etwa bei Tristan weiß ich, wo die Grenze ist und dass man diese Grenze bis aufs Letzte ausloten muss, um das singen zu können. Ich werde in letzter Zeit von Leuten angesprochen, die sagen: „Da kann man doch ein bisserl schummeln.“ Aber dafür ist ­Wagner nicht da. Wenn ich das singen will, dann will ich es so singen, wie es dasteht.

Tristan stellt mir da eine Aufgabe im Tenorfach, die ihresgleichen sucht. Das ist bei Parsifal nicht ganz so. Bei Kundry ist das im Gegensatz dazu schon fast gemein geschrieben. Wagner hat sich eine Kontra-Altistin mit Koloratur vorgestellt. Vor allem am Ende des zweiten Aktes, das ist so … (Kaufmann fehlen die Worte – er beginnt zu singen. Klingt toll.) Wie kann eine Stimme, die all das andere, was er vorher verlangt hat, gemacht hat, dann dieses Stück auch noch mit Leichtigkeit singen.

Als Sänger können wir uns nicht beschweren, weil das, was wir singen dürfen, von grandioser Schönheit ist. Und ehrlich: Parsifal hat es nicht so schwer, wenn man die Minuten zusammenzählt, die er singt, dann kommt man auf circa 35. (Lacht.) 

Tenöre stehen im Ruf, nicht besonders intelligent zu sein – Ihr Kollege Piotr Beczała hat bei einem Treffen einen Tenorwitz nach dem anderen abgefeuert …

Jonas Kaufmann: … sehen Sie, intelligent genug sind wir Tenöre aber, um uns all diese Witze zu merken … (Jonas Kaufmann ist ja richtig schlagfertig, und ich verliere kurz den Gesprächsfaden; also zu einer Frage, die mich schon lange beschäftigt.)

Den Magen wieder an die richtige Stelle schieben

Stimmt es, dass viele Sänger an schmerzhaftem Reflux leiden, oder ist das ein Gerücht?

Jonas Kaufmann: Nein, das ist kein Gerücht. Das ist physisch ganz logisch. Beim Singen wird das Zwerchfell massiv nach unten gedrückt und quetscht Magen und ­Gedärme: Der Lunge soll möglichst viel Raum gegeben werden, um die Luftsäule, die sich zwischen Kehlkopf und Zwerchfell bildet, möglichst lang zu halten und einen möglichst großen Ton zu erzeugen. Da fliegt der Ton hin und her, und je länger der dauert, desto länger hält man das Zwerchfell tief.

Dieses ständige Nach-unten-Drücken führt dazu, dass sich der Magenausgang zwischen dem Zwerchfellgeflecht nach oben schiebt. Das wiederum behindert den Ringmuskel, der die Speiseröhre zum Magen hin abschließt. Sodbrennen entsteht. Das kann man vorübergehend hinkriegen, es gibt da viele Übungen, oder man arbeitet mit Osteo­pathen, die dann den Magen wieder an die richtige Stelle schieben. Aber beim nächsten Mal Singen kommt das Sodbrennen wieder. Ich kenne kaum einen Sänger, der das nicht hat. 

Jonas Kaufmann als Don Carlos. Ein Bild von Peter Konwitschnys Wiederaufnahme von Ende September 2020, als die Wiener Staatsoper (kurz) vor Publikum spielen durfte. Foto: Michael Pöhn

Eine Stimme wie ein Cello

Was ist das schönste Kompliment, das Ihrer Stimme je gemacht wurde?

Jonas Kaufmann: Marilyn Horne hat einmal gesagt: „Du hast eine Stimme wie ein Cello.“ Das war sehr nett.

Gibt es eigentlich einen Jonas-Kaufmann-­Trick, um von Ihrem exzellenten Aussehen abzulenken?

Jonas Kaufmann: (Jonas Kaufmann beginnt herzlich zu lachen, und selbst das klingt wie Koloratur.) Man versucht mit Kurzhaarperücken, mit Glatze, mit allen möglichen Dingen vom Kaufmann-Look wegzukommen. (Er lacht weiter.) Ich habe früher ­immer gesagt: Nicht jeder altert wie George Clooney, ich muss auch auf andere Qualitäten, wie Singen, schauen. 

„Singen ist etwas sehr Subjektives. Jeder will und hört etwas anderes.“

Jonas Kaufmann

Wie klingt der perfekte Ton? 

Jonas Kaufmann: Der perfekte Ton ist derjenige, der an der richtigen Stelle genau den richtigen Ausdruck bringt. Singen ist etwas sehr Subjektives. Jeder will und hört etwas anderes. Die Perfektion ist nicht das, was man als Musiker sucht: Ich suche Emotion. Die Musik ist ein Mittel, um Gefühle zu transportieren. Und Gefühle transportiert man nicht durch Perfektion. Man kann beeindrucken durch Perfektion, aber das ist nicht von Dauer. 

Sie gelten als großer Charmeur: Welche Sprache funktioniert bei Frauen am besten: Italienisch, Französisch, Spanisch …?

Jonas Kaufmann: Uiii … Ich nehme mal an, Italienisch. Das klingt so gurrend und geheimnisvoll, und selbst wenn man es nicht versteht, hat man doch immer das Gefühl, dass da etwas Unglaubliches erzählt wird.

Jonas Kaufmann, danke für das Gespräch.

Zur Person: Jonas Kaufmann

Das Private kennt jeder. Spannender ist die jahrelange Berufsbeziehung, die der 51-jährige Jonas Kaufmann mit Direktor Bogdan Roščić hat. Bis Ende 2019 war Roščić der Plattenchef von Kaufmann und verantwortlich für dessen größte internationale Verkaufserfolge. 

Ausstrahlung der Staatsopern-Inszenierung

Die Gesamtaufzeichnung der Premierenproduktion ist am 18. April ab 14.00 Uhr europaweit auf ARTE Concert kostenlos verfügbar und dort für mindestens 30 Tage abrufbar.

Radio Ö1 sendet die Aufzeichnung am 17. April 2021 ab 19.30 Uhr

Auf ORF 2 gibt es am Wochenende einen Parsifal-Schwerpunkt:
Die Sondersendung „Der Fall Parsifal“ (17. April 2021, 22.00 Uhr)
Die „Matinee am Sonntag“ (18. April 2021, 9.05 Uhr) zeigt Portraits der Protagonisten und Weltstars Jonas Kaufmann und Elina Garanca.
Eine umfassende Berichterstattung im „Kulturmontag“ (12. April 2021, 22.30 Uhr)

Aktuelle Infos aus der Wiener Staatsoper

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