Mutmacher in der Krise: Ein Podcast hört den Kulturschaffenden zu

Aus- und Lichtblicke: Schauspielerin Lisa Weidenmüller produziert mit zwei Kollegen den Podcast „abgespielt" und sendet damit laute Lebenszeichen aus der geschlossenen Kulturszene, die sich zum Teil gerade neu erfindet.

von Julia Schilly, 2. April 2021

Mutmacher in der Krise: Ein Podcast hört den Kulturschaffenden zu
„abgespielt" heißt der Theaterpodcast von Schauspielerin Lisa Weidenmüller, den sie gemeinsam mit ihren Kollegen Florian Stohr und Tobias Voigt betreibt. Foto: Lisa Weidenmüller

„Man sieht niemanden, man hört niemanden. Wie gehts eigentlich den anderen?“, fragte sich Lisa Weidenmüller vor einem Jahr, als die Theater erstmals geschlossen wurden. Die Schauspielerin ist eigentlich im Moment Gast am Theater in der Josefstadt. Bloß, es wird nicht gespielt. Es ist sozusagen „abgespielt“ und so lautet auch der Titel des Podcasts, den sie seit April letzten Jahres gemeinsam mit ihren Kollegen Florian Stohr und Tobias Voigt produziert. Und das ist spannend anzuhören. Zum einen schildern SchauspielerInnen und Theaterleute schonungslos ihre aktuelle Situation. Zum anderen geht es um Innovation, Inspiration und Diversität im Theaterbetrieb.

„Es ist auch eine Chance mit jenen Menschen ins Gespräch zu kommen, an denen man im stressigen Alltag oft vorbei läuft“, sagt Weidenmüller der BÜHNE. So fragt die Schauspielerin in den bislang 20 Folgen zum Beispiel bei Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt, Theaterautor Ferdinand Schmalz, Regisseurinnen Carina Riedl und Stephanie Mohr, Theatermusiker Imre Lichtenberger Bozoki oder Inspizient Claudio Hiller genau nach, wie ihr Job eigentlich aussieht.

Aber auch Theaterkritiker wie Martin Thomas Pesl, Intendantin Stefanie Breve oder Wiebke Leithner, Geschäftsführerin der Wachau Kultur Melk, kommen zu Wort. In der zweiten Staffel ist Nadine Cobbina von der iG Clubkultur dabei. Der Podcast schafft ein breites Bild der aktuellen Herausforderungen im Kulturbereich. „Für mich war auch wichtig darüber zu reden, wie es freien KünstlerInnen geht. Bekommen sie Hilfen? Denn die Sorgen sind anders als bei Schauspielerinnen und Schauspielern mit festen Anstellungen an großen Theaterhäusern“, sagt Weidenmüller. Eine Erkenntnis für viele KünstlerInnen ist im Moment, dass mehr Standbeine mehr Sicherheit geben. „Das ist ja eine Gratwanderung: Sich breit aufstellen – vielleicht sogar mit einem Bürojob nebenbei – ohne sich gescheitert zu fühlen“, sagt die Schauspielerin.

Inspirieren und weiter denken

Die drei SchauspielerInnen wollen mit ihrem Podcast aber nicht nur „deprimierende Themen abhandeln“, betont Weidenmüller. Sind vielleicht auch Sachen entstanden, die andere inspirieren könnten und Mut machen? Für eine der nächsten Folgen hat Weidenmüller mit einer Dramaturgin vom Schauspielhaus Graz zum Thema „Theater und Innovation“ gesprochen. Diese hat ein Projekt mit Virtual Reality-Brillen gemacht. Die Idee ist Corona-konform, da die Brille nach Hause geliefert wird. Wenn Corona vorbei ist, soll weiter mit diesen Brillen gearbeitet werden.

Erleben wir vielleicht sogar, dass durch dieses Verschwimmen der Grenzen zwischen eigenem Zuhause und Theaterhaus die Kunstform persönlicher wird? Aktuell gibt es immer mehr Angebote, um auch Menschen abseits des Stammpublikums zu erreichen. Da wird „Theater für zu Hause“, Streaming einer Oper am Abend im eigenen Wohnzimmer oder Pop-up-Theater im Freien angeboten. Statt in ein etabliertes Theater zu gehen und ein Angebot „abzuholen“, werden Kulturinteressierte selbst involviert. „Ja, darin liegt eine Chance, dass man auch als KünstlerIn gezwungen ist, sich selbst zu befragen: Warum bin ich angetreten? Was will ich sagen? Wie komme ich an die Leute heran? Wie bringe ich die Kultur zu allen?“, sagt Weidenmüller und ergänzt: „Wenn sich die Strukturen im Theater selbst verändern, weil die Häuser diverser werden, entwickelt sich auch im Publikum etwas – da kommen andere Leute, wenn sie sich angesprochen fühlen.“

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