Manner oder Ottakringer? Wer an der Grenze vom 16. Bezirk zum 17. Bezirk wohnt, kriegt den einen oder auch den anderen Geruch gratis durchs offene Fenster serviert. Heute liegt ein schwerer Malzgeruch in der Luft.

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Wir sind mit der Straßenbahnlinie 2 angereist. Eine durchaus empfehlenswerte Route, wenn man Zeit hat. Wir sind gemütlich bei der Oper eingestiegen, und irgendwann – drei Stationen nach dem Gürtel – liegt dann links das Gelände der Ottakringer Brauerei. Hier wird demnächst Oper gespielt, und zwar am Hefeboden.

Um zu diesem zu kommen, muss man zuerst durch einen Schranken, dann rechts durch einen Hauseingang, dann durch eine schwere Eisentür hinein in einen alten Fabriksbau und dann zwei Stockwerke hinauf. Jetzt riecht es wie bei Oma, wenn sie den Germteig am Heizkörper hat gehen lassen: nach Hefe.

Oben im zweiten Stock ist eine riesige Halle mit einer kleinen Bühne. Die Location ist wie aus einem coolen Krimi – könnte genauso gut in New York, London oder wo sonst Großstadt ist, sein.

Opernstudio Volksoper
Maurice Lenhard, Christian Zeller, Lotte de Beer und Christoph Ladstätter in der Volksoper.

Foto: Barbara Pálffy

Zweimal wird es hier im April Oper spielen, aufgeführt vom neuen Opernstudio der Volksoper Wien, das 2022 gegründet wurde und von der Christian Zeller Privatstiftung finanziert wird. Und es ist nicht irgendeine Oper, sondern eines der schrägsten Werke, die jemals geschrieben wurden: Francis Poulencs „Les mamelles de Tirésias“ – „Die Brüste des Tiresias“. 1947 hatte der Zweiakter Premiere an der Opéra Comique in Paris.

Benjamin Britten hat das Stück für zwei Klaviere bearbeitet, und man kann davon ausgehen, dass Poulenc und er es während des Schreibens wahnsinnig lustig hatten.

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Zur Person: Maurice Lenhard

studierte zuerst Gesang und dann erst Musiktheaterregie. Er arbeitete in Stuttgart und dann am Ballett am Rhein. Seit der Saison 22/23 ist er Leiter des Opernstudios der Wiener Volksoper. Seine erste Regiearbeit für die Volksoper war die Produktion der „Dreigroschenoper“ mit Sona MacDonald vom November 2022.

Schluss mit Kochen

Eine Ahnung, wie musikalisch abgedreht gearbeitet wurde, bekommt man, wenn man auf YouTube eine Aufnahme aus dem Jahr 1959 sieht: Francis Poulenc selbst begleitet die Sopranistin Denise Duval am Klavier, singt selber und kommentiert. Es ist eine musikalisch-komische Performance in Perfektion.

Für den Tipp haben wir Maurice Lenhard zu danken, dem Regisseur des Stücks und zugleich auch Leiter des Opernstudios der Volksoper.

Er wird uns gleich erzählen, was hier am Hefeboden zu erwarten ist und wie vor allem die Sänger*innen des Opernstudios zusammengestellt wurden. Zuvor aber müssen wir Ihnen den Inhalt des Werks zu Gemüte führen.

Und jetzt bedanken wir uns noch einmal: bei der Dramaturgie der Volksoper, die das weggesprengte Stück kompakt für uns zusammengefasst hat.

Thérèse hat es satt. Schluss mit Kochen, Putzen, Kinderkriegen. Sie will nicht mehr den Männern unterlegen sein, die mit ihrer Zeit und ihrem Einfluss doch nichts anderes tun, als in irgendwelche Kriege zu ziehen. Fest entschlossen, dieser Misere ein Ende zu machen, entledigt sie sich ihrer weiblichen Attribute, raucht, liest Zeitung – kurzum: Sie wird ein Mann von Welt und nennt sich nunmehr Tiresias. Ihr Gatte hingegen sieht der Zukunft der heiß geliebten patriarchalen Gesellschaft die Felle oder, noch schlimmer, den Nachwuchs davonschwimmen. Da ist es mit „Ein Mann, ein Wort“ nicht getan, drastischere Mittel müssen her. So entwickelt er eine Maschine, mit deren Hilfe er über 40.000 Kinder an einem Tag in die Welt setzen kann. Das Chaos ist vorprogrammiert.

