Die Verwandlung von Markus Meyer: 200 Mal Dorian Gray

Ende Oktober feiert der Burgtheaterschauspieler sein rundes Jubiläum in der Rolle der Kultfigur von Oscar Wilde. Der facettenreiche Schauspieler erstaunt das Publikum dabei immer wieder. Auch sein Lebensweg ist von Wandlungen und Neuerfindungen geprägt.

von Julia Schilly, 23. Oktober 2020

Die Verwandlung von Markus Meyer: 200 Mal Dorian Gray
Markus Meyer ist seit 16 Jahren im Ensemble des Wiener Burgtheaters. Die Rolle als Dorian Gray wurde ein Dauerbrenner. Foto: Julia Schilly

„Ich bin immer noch vor jeder Vorstellung aufgeregt“, sagt Markus Meyer. Am 31. Oktober schlüpft er zum 200. Mal in die Rolle des Dorian Gray. Dabei verwandelt er sich in alle Rollen des einzigen Romans von Oscar Wilde rund um ewige Jugend, Dekadenz und Unsterblichkeit. Nach einem Einfall von Regisseur Bastian Kraft agiert der Schauspieler dabei alleine auf der Bühne und kommuniziert mit Videos, die auf mehr als ein Dutzend Leinwände projiziert werden. Die Figuren wurden alle von Meyer eingesprochen, der zwischen den Bildern spielt und akrobatisch herumklettert. Es ist eine Meisterleistung an schauspielerischer Verwandlung, Präzision und Kraft.

Die erste Vorstellung von „Dorian Gray“ fand am 19. März 2010 im Vestibül des Wiener Burgtheaters statt. Ab September 2014 wurde das Stück im Akademietheater gezeigt. „Ich versuche immer wieder etwas anderes im Text zu entdecken“, sagt Meyer. Der Stoff des 1890 erschienen Buches wirkt zeitgemäßer denn je: Dorian Gray giert nach ewiger Jugend. Sein Wunsch geht auf magische Weise in Erfüllung: Dorian altert nicht mehr. Auf der Höhe seiner jugendlichen Schönheit wird er zum lebendigen Bild. Währenddessen verändert sich das Porträt, das sein Freund Basil von ihm gemalt hat. Sein Abbild wird zu seinem wahren Gesicht, in dem seine Sünden und das Alter tiefe Spuren hinterlassen und das er deshalb am Dachboden versteckt.

Von außen nach innen vordringen

Markus Meyer verwandelt sich dabei fast bis zur Unkenntlichkeit in die zahlreichen Rollen des Stücks, die im Großformat projiziert werden. Live ist sein Kopf mit einer rissigen Hülle aus Blattgold bedeckt. „Relativ schnell höre ich, wie eine Figur spricht, sich bewegt und was sie anhat. Mir hilft der Gang, die Körperhaltung“, beschreibt er seine Vorgehensweise, wenn er sich an neue Figuren herantastet. Meyer spricht zudem gerne mit dem Kostüm, auch die Requisiten sind ihm wichtig.

Es gibt zwei große Ansätze im Schauspiel: Von innen oder außen an eine Rolle herangehen. „Ich wähle sehr gerne die Herangehensweise von außen“, sagt Meyer. Dadurch dringe er zum Kern vor. „Ich bin zum Schauspiel gekommen, um mich zu verwandeln. Daher empfinde ich es immer als Kompliment, wenn mir Leute sagen, dass sie mich zuerst gar nicht erkannt haben.“

Markus Meyer spielt in Dorian Gray mit seinen eigenen Projektionen. Foto: Reinhard Werner

Vom Biochemiker zum Schauspieler

Die Verwandlung ist ein Thema, das sich auch durch Meyers privaten Werdegang zieht: Er schloss ein Biochemiestudium erfolgreich ab, wagte danach aber das Schauspielstudium. „Ich komme aus einer relativ kleinen Stadt in Norddeutschland. Dort war es nicht üblich, dass man Schauspieler wird. Das machten Leute im Berlin oder im Fernsehen“, sagt Meyer.

Die Bühne und das Darstellen habe ihn aber schon immer angezogen. Denn als Kind hat Meyer gestottert und hatte Angst, vor anderen zu sprechen. „Wenn ich jedoch den Raum bekam, anderen etwas ‚vorzumachen‘, war ich wie befreit“, sagt er.

Schnell merkte Meyer, dass ihm Biochemie zu trocken war: „Ich wollte mit Menschen zu tun haben.“ Nach einigen Vorsprechen wurde er mit fast 25 Jahren an der Schauspielschule in Berlin angenommen. Er bereue diesen Umweg über ein naturwissenschaftliches Studium nicht, sagt er. Nach dem Schulabschluss sei er für ein Schauspielstudium noch nicht bereit gewesen. „Es war eine Komplettverwandlung“, resümiert Meyer über diese Zäsur in seinem Leben.

Das Theater und die Biochemie sind jedoch nicht die einzigen „Rollen“ von Markus Meyer: Fünf Jahre betrieb er intensiv Turniertanz. „Ich hätte große Lust, es wieder zu machen“, sagt er. Angefacht wird diese Leidenschaft durch das Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“, das er mit Andrea Eckert im Burgtheater spielt.

Zur Person: Markus Meyer

Markus Meyer wurde 1971 in Cloppenburg geboren. Nach erfolgreichem Diplom im Studiengang Biochemie an der Technischen Universität Hannover entschloss sich Meyer, Schauspiel an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch zu studieren. Gleich nach seinem Abschluss im Jahr 2000 wurde er Mitglied des Berliner Ensembles. Seit seinem Debüt am Burgtheater als Brick in Die Katze auf dem heißen Blechdach 2004 ist Markus Meyer Ensemblemitglied des Hauses. Neben seiner Tätigkeit im Bereich Hörfunk und Hörspiel ist Markus Meyer ebenfalls in diversen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen.

Termine, Infos, Karten: Dorian Gray

Dorian Gray, nach Oscar Wilde, Fassung des Burgtheaters von Bastian Kraft
Mit: Markus Meyer
Regie: Bastian Kraft,
Bühne: Peter Baur, Kostüme: Dagmar Bald, Licht: Michael Hofer, Dramaturgie: Barbara Sommer
Die nächsten Termine von Dorian Gray im Akademietheater

Tipp: Sechs Tanzstunden in sechs Wochen im Kasino des Wiener Burgtheaters
Nächste Termine: 13. und 15. November 2020