Vorhang auf für Zazà im Theater an der Wien

Ruggero Leoncavallo hat der Oper im Jahr 1900 eine verliebte Varieté-Artistin geschenkt. Typisch Verismo, meint Christof Loy, der das Werk am Theater an der Wien ­i­nszeniert.

von Stefan Musil, 1. September 2020

Vorhang auf für Zazà im Theater an der Wien
Regisseur Christof Loy inszeniert Ruggero Leoncavallos fünfte Oper Zazà im Theater an der Wien. Foto: Nicolas Franciscus

Zazà ist Star des Varietés Alcazar in Saint-Etienne, deren Schicksal Ruggero Leoncavallo in seiner fünften Oper vertonte. Die Rarität eröffnet die Saison im Theater an der Wien und entführt ins Künstlermilieu in der französischen Provinz, wo alle Männer Zazà den Hof machen – bis auf Milio Dufresne, einen Geschäftsmann aus Paris. Das spornt Zazà an. Sie wettet, ihn erobern zu können. Leichte Übung, Milio ist ihr längst zugetan. Ihr Eroberungsehrgeiz wandelt sich in Liebe. 

Doch der Traum, aus dem Tingeltangel-Leben in den Ehehafen einzulaufen, platzt, als Milio mit einer anderen in Paris gesehen wird. Zazà reist ihm nach, um festzustellen, dass Milio verheiratet ist und eine Tochter hat. Sie selbst hat als Kind erlebt, wie ihr Vater die Familie verließ und die Mutter daraufhin dem Alkohol verfiel. „Kleine Zigeunerin, Sklavin einer verrückten Liebe“, tröstet sie ihr Ex-Freund. Doch Zazà erzählt Milio von Paris, versucht so eine Entscheidung zu erzwingen. Er beschimpft sie als Hure. Zazà beendet die Beziehung. 

Filmreife Vorlage

Schon Gloria Swanson und Claudette ­Colbert haben gezeigt: „Zazà“ ist guter Filmstoff. Die Oper hatte weniger Glück. Leoncavallo landete allein mit „Pagliacci“ 1892 einen Hit. Für Regisseur Christof Loy besitzt die Erst­fassung (1900) „gewisse Längen“. In Wien spielt man daher vorwiegend die gestraffte Version (1919): „Jeder Akt hat seinen eigenen Charakter: Der erste Akt mit seiner Schnelligkeit auf dem Theater, der ganz organisch unterbrochen wird mit melancholisch-elegischen Passagen. Dann der intimere zweite Akt mit einem klassisch aufgebauten Liebesduett im Zentrum. Der dritte Akt ist dominiert von der außergewöhnlichen Szene mit dem Kind, die dieses Stück wahrscheinlich so berühmt gemacht hat.“

Verismo in Reinkultur: Ein Kind spielt ein Stück, das es für den Klavierunterricht geübt hat, und darüber legt Leoncavallo ein Arioso von Zazà. „Ich kenne hierzu keine Parallele in der Musikgeschichte. Der letzte Akt dann ist große Opernleidenschaft, und man kann ihn mit den großen Zweierszenen der Operngeschichte vergleichen wie eben etwa in ‚Cavalleria rusticana‘ oder ‚Pagliacci‘.“

Die russische Sopranistin Svetlana Aksenova debütiert als Varieté­künstlerin Zazà im Theater an der Wien. Foto: Svetlana Ignatovich

Verismo im Blut

Elf Jahre Ballett und eine Leidenschaft für südamerikanische Rhythmen wie Salsa und Samba – die Sopranistin Svetlana Aksenova bringt ideale Voraussetzungen mit, um als Revuestar Zazà die Männer zu betören. Geboren und ausgebildet wurde sie in St. Petersburg und Mailand. Die Liebe zum Gesang entdeckte sie durch eine spirituelle Erfahrung, als sie mit 16, nach einer schwierigen Lebensphase, im Kloster war: „Während der Messe spürte ich: Wenn ich singe, bin ich überall. Das hat meine Welt von heute auf morgen verändert.“

Am Theater Basel konnte sie sich zunächst ein breites Repertoire erarbeiten. Der Durchbruch gelang ihr als Lisa in der legendären, von Mariss Jansons dirigierten Amsterdamer „Pique Dame“. Desdemona, Rusalka, Luisa Miller und Marguerite hat sie weltweit gesungen. Eine ihrer Schlüsselpartien ist die Madama Butterfly, mit der sie über 70-mal u. a. in Berlin, München und Rom zu erleben war.

Aber auch Mimì und Suor Angelica gehören zu ihren Puccini-Rollen, womit sie für die große Gefühlswelt des Verismo prädestiniert ist. „Faszinierend, wie Leoncavallo uns mit einer Durchschnittsbiografie für das Leid des Alltäglichen zu interessieren vermag. Das ist es, was Verismo wollte. Deshalb ist ‚Tosca‘ auch ein schlechtes Beispiel für diese Kunstform“, sagt Christof Loy, „und ‚La Bohème‘ viel näher am sogenannten wahren Leben.“

Analyse einer Herkömmlichen

Opernfrauenversteher Christof Loy? Heliane, Fedora, Norma, Medea, Euryanthe – Loy inszeniert gern starke Frauenfiguren. Doch: „Ich würde Zazà nie als starke Frau bezeichnen. Es ist die genaue Analyse einer herkömmlichen Frau. Außer ihrem Beruf als Varietékünstlerin gibt es nichts Besonderes. Es gibt keine Überhöhung. Sie arbeitet in einem Provinztheater in Saint-Etienne. Eine durchschnittliche Begabung, die in einem Tingeltangel-Theater auftritt und eine konventionelle Vorstellung vom Eheleben hat.“

Für Loy ist das „Stück nicht vordergründig reißerisch. Das macht es interessant. Und wenn man eine Verbindung zu heute schaffen will, dann sind es die finanziellen Missstände, die thematisiert werden. Die Unsicherheit, in der sich Künstler gerade in unserer Zeit befinden, die nicht wissen, wo das nächste Honorar herkommen soll. Und die nicht wissen, wann es wieder Kunst geben wird.“

„Zazà“
Ab 16. September, 19 Uhr, im Theater an der Wien 
theater-wien.at