Martin Schläpfer und sein Spiel mit der Sehnsucht

Mit „Ein Deutsches Requiem“ hätte der Chef des Wiener Staatsballetts, Martin Schläpfer, eines seiner international erfolgreichen Stücke an die Volksoper bringen sollen. Nun heißt es warten und hoffen. Die Tänzerinnen und Tänzer proben inzwischen weiter.

von Theresa Steininger, 26. Januar 2021

Martin Schläpfer und sein Spiel mit der Sehnsucht
Die dynamische Choreografie zu Brahms’ Musik wurde vom Ballett am Rhein (hier im Bild) uraufgeführt. Foto: Gert Weigelt

Martin Schläpfers Choreografie zu Johannes Brahms’ „Ein Deutsches Requiem“ ist ein dynamisches Spiel – einerseits mit der Sehnsucht nach dem Oben und andererseits mit der Kraft, die die Menschen an die Erde bindet. 2011 wurde in Düsseldorf mit dem Ballett am Rhein Uraufführung gefeiert, 2012 wurde es mit dem deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet und seither auf Gastspielen der früheren Kompanie Schläpfers in Spanien, Israel, den Niederlanden und der Schweiz gezeigt. Das Wiener Publikum muss sich nun noch gedulden. Der Premierenabend in der Volksoper für Ende Jänner wurde abgesagt. Doch das Ensemble bleibt hoffnungsvoll. Auf Instagram postete das Wiener Staatsballett erst vergangene Woche Fotos aus der Probe mit der Caption: „Wir geben weiterhin alles in den Proben.“

Martin Schläpfer und seine sinnliche Choreografie

Für Martin Schläpfer hat es „eine besondere Sinnlichkeit – im Gegensatz zu manch anderen meiner Choreografien. Ich kann ja in meinen Arbeiten auch spröde und kopflastig sein. Vielleicht waren sie bis jetzt gerade deshalb so erfolgreich“, sagt er im BÜHNE-Interview. Inmitten eines kathedralengleichen, monumentalen Bühnenbilds von Florian Etti spielt Schläpfer mit dem Kontrast zwischen (auch grellem) Licht und nahender Dunkelheit, die Bewegungen der Tänzer sind vom stetigen In-sich-Zusammenfallen und Sich-Aufrichten bestimmt.

Die Tänzer – im Bild jene des Balletts am Rhein, wo das Stück uraufgeführt
wurde – spielen mit Leichtigkeit und Schwerkraft zugleich. Foto: Gert Weigelt

Requiem mobilisiert Unbekanntes

Einst befand sich Brahms’ Komposition auf der ersten Schallplatte, die sich Schläpfer als junger Tänzer in London gekauft hatte. Als er Jahre später nach einem zugkräftigen Musikstück suchte, besann er sich der ungewöhnlichen Totenmesse – auch oder gerade weil sie sich nicht per se für Tanz aufdrängt: „Ich hatte großen Respekt vor dieser Wahl – auch Schiss. Zuerst ging es mir darum, gut zu programmieren, danach überlegte ich, wie ich es löse“, sagt Schläpfer.

Und beschreibt, dass er sich „gerne in Herausforderungen werfe, die auf erste Sicht unlösbar sind, mit der Hoffnung, etwas Unbekanntes in mir selbst zu mobilisieren. Dann heißt es: schwimmen oder untergehen. Sich in solches Terrain zu begeben ringt einem Künstler Aspekte ab, die man sich gar nicht zugetraut hätte.“

„Ich möchte auf keinen Fall in meiner Kunst religiös sein. Wobei die Tanzkunst an und für sich – durch die enorme Hingabe, die sie vom Tänzer einfordert – durchaus ein religiöser Akt sein kann.“

Martin Schläpfer

Für ihn war weniger der sakrale Hintergrund des Werks von Bedeutung: „Ich möchte auf keinen Fall in meiner Kunst religiös sein. Wobei die Tanzkunst an und für sich – durch die enorme Hingabe, die sie vom Tänzer einfordert – durchaus ein religiöser Akt sein kann.“ Das Stück sei „eher eine Animation, das Leben zu feiern, aber auch zu zeigen, wie zwiespältig wahre Glaubensfindung ist. Es ist ein Stück, das Freude, Trost und Kraft vermittelt.“

Mal streben die Tänzerinnen und Tänzer gen Himmel, mal werden sie scheinbar von der Erde angezogen. Foto: Gert Weigelt

Pendeln zwischen Körperlichkeit und Fragilität

Ob Solis, Pas de deux, kleinere Ensembles oder große Gruppenszenen – was sich durch das 75-minütige Werk zieht, ist „das Zerrissensein zwischen oben und unten. Dies ist immer ein Spannungsfeld, das mich interessiert. Es gibt Figuren, die zwar im Glauben verankert, aber gleichzeitig allein, wie ausgespuckt sind“, so der Ballettchef.

Er fasst dies in ausdrucksvolle Hebungen, mal mit den Beinen im Spagat, dann wieder mit geflexten Füßen und gerundetem Oberkörper. In subtiles Ausloten von Balancen, in ein Pendeln zwischen Körperlichkeit und Fragilität. In Sprünge aus ungewohnten Posen. Fast immer wird barfuß getanzt, nur einmal hat eine Ballerina bei ihrem Solo auf einem Fuß einen Spitzenschuh – wohlgemerkt auf einem. Auch das ist für Schläpfer ein Ausdruck von Dazwischenhängen, ein Symbol für Fragilität, aber auch für Empathie mit den Menschen.

„Es ist eine Musik, die mich bis heute umhaut – durch Brahms’ Transzendenz, seinen Mut, diese auch persönlich auszulegen.“

Martin Schläpfer über Brahms Requiem

Generell habe Brahms’ Komposition, die in der Volksoper vom hauseigenen Chor und den Solisten Anita Götz und Günter Haumer (respektive alternierend Birgit Steinberger und Alexandre Beuchat) interpretiert wird, ihn bis dato nicht losgelassen: „Es ist eine Musik, die mich bis heute umhaut – durch Brahms’ Transzendenz, seinen Mut, diese auch persönlich auszulegen.“

Tänzer sitzen Chor minutenlang gegenüber

Einzig der sechste Satz habe ihm Kopfzerbrechen bereitet. „Hier fällt Brahms meiner Meinung nach im Text in ein altmodisches, konservatives Gottesbild zurück. Hier schien es mir sinnvoll, die Last vom Text in Verbindung mit den kraftvollen Fugen nicht mehr zu choreografieren, und ich lasse die Tänzer dem Chor gegenüber plötzlich minutenlang nur dasitzen.“ Aber: „Es gilt, sich als Künstler auch in Gefahr zu begeben, damit man künstlerisch nicht steckenbleibt.“

Das Wiener Publikum hat hoffentlich ab März erstmals die Gelegenheit, jenes Werk des neuen Ballettchefs zu sehen, das sich einmal mehr um die permanenten Lebensfragen dreht – mitreißend, kräftezehrend, dann wieder fragil und ganz geerdet getanzt.

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