Sarah Kane: Erinnerungen an eine Theaterdichterin

Am 3. Februar 2021 wäre die britische Theaterautorin Sarah Kane 50 Jahre alt geworden. Mit ihren formal und inhaltlich außergewöhnlichen Texten hat sie sich selbst ein ebenso fragiles wie widerstandsfähiges Denkmal gesetzt.

von Sarah Wetzlmayr, 3. Februar 2021

Sarah Kane: Erinnerungen an eine Theaterdichterin
Foto: Ullstein Bild/ Marianne Thiele

In Sarah Kanes posthum uraufgeführtem Stück „4.48 Psychosis“ steht am Ende folgende kurze Zeile: „Bitte öffnet die Vorhänge“. Bei der ersten Voraufführung des Stückes im Londoner Royal Court Theatre nahm Schauspielerin Jo McInnes diese abschließende Aufforderung zum Anlass, die Fenster zur Straße aufzureißen. Eine frühsommerliche Brise und leise Verkehrsgeräusche durchströmten den Raum. Niemand applaudierte, manche verneigten sich. Harold Pinter saß an diesem Abend im Zuschauerraum. Bei Sarah Kanes Begräbnis sagte er nur Folgendes: „Sie war eine Dichterin.“

Aus Verzweiflung etwas Schönes schaffen

Mit 28 Jahren nahm sich die britische Theaterautorin Sarah Kane im Februar 1999 das Leben. Sie veröffentlichte fünf Theatertexte, die aufgrund ihrer poetischen und anti-naturalistischen Machart heute für viele als Zäsur in der britischen Theatergeschichte gelten. Wo sich Dinge ändern, bislang totgeschwiegene Themen angesprochen und Strukturen aufgebrochen werden, gibt es natürlich auch immer kritische Stimmen. Geht es um Sarah Kane, waren diese gerade am Anfang ihrer Karriere oft ohrenbetäubend laut und alles andere als konstruktiv.

Als „disgusting feast of filth“ bezeichnete die Daily Mail ihr erstes, 1995 uraufgeführtes Stück „Blasted“. Die junge Autorin kommentierte den Kritikeraufruhr damals folgendermaßen: „Ein Stück über einen männlichen Journalisten mittleren Alters, der eine junge Frau vergewaltigt und selbst vergewaltigt und verstümmelt wird, hat mich bei einem Theater voller männlicher Kritiker mittleren Alters natürlich nicht gerade beliebt gemacht.“ Die Hoffnung, die in ihrem Erstlingswerk steckt, hätten viele, wie sie in einem Interview mit Aleks Sierz erklärt, einfach nicht erkannt. „Aber ich bin auch jemand, dessen Lieblingsband Joy Division ist, weil ich ihre Songs erbaulich finde. Aus Verzweiflung etwas Schönes zu schaffen, ist für mich das Lebensbejahendste, was ein Mensch tun kann.“

Sarah Kane: „Theater sollte emotional und intellektuell anspruchsvoll sein“

Vom Theater wünschte sich Sarah Kane, dass es auf verschiedenen Ebenen herausfordernd ist und die Menschen auch dementsprechend darauf reagieren. „Theater sollte emotional und intellektuell anspruchsvoll sein. Ich liebe Fußball. Das Niveau der Analysen, die man auf den Tribünen hört, ist erstaunlich. Wenn die Leute das im Theater machen würden …aber das tun sie nicht.“

Sehr viel häufiger wurde die Psyche der Autorin, die an Depressionen litt, ins Zentrum der Diskussionen gerückt. Vor allem ihr letzter Text, „4.48 Psychosis“ wird auch heute noch gerne als Abschiedsbrief gelesen. Als Ausstülpung einer gequälten Autorinnenseele. In dieser zerstückelten Textfläche, die ganz ohne explizite Charakterzuschreibungen auskommt, versucht eine junge, depressive Frau um 4.48 Uhr ihre Gedanken zu ordnen.

James MacDonald hat drei von Sarah Kanes Stücken, darunter auch „4.48 Psychosis“, uraufgeführt und ist dagegen, Realität und Fiktion zu sehr zu vermengen. „4.48 Psychosis ist als Biographie eher enttäuschend. Es ist vielmehr eine expressionistische Darstellung davon, wie dieser Geisteszustand ist“, schreibt der Regisseur im Nachruf des Guardian. Weil Sarah Kane eine hochtalentierte Autorin war, für die das Schreiben von Theatertexten alles bedeutete, sollte man sich seiner Meinung nach lieber auf andere Dinge konzentrieren. Auf jene nämlich, die sie zu einer Theaterautorin gemacht haben, deren Stücke vor allem am europäischen Festland ständig neu entdeckt und inszeniert werden: „Sarah schaffte, was bisher niemandem in ihrer Generation gelungen ist: Sie sagte das Unsagbare, in schönem Englisch und mit witzigen, unmöglichen Regieanweisungen.“

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