Der Unaussprechliche: „Der Vorname“ im Theater in der Josefstadt

Ein lustvolles Hinterfragen von Moralansprüchen: „Der Vorname“ aus den Kammerspielen des Theater in der Josefstadt wird am neunten April auf ORF III übertragen.

von Theresa Steininger, 8. April 2021

Der Unaussprechliche: „Der Vorname“ im Theater in der Josefstadt
Susa Meyer spielt Elisabeth Garaud-Larchet in „Der Vorname" in den Kammerspielen des Theater in der Josefstadt. Foto: Herwig Prammer

Ausgerechnet Adolphe? Als der werdende Vater Vincent bei einem Dinner unter Freunden und Verwandten verkündet, seinem Kind diesen Namen geben zu wollen, gehen die Wogen hoch. Was als liebevolle Neckereien beginnt, wird in Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellières Stück „Der Vorname“ später zu von Bosheit, Moralansprüchen und Polemik geprägten Wortgefechten. Die erfolgreiche Inszenierung aus den Kammerspielen der Josefstadt wird nun auf ORF III (9.4., 20.15 Uhr) im Rahmen von „Wir spielen für Österreich“ ausgestrahlt.

Folke Braband hat das ebenso heitere wie bittere Stück „Der Vorname“ mit Tempo und Witz inszeniert. Und er lässt lustvoll die bildungsbürgerlichen Fassaden bröckeln. Ein geselliges Get-Together unter Freunden wird da rasch zu einer regen Diskussion und eskaliert schließlich. Zumal man sich in diesen Kreisen sichtlich über den noblen Geschmack definiert, über den es nun zu streiten gilt.

Marcus Bluhm (Pierre Garaud), Michael Dangl (Vincent Larchet), Oliver Rosskopf (Claude Gatignol) sind in „Der Vorname“ in den Wiener Kammerspielen zu sehen – zur Zeit nur im Fernsehen. Foto: Herwig Prammer

Historisch vorbelastet

Erst sind die Argumente abstrus und witzig, ja, kommen ganz leichtfüßig und als scheinbar lieb gemeinter Spott daher. Später wird es ernst und die Hysterie angesichts des historisch vorbelasteten Namens greift um sich. Unerwartet kommen neben den verbalen Gefechten schließlich auch Familiengeheimnisse ans Tageslicht, die das Fass zum Überlaufen bringen. Große Moralansprüche treffen auf kleingeistige Bosheiten, Abgründe tun sich auf. Denn wie Pierre, gespielt von Marcus Blum, sagt: Jeder habe „verborgene Ecken des Lebens“.

Premiere in Paris und deutsche Kinoversion

Als das Stück 2010 am Pariser Théâtre Edouard VII aus der Taufe gehoben wurde, spielte man es gleich 250 Mal. Außerdem gab man das Werk an einige Häuser international weiter. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland wurde darüber hinaus ein Film auf Basis von „Der Vorname“ gedreht. Sönke Wortmann nahm sich 2018 der Kinoversion an, in Frankreich war es 2012 Matthieu Delaporte.

Bildungsbürgerliche Fassade bröckelt

In den Kammerspielen kam „Der Vorname“ im September 2019 zur Premiere. Georg Holzer übernahm es, die geschliffenen, oft scharfzüngigen Dialoge zu übersetzen. Dabei verkörpert Susa Meyer die schlagkräftige Elisabeth, Marcus Blum ihren Spießer-Mann Pierre und Oliver Rosskopf ihren sensiblen Jugendfreund, der sich als Musiker an Künstler-Klischees abarbeitet.

Michael Dangl spielt ihren Bruder Vincent, der gleichzeitig Pierres Jugendfreund ist. Laut einer Kritik changiert er „grandios zwischen allen Gefühlslagen“. Er agiere „geschmeidig gerade noch jenseits der Grenze zum Ungustl“, beschreibt ihn eine andere. Vincents Lebensgefährtin und Mutter in spe des zu benennenden Kindes mimt Michaela Klamminger. Sie wechselt rasant von Naivität zu scharfer Strenge, während Susa Meyer mit gewitzter Wucht punktet.

Mit diesem starken Quintett lässt Regisseur Folke Braband in seiner Inszenierung die bildungsbürgerlichen Fassaden gekonnt und pointiert abblättern. Und er beweist viel Gespür für Timing und Hintersinniges.

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