Das Entstehen von Selbstverständlichkeit

Dies ist eine Empfehlung für ein Buch, das es eigentlich nicht bräuchte, wären wir wirklich so tolerant, wie wir immer ­behaupten. Es heißt „Die schwule Seele“, und ORF III-­Kulturjournalist Peter Fässlacher hat es geschrieben.

Ein kleines Spiel zum Start, und zu gewinnen gibt es nichts. Von welchen bekannten Menschen stammen folgende vier Rezensionen:

1. „Lesen Sie dieses Buch! Es ist hoffentlich das letzte, das zu diesem Thema geschrieben wurde.“

2. „Ein ganz wichtiges Buch mit erhellenden Ansätzen und Erkenntnissen. Nicht nur für schwule Männer, sondern auch für diejenigen, die mit ihnen zu tun haben.“

3. „Ein tolles Buch! Die Coming-out-Hilfe!“

4. „Hätte meine Konversionstherapie damals funktioniert, bräuchte ich dieses Buch heute nicht!“

Während Sie jetzt am Ende dieses Artikels nach den dazugehörigen Namen suchen, zum Wesentlichen: Kulturjournalist und ORF III-Gesicht Peter Fässlacher hat ein knapp 200-Seiten-Büchlein geschrieben. Seit 15 Jahren stellt er den Großen und Spannenden des Kulturbetriebs Fragen – jetzt hat er sich hingesetzt und viele Fragen an sich selbst gestellt. 2014 hatte der gebürtige Kärntner sein Coming-out, da war er 28 Jahre alt. Jetzt wurde aus der Selbstbefragung „Die schwule Seele. Wie man wird, wer man ist.“ (Luftschacht-Verlag) – ein Buch, das breiter aufgestellt ist, als der Titel vermuten lässt.

In knapp zwei Stunden haben Sie es – Peter Fässlacher möge verzeihen – quergelesen, und Sie werden danach vieles verstehen, von dem sie davor ausgegangen sind, dass sie es eh immer wussten. Etwa: wie schwer es trotz aller vermuteten Toleranz noch immer ist, zu seinem Schwulsein zu stehen. Wie viele innere Kämpfe gefochten werden müssen. Peter Fässlacher hat keinen Ratgeber geschrieben, sondern ein höchstsympathisches und sehr persönliches Erklärbuch.

Sie fragen, wer es lesen sollte? Menschen, denen es hilft, sich zu outen. Eltern, die ihre homosexuellen Kinder besser verstehen möchten. Überhaupt sollte es in jeder Bibliothek seinen Platz finden, weil es durch seine Unaufgeregtheit im Erzählen die Welt ein wenig toleranter und dadurch besser macht. Wer bereit ist, über Fässlachers verbalen Regenbogen zu gehen, wird Klarheit finden.

„Der einzige Anspruch, den ich habe, ist ein hochgradig subjektiver Blick auf das Leben und Fühlen schwuler Männer, der dennoch mehr ist als nur meine persönliche Sicht. Mir kommt vor, als würden sich im Leben schwuler Männer immer wieder bestimmte Themen, Probleme, Muster, Sehnsüchte, Enttäuschungen oder Fragen wiederholen. Als würde es Strukturen geben, die für den Lebensstil schwuler Männer gewissermaßen typisch sind. Diese Muster wollte ich beschreiben.“ Peter Fässlachers Nachsatz: „Es ist ein Ratgeber, der keiner sein will. Ein Buch, das ich selbst gerne gelesen hätte. Um zu werden, wer man ist, muss man aufhören, die anderen zu fragen, wer man sein soll.“

Ganz an den Anfang hat Fässlacher eine Szene aus Madrid gestellt, in der er beschreibt, wie er dort, im Stadtteil Chueca, dem Schwulenviertel, das erste Mal das Gefühl der Selbstverständlichkeit hatte: „In diesem Moment war alles richtig, wie es war. Es gab nichts zu beachten oder mitzudenken – aus Vorsicht oder Angst. Ich konnte frei atmen.“ Möge dieser Zustand für immer und alle Menschen sein.

Peter Fässlacher - „Die schwule Seele. Wie man wird, wer man ist.“
Peter Fässlacher „Die schwule Seele. Wie man wird, wer man ist.“ Verlag Luftschacht, 22 Euro

Auflösung: 1. Andi Knoll, 2. Lilo Wanders, 3. Hape Kerkeling, 4. Harald Schmidt.

Zur Person: Peter Fässlacher

ist Moderator und Sendungsverantwortlicher des täglichen TV-Magazins „Kultur Heute“ auf ORF III. Außerdem moderiert Fässlacher viele große ORF III-Live- Events, wie den BÜHNE-Theaterpreis NESTROY. Peter Fässlacher wurde in Villach geboren und ist zweifacher Staatsmeister der Zauberkunst.

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