Freiheit und Pandemie: Vorabdruck von Daniel Kehlmanns neuem Text

Autor Daniel Kehlmann diskutiert im Theater in der Josefstadt mit Rudolf Anschober und Herbert Föttinger. Die BÜHNE veröffentlicht vorab einen Auszug seines Werks „Furcht und Elend des Virus“.

von Redaktion, 30. Oktober 2020

Freiheit und Pandemie: Vorabdruck von Daniel Kehlmanns neuem Text
Autor Daniel Kehlmann diskutiert am 15. November im Theater in der Josefstadt mit Rudolf Anschober und Herbert Föttinger. Foto: Jan Frankl

Dezidiert nicht die x-te, oft ähnliche Corona-Diskussion hätte es werden sollen, wenn Moderatorin Corinna Milborn zu „ZEITPUNKT Josefstadt“ lädt. Schon allein, weil ein neuer Text von Daniel Kehlmann vorgestellt worden wäre, ehe Milborn mit Gesundheitsminister Rudolf Anschober, Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger und Kehlmann über „Freiheit in Zeiten der Pandemie“ gesprochen hätte. Aufgrund der Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19 bleiben die Kulturhäuser im November zu. Die BÜHNE stellt dennoch einen Auszug aus Kehlmanns neuem Text vor.

Daniel Kehlmann, einer der erfolgreichs­ten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart, erlebte den Beginn der Corona-Krise in seiner Zweitheimat New York und schreibt an einem Stück für das Theater in der Josefstadt über die Auswirkungen der Pandemie, das kommende Saison uraufgeführt wird.

Auszug aus Daniel Kehlmanns Werk „Furcht und Elend des Virus“

KOFFER

Am Flughafen Tegel im Juni 2020, an der Sicherheitskontrolle. Ein Gepäckwächter steht bereit. Ein Reisender kommt heran, er hat einen Handgepäckkoffer und einen Laptop unter dem Arm.

GEPÄCKWÄCHTER

Stopp!

REISENDER 1

Ja?

GEPÄCKWÄCHTER

Nur ein Stück Handgepäck erlaubt!

REISENDER 1

Hab ich doch.

GEPÄCKWÄCHTER

Und was ist das?

Er zeigt auf den Laptop.

REISENDER 1

Bitte?

GEPÄCKWÄCHTER

(zeigt auf die Tasche)

Muss da rein!

REISENDER 1

Warum?

GEPÄCKWÄCHTER

Corona! Schon mal gehört von?

REISENDER 1

Was? Was hat denn das mit –

GEPÄCKWÄCHTER

(dröhnend)

Corona!!!!

Der Reisende zuckt mit den Achseln und verstaut seinen Computer in seiner Tasche. Mit etwas Drücken und Drängen geht es. Kopfschüttelnd geht er weiter. Ein Mann und eine Frau kommen, er hat zwei Taschen, sie keine.

GEPÄCKWÄCHTER

Stopp!

REISENDER 2

Ja?

GEPÄCKWÄCHTER

Zwei Taschen? Nee! Corona!

REISENDER 2

Ach so … Moment.
Er gibt eine der zwei Taschen der Frau.

REISENDER 2

Besser so?

GEPÄCKWÄCHTER

Na geht doch!

Die beiden gehen kopfschüttelnd weiter. Ein Musiker mit einem Koffer und einer Geigentasche kommt heran.

GEPÄCKWÄCHTER

Halt!

Der Musiker bleibt stehen.

MUSIKER

Ja?

GEPÄCKWÄCHTER

Zwei Handgepäckstücke. Geht nicht!

MUSIKER

Ich fliege Business-Class.

GEPÄCKWÄCHTER

Egal.

MUSIKER

Ich meine, ich fliege extra Business, damit ich die Geige –

GEPÄCKWÄCHTER

Interessiert mich ’nen feuchten Kehricht.

MUSIKER

Ich hab es schriftlich von der Lufthansa. Wenn man Busi­ness fliegt, hat man das Recht auf zwei Stück Handgepäck. Nur deshalb fliege ich doch Business. Ich fliege doch nicht wegen dem Essen Business!

GEPÄCKWÄCHTER

Was die Lufthansa sagt, ist mir schnuppe, wir arbeiten für den Flughafen Tegel, und hier ist die Regel, es gibt nur ein Stück Handgepäck.

MUSIKER

Warum?

GEPÄCKWÄCHTER

Corona! Schon mal gehört von?

MUSIKER

Was hat das mit Corona zu tun?

GEPÄCKWÄCHTER

Das diskutier ich doch nicht mit Ihnen.

MUSIKER

Das ist eine Guarneri, die kann ich nicht einchecken.

GEPÄCKWÄCHTER

Hier kommen Sie nicht mit zwei Gepäckstücken vorbei!

MUSIKER

Kann ich Ihren Vorgesetzten sprechen?

GEPÄCKWÄCHTER

Bin ich.

MUSIKER

Bitte?

GEPÄCKWÄCHTER

Vorgesetzter ist keiner da. Hier bin nur ich.

MUSIKER

Es muss doch einen ­Vorgesetzten …?

GEPÄCKWÄCHTER

Home-Office.

MUSIKER

Das kann doch nicht wahr sein. 

Er ­bemüht sich, ruhig zu bleiben.

Erklären Sie mir doch einfach – auf welche Art bekämpfen Sie ein Virus, indem Sie mich zwingen, eine Guarneri-Geige einzuchecken?

Eine Frau mit einer Handtasche und einem kleinen Rollkoffer kommt heran.

GEPÄCKWÄCHTER

Ich diskutier nicht. Sie kommen hier nicht durch. Sie gehen jetzt zurück zum Schalter und checken eins von beiden ein, oder Sie gehen wieder nach Hause mit Ihrem Krempel!

