Rafał Tomkiewicz bringt frischen Wind in barocke Arien

Countertenor Rafał Tomkiewicz singt ab Samstag in Vivaldis "Bajazet" in der Kammeroper. Mit der BÜHNE sprach er darüber, ob er Team Vivaldi oder Team Händel ist und wie er seine Stimme fand.

von Julia Schilly, 25. September 2020

Rafał Tomkiewicz bringt frischen Wind in barocke Arien
Countertenor Rafał Tomkiewicz steht in Vivaldis "Bajazet" auf der Bühne der Kammeroper des Theaters an der Wien. Foto: Theater an der Wien/Herwig Prammer

Countertenor Rafał Tomkiewicz lässt sich nicht lange bitten. Im Vorraum der Kammeroper in Wien schmettert er eine barocke Arie, die nicht besser in das elegante Ambiente passen könnte. Einzelne Arbeiter queren die Szene, vom Bühnenraum dringen leise Stimmen. Zwei Wochen vor der Premiere von Vivaldis „Bajazet“ herrscht in der kleineren Spielstätte des Theaters an der Wien im ersten Bezirk eine konzentrierte Geschäftigkeit. Die BÜHNE hat den Countertenor vor den Proben getroffen und mit ihm über das Stück und seine einzigartige Stimme gesprochen.

Opern-Pasticcio in drei Akten

Bereits vergangenes Jahr hat Tomkiewicz in „Giustino“ von Georg Friedrich Händel sein Debüt in der Wiener Kammeroper gegeben. In dieser Saison wird er an drei Produktionen mitwirken. Im Opern-Pasticcio „Bajazet“ verkörpert er Tamerlano und wird unter anderen mit Mitgliedern des „Jungen Ensembles“ des Theater an der Wien singen.

Vivaldi schrieb das Opern-Pasticcio in drei Akten für die Karnevalsaison in Verona im Jahr 1735. Es beruht auf demselben Libretto wie Händels „Tamerlano“. Vivaldi arbeitete mit einem Trick, wie Regisseur Krystian Lada im BÜHNE-Interview erklärte: Die Arien für „eroberte“ und gute Charaktere wie Bajazet und Asteria sind von Vivaldi, die für die Eroberer – Tamerlano, Andronico und Irene – hat er bei Konkurrenten entlehnt.

Große Konflikte im engen Tonstudio

„Es ist eine Oper, die auf historischen Fakten beruht“, sagt Tomkiewicz. Sultan Bajazet wird von Kaiser Tamerlano besiegt und gefangen genommen. Dieser weigert sich, Tamerlano zu unterwerfen. Zudem will der Kaiser Bajazets Tochter Asteria heiraten, was zu weiteren Konflikten führt.

In der aktuellen Produktion wird die Handlung in ein Tonstudio geholt. Tomkiewicz ist der Aufnahmeleiter. Ziel ist es, die Oper einzusingen. Nach einiger Zeit vermischen sich jedoch Realität und Handlung des Stücks. „Irgendwann werde ich zu Tamerlano, der Bajazet töten will, um Asteria als Frau zu nehmen“, sagt er.

Tomkiewicz singt in der Stimmlage eines Countertenor. Er entdeckte mehr durch Zufall, dass sich seine Stimme optimal für die charakteristische Falsett-Technik einsetzen lässt. Denn ursprünglich studierte er in Krakau, um als Tenor zu singen. Da er Probleme mit hohen Noten hatte, schlug sein Lehrer vor, dass er es im Falsett versuchen sollte. Das funktionierte auf Anhieb so gut, dass Tomkiewicz dabei blieb. Der polnische Countertenor hat überhaupt eine sehr erfrischende Herangehensweise an seine Kunst: Langes Aufwärmen oder übermäßiges Schonen seiner Stimme ist ihm fremd. Lieber legt er los und erforscht mit großer stimmlicher Leidenschaft, wo es hingeht.

Team Händel, oder Team Vivaldi?

Als nächstes wird Tomkiewicz in „Giasole“ von Francesco Cavalli zu hören sein – das war in Warschau auch seine erste Produktion als Countertenor. Im April wird er im Theater an der Wien mit einer Rolle in Händels „Saul“ auf die größere Bühne wechseln.

Und wen bevorzugt er nun: Team Händel oder Team Vivaldi? Der Sänger überlegt. „Meine meisten Rollen waren bislang von Händel. Daher sagen wir Händel. Oder sagen wir lieber, ich bevorzuge Barockmusik“, sagt Tomkiewicz und lacht.

Zur Person

Rafał Tomkiewicz studierte an der Chopin Musikuniversität in Warschau und gewann 2017 den 1.Preis beim Nationalen Krystyna Jamroz Gesangswettbewerb und einen Sonderpreis beim IV. Internationalen Gesangswettbewerb für Alte Musik in Posen. Es folgten Auftritte in Bernsteins Chichester Psalm in Koblenz, Tolomeo in Händels Giulio Cesare in Posen unter Paul Esswood, die Titelrolle in Eötvös’ Rhadames in Biel und Bozen, Unulfo in Händels Rodelinda an der Polish Royal Opera, das Te Deum von Antonio Teixeira in Genf und Lausanne sowie Konzert und CD-Einspielung von Stradellas Il trespolo tuttore beim Barock-Festival in Viterbo. Geplant ist Händels Jephta am Opernhaus in Posen. An der Kammeroper war er zuletzt in Händels Giustino zu hören und wird bei der nächsten Produktion – Cavallis Giasone – die Titelpartie übernehmen. Im Theater an der Wien wird er im April in Händels Saul zu hören sein.

Weitere Infos und Karten

Bajazet in der Wiener Kammeroper
Premiere: Samstag, 26. September 2020, 19:00 Uhr 
Aufführungen: 28. / 30. September & / 2. / 4. / 7. / 9. / 11. / 13. Oktober 2020, 19.00 Uhr bis 21 Uhr (keine Pause)