Neapel gegen Venedig: Das ist barocke Brutalität

In der Wiener Kammeroper ­erwartet das "Junge Ensemble" den Saisonauftakt. Es wurde aus 572 Bewerberinnen und Bewerbern ausgewählt. Los geht es am Samstag mit Vivaldis Bajazet.

von Stefan Musil, 23. September 2020

Neapel gegen Venedig: Das ist barocke Brutalität
Sogia Vinnik wird als Asteria in "Bajazet" eine Achterbahn der Gefühle durchlaufen. Foto: Moritz Schell

In der Wiener Kammeroper geht das aus 572 Kandidatinnen und Kandidaten frisch gecastete Junge Ensemble des Theaters an der Wien an den Start. Zum Saisonauftakt gibt’s Antonio Vivaldis „Bajazet“. Die Geschichte von Sultan Bayezid I. (Bajazet) und dem mongo­li­schen Kriegsherrn Timur Lenk (Tamerlano) war im Barock viel vertonter Opernstoff. Der Kampf zwischen Osmanen und Mongolen war für Vivaldi 1735 aber auch die Steilvorlage, um die neapolitanische gegen die venezianische Oper antreten zu lassen. Vivaldi wählte die Form des Pasticcios, wies den Türken von ihm selbst komponierte Musik, den Mongolen aber Arien der „Neapolitaner“ Hasse, Giacomelli oder Broschi zu. Das ergibt ein grandioses Opernmatch!

Andrew Mortenstein wird in „Bajazet“ den Part des Andronico übernehmen. Foto: Moritz Schell

1. Andrew Morstein, 30, Tenor aus Silver Spring in Maryland, USA, ist Gewinner des Metropolitan Opera Encourage­ment Award und steht als Andronico auf der Bühne der Kammeroper. Der ist ein griechischer Prinz und Verbündeter von Tamerlano, dem Anführer der Tataren. Was er jedoch nicht weiß: Andronico liebt die Tochter von Sultan Bajazet, Asteria. Und auch sie liebt ihn. Damit sind die Probleme programmiert, denn auch Tamerlano begehrt die türkische Schönheit.

Zwei junge Sopranistinnen in Höchstform

Valentina Petraeva singt in „Bajazet“ die Irene mit Koloraturen der Extraklasse. Foto: Moritz Schell

2. Valentina Petraeva, 26, Sopranistin aus Krasnoholmskiy in Russland, ließ sich in Moskau ausbilden und ist stilistisch mit allen Wassern gewaschen. Sie spielt im russischen, im deutschen, im italienischen genauso wie im barocken Fach. Die Partie der Irene ist eine besondere Perle in Letztgenanntem. Die Prinzessin von Trapezunt und Verlobte Tamerlanos soll gegen die neue Attrak­tion Asteria getauscht werden. Diese Nachricht bringt sie naturgemäß zur Raserei: tolle Arie, Höhepunkt, ein Koloraturensprint der Extraklasse!

Miriam Kutrowatz übernimmt in „Bajazet“ die Rolle der Idaspe. Foto: Moritz Schell

3. Miriam Kutrowatz, 23, tritt ein Heimspiel an. Die Sopranistin ist Wienerin mit burgenländischen Wurzeln, absolvierte die Universität für Musik und darstellende Kunst, und sie war Nachwuchspreisträgerin beim Cesti-­Wettbewerb 2019. Im „Bajazet“ übernimmt sie als Idaspe eine Hosenrolle, die Vivaldi für einen Soprankastraten kreiert hat. Idaspe ist ein Freund von Andronico – ein eher stiller Läufer, der  aber wunderbare Arien singen darf und Andronico einen Vortrag über die Vergänglichkeit der Schönheit hält.

„Il barbiere“ mit Nachwuchstalenten

Ivan Zinoviev wird Don Basilio im Barbiere verkörpern. Foto: Moritz Schell

4. Ivan Zinoviev, 32, hat bereits Spielerfahrung auf der großen Bühne gesammelt. Aus Krasnoyarsk gebürtig, ging er zum Studium nach Moskau und Wien. Im Theater an der Wien hat er in kleineren Rollen in „Die Jungfrau von Orléans“, „La Vestale“ oder „Salome“ bereits reüssiert und wird auch weiterhin als Legionär dort auftreten. Die ­Saison mit seiner JET-Mannschaft startet für den Bass mit dem JET-Special „­Lieder und Tänze des Todes“ im Oktober, außerdem ist er der garstige Musiklehrer Don Basilio im „Barbiere“.

Sebastiá Peris wird im März den Figaro im „Il barbiere di Siviglia“ geben. Foto: Moritz Schell

5. Sebastià Peris, 31, stammt aus Valencia, hat in seiner Heimatstadt auch studiert und wechselt nach Engagements in Düsseldorf und Amsterdam jetzt nach Wien. Er wird als Figaro in „Il barbiere di Siviglia“ im März erstmals aufs Kammeropern-Feld gelassen. Da darf der Bariton dann einen Abend lang den Drahtzieher geben und dem feschen Apotheker-Mündel Rosina und dem schwer verliebten Conte Almaviva mit ein paar geschickt eingefädelten Zügen zeigen, wie man zueinanderkommt.

Emotionale Achterbahnfahrt als Asteria

6. Sofia Vinnik, 23, in München geborene, dort und am Mozarteum in Salzburg ausgebildete Mezzosopranistin, schaffte es 2018 beim Innsbrucker Cesti-­Wettbewerb ins Finale. Auch Cecilia Bartoli hat sie schon zum Training an die Vocal Academy in Gstaad geholt. Sie muss als Asteria starke Nerven zeigen. Zuerst fühlt sie sich vom Geliebten Andronico verraten. Dann macht ihr Tamerlano den Hof. Sie willigt zum Schein in die Verbindung ein, plant aber, Tamerlano zu erdolchen.

Weitere Infos und Karten

Bajazet in der Wiener Kammeroper
Premiere: Samstag, 26. September 2020, 19:00 Uhr 
Aufführungen: 28. / 30. September & / 2. / 4. / 7. / 9. / 11. / 13. Oktober 2020, 19.00 Uhr bis 21 Uhr (keine Pause)

Opern im Theater an der Wien

Das Opernhaus der Vereinigten Bühnen Wien startet mit der Spielzeit 2020/21 in seine fünfzehnte Saison. Insgesamt stehen 13 Premieren, davon 11 Neuproduktionen, mit Opern von Cavalli, Vivaldi, Mozart, Rossini, Donizetti, Wagner, Massenet, Leoncavallo, Gershwin, Prokofjew und einem Ballett von John Neumeier sowie die Wiederaufnahmen der Erfolgsproduktionen „Platée“ (Rameau) und „Saul“ (Händel) im Zentrum des Spielplans.