MUSIKER

Aber das hat doch gar keinen Sinn!

GEPÄCKWÄCHTER

Sie halten alles auf hier!

Der Reisende sieht sich um, hinter ihm ist immer noch nur die eine Frau. Er ist den Tränen nahe.

MUSIKER

Ich muss in Wien ins ­Tonstudio, und ich muss diese Maschine nehmen. Das ist meine Geige, die kann ich nicht weggeben, und in diesem Koffer ist mein Computer und meine Medizin. Ich bin zuckerkrank. Ich bitte Sie inständig –

GEPÄCKWÄCHTER

Jetzt weg hier, oder ich ruf die Sicherheit!

Der Reisende ist nahe am Nervenzusammenbruch.

MUSIKER

Aber sagen Sie mir wenigstens: warum?

GEPÄCKWÄCHTER

(brüllend) Corona!!!

Der Musiker gibt auf und wankt zurück zum Check-in.

GEPÄCKWÄCHTER

(zu der reisenden Frau)

Zwei Handgepäckstücke. Ist verboten.

REISENDE

Ich weiß, ich hab’s gehört. Verstehe ich das richtig, der Flughafen hat die Regeln ­geändert und kein Passagier weiß davon, und die Fluglinien wissen das auch nicht, und Sie erklären auch nicht, was Sie mit diesen Regeln eigentlich im Sinn haben?

GEPÄCKWÄCHTER

Ist mir egal, wer was weiß. Ich steh hier, um aufzupassen, dass jeder nur ein Stück Handgepäck hat.

REISENDE

Aber wenn in allen Mails der Fluggesellschaften und auf allen Websites steht, man darf in Business zwei Gepäck­stücke und in Economy ein Gepäckstück plus einen „persönlichen Gegenstand“ mitnehmen, dann heißt das doch vermutlich, dass Sie zurzeit fast jeden Passagier zurückschicken?

GEPÄCKWÄCHTER

Wenn sich keiner an die Regeln hält, schick ich alle zurück. An die Regeln muss man sich halten. Wo sind wir denn?!

REISENDE

Aber wenn keiner von den Regeln weiß?

GEPÄCKWÄCHTER

Nicht mein Problem.

REISENDE

Und wenn so eine Regel dann auch überhaupt keinen Sinn hat?

GEPÄCKWÄCHTER

Wie – keinen Sinn? Ist wegen Corona!

REISENDE

Wissen Sie, ich bin Ärztin, und ich sage Ihnen –

GEPÄCKWÄCHTER

Sie halten alles auf! 

Die Frau sieht sich um.
Hinter ihr steht niemand.

REISENDE

Schauen Sie, ich kann meine Handtasche in meinen Koffer stecken, aber verraten Sie mir – was bringt das?

GEPÄCKWÄCHTER

Bitte?

REISENDE

(zum Publikum)

Das gehört zu den Dingen, die dann später vergessen sein werden. Wenn alles vorbei ist. Handgepäck in Tegel, wen interessiert das schon, wird man sagen, bei so viel Leiden, so viel Toten, wen interessiert dann noch dieser Handgepäckwächter in Tegel? Aber  wenn es einem zustößt, wenn man zum Beispiel eine Geige dabei hat und Medizin, und wenn man vor der gewaltigen, überwältigenden, tsunamihaften Unsinnigkeit steht, der man sich einfach fügen muss, ohne Diskussion, ohne Frage, dann ist es nicht unwichtig. Es wird später ­unwichtig gewesen sein. Aber in diesem Moment …

Sie wendet sich wieder an den Gepäckwächter.

… oder? In diesem Moment nicht. Und es geht doch um Momente. Aus denen besteht das Leben doch. 

Er starrt sie an.

Sie öffnet ihren Koffer, legt die Handtasche hinein und schließt ihn wieder.

GEPÄCKWÄCHTER

Na geht doch.

REISENDE

Sie wissen, dass ich die Tasche in zwanzig Metern wieder rausnehme?

GEPÄCKWÄCHTER

Nicht mein Problem.

Sie will an ihm vorbei und bleibt doch noch einmal stehen.

REISENDE

Sagen Sie es noch mal. Ich will’s hören. Ich will es mir merken. Für später. Wenn alles vorbei ist.

GEPÄCKWÄCHTER

Was?

REISENDE

Warum schicken Sie jeden einzelnen Reisenden zurück, ohne je eine Ausnahme zu machen, nicht mal bei wertvollen Geigen, damit jeder nur ein Köfferchen dabeihat und kein Täschchen dazu? Warum genau tun Sie das?

Der Gepäckwächter öffnet den Mund. Aber bevor er wieder „Corona“ brüllen kann, wird es –

DUNKEL

Rechte des Textes „Furcht und Elend des Virus“: Sessler Verlag

Zur Person: Daniel Kehlmann

45 Jahre, Wohnorte: Berlin, New York, Bestseller-Autor und Dramatiker
Mit „Die Vermessung der Welt“, einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit, wurde er weltberühmt. Der Bestseller „Tyll“ brachte ihm eine Nominierung für den renommierten International Booker Prize ein.

Spielplanänderung: „ZEITPUNKT“ im Theater in der Josefstadt entfällt

Die Reihe „ZEITPUNKT Josefstadt“ findet in Kooperation mit „ZEIT Österreich“ statt und wurde 2015 von Peter Turrini und Herbert Föttinger initiiert, um gesellschaftspolitische Debatten ins Theater zu bringen.

Die nächsten Vorstellungen im Theater in der Josefstadt finden aufgrund der Coronamaßnahmen im Dezember statt.

Weiterlesen: Marlene Dietrich, unsterblich in Wien