Opernstudio Volksoper
Maurice Lenhard, der Regisseur, in einer Ecke des Hefebodens der Ottakringer Brauerei: „Diesem Raum werden wir grelle Farben entgegensetzen. Seine Akustik hat etwas von einer Kathedrale.“

Foto: Stefan Fürtbauer

Brüste als Ballons

Eine unserer Lieblingsszenen wird uns leider vorenthalten: wie Thérèse im ersten Akt ihre Brüste als Luftballons (ja, so steht es wirklich im Original) ins Publikum entschweben lässt. Sie können sich in etwa vorstellen, wie gerade bei dieser Szene vielen Regisseuren völlig die Fantasie durchging. In Utrecht wurden aus den Luftballons etwa medizinballgroße weiße Luftgefährte. Witzig, wer es infantil mag.

Es ist mutig, ein Opernhaus mit all seinen Strukturen und Service-Einrichtungen zu verlassen und Oper in einem nackten Industrieraum zu spielen. 260 Menschen passen rein, zweimal wird gespielt. „Die Akustik hat etwas von einer Kathedrale. Es wird aufregend, einen Raum zu erobern, der nicht fürs Musiktheater gemacht ist. Die Künstler*innen müssen einen Teil der Theaterillusion aus sich selbst holen. Man hat wenig Möglichkeiten, sich zu verstecken.“

Das bunte Team der Volksoper

Das Ensemble wurde auf der ganzen Welt zusammengecastet, von Amerika bis Spanien. Zwischen 23 und 28 Jahre ist die bunte Truppe alt, sie sind jetzt zwei Jahre im Opernstudio. „Sie haben die unterschiedlichsten musikalischen und menschlichen Backgrounds“, sagt Maurice Lenhard. „ Aber in allen haben wir das bestimmte Etwas gesehen, das es braucht, um eine spannende Zukunft im Sänger*innenberuf zu haben.“

Die Idee kam von Lotte de Beer. „‚Ich gebe dir den Auftrag, die Zukunft zu gestalten!‘, hat sie zu mir gesagt. Das Ziel ist – neben der Ausbildung –, dass wir von jungen Künstler*innen lernen, die immer reflektierter werden; denen es nicht egal ist, dass wir museal werden, und die dafür brennen. Sie sollen auch mitgestalten und werden nächstes Jahr eine Konzertreihe kuratieren, die sie dann selbst singen.“ Auch am Ende des Abends am Hefeboden werden Texte des Ensembles einfließen.

Opernstudio Volksoper
Das Opernstudio der Wiener Volksoper am Hefeboden der Ottakringer Brauerei.

Foto: Stefan Fürtbauer

Franzosen, macht Kinder!

Wir haben uns mit Maurice Lenhard in einen kleinen Raum oberhalb der Bühne zurückgezogen. Dort steht ein Tisch mit Heurigenbänken. Alles sehr rustikal. Alles drinnen in dem Stück, das aktueller nicht sein kann: Gender-Identität, Emanzipation, Überbevölkerung.

„Eigentlich geht es vielmehr um gesellschaftliches Geschlecht als um biologisches. Das ist der Clou. Tiresias sagt ja zu ihrem Mann: ‚Ich bin noch deine Frau, aber ich bin nicht mehr die gleiche wie vorher.‘ Dazu diese wunderbar geschriebene Hybris des Mannes, der dann sagt: Na gut, dann erfinde ich halt eine Maschine, die 40.000 Babys am Tag produziert.“

„Ô Français, faites des enfants!“ – „Franzosen, macht Kinder!“, mit dieser Aufforderung endet und beginnt auch das Stück. Eine Anspielung darauf, dass während der Premierenvorbereitung zwei Sopranistinnen wegen Schwangerschaft aufhören mussten, oder an den Geburtenrückgang in Frankreich nach dem Krieg? Bei Poulenc ist beides denkbar. „In meinem Umfeld fragen sich die Leute gerade, ob sie überhaupt noch Kinder in diese Welt setzen sollen, und genau diese Fragen wirft Poulenc auch auf. Wir werden es in eine zeitliche Entwicklung setzen und an dem Abend auch ‚Frauenliebe und -leben‘ aufführen.“

Am Ende des Tages ist das Stück eine Revue. Man kann es nicht psychologisch erklären.

Maurice Lenhard

In diesem berühmten Liederzyklus von Robert Schumann wird innerhalb einer halben Stunde ein ganzes Leben, von der ersten Verliebtheit bis zum Tod des Mannes, dargestellt. Es wird keine Vermischung, sondern ein Hintereinander.

Der Abend wird auf jeden Fall bunt. Lenhard: „Gerade so einem Industrieraum muss man grelle Farben entgegensetzen. Poulenc war ein Vollblut-Theatertier, und nur so kann man das Stück auch aufführen. Das ist eine Art Musiktheater, die kannst du nur mit 150 Prozent machen. Aber da mache ich mir keine Sorgen, unsere Sängerinnen haben Pfeffer und den Mut, dem Stück Reibung zu geben. Aber am Ende des Tages ist das Stück eine Revue. Man kann es nicht psychologisch erklären.“

Zu den Spielterminen von „Die Brüste des Tiresias“ am Hefeboden in der Ottakringer Brauerei