Theatergenie Max Reinhardt zwischen Festspielen und Exil

Eine Biografie gibt zum hundertjährigen Jubiläum der Salzburger Festspiele Einblick in das Leben und Wirken von Mitbegründer und Regielegende Max Reinhardt.

von Redaktion, 14. August 2020

Theatergenie Max Reinhardt zwischen Festspielen und Exil
Max Reinhardt im Regiestuhl. Stiftung Stadtmuseum Berlin/Sammlung Max Reinhardt/Leonhard M. Fiedler (Reproduktion: Friedhelm Hoffmann, Berlin)

Am 22. August 1920 fand in Salzburg eine Inszenierung statt, die Geschichte schreiben sollte. Max Reinhardt (1873–1943) holte den „Jedermann“ auf den Domplatz. Die geniale Idee kam ihm bei einem Spaziergang mit dessen Autor Hugo von Hofmannsthal. Sibylle Zehle hat die Szene in der Biografie „Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel“ eingefangen: Als Reinhardt mit dem Schriftsteller Hofmannsthal (mit ihm und Richard Strauss gründete er die Festspiele) am Domplatz vorbeiging, sagte er: „Das ist der Raum. Hier vor dem großartigen Dom – und nur hier – soll das ‚Jedermann‘-Spiel vor sich gehen.“

Der Regisseur als genialer Verschwender

Fragen der Finanzierung seien ihm gleichgültig gewesen. Er hatte das große Ganze vor Augen. Der deutsche Dramaturg und Regisseur Heinz Herald meinte über Reinhardt, er sei ein Verschwender – im Leben wie auf der Bühne. Ein wichtiges Korrektiv sei Bruder Edmund Reinhardt gewesen. Laut Herald war dieser ein „Einsparer mit Gefühl und mit Ahnung für die Kunst. Ohne seinen Bruder hätte Max Reinhardt nicht sein großes Theaterreich aufbauen können.“

Reinhardt gilt als Erfinder des modernen Regietheaters. Er strebte nach radikalen Neuerungen. Schon 1902 soll er zum Beispiel von einer „ganz großen Bühne“ geträumt haben. Denn sein Ziel war ein Großraumtheater. Die Vorbilder dafür sah er im Theater der griechischen Antike, im Passionstheater des Mittelalters und im höfischen Festtheater des Barocks.

Auch die Drehbühne begeisterte ihn. 1904 drängte er sein Berliner Team mit folgenden Worten zu raschen Umbauarbeiten: „Die Drehbühne wird auf jeden Fall gemacht. Aus Eisen und so groß wie möglich, mit der denkbar niedrigsten Erhöhung vom Bühnenpodium, leicht aufstellbar und leicht regulierbar, vergesst eine Versenkungsmöglichkeit nicht.“

Von Wien bis New York

Zehle hat für ihr Biografie über Reinhardt Briefe und Tagebücher in den Archiven zwischen Wien und Berlin gesichtet. Sie ist dem Theaterregisseur bis ins Exil nach New York und Hollywood gefolgt. Österreich hatte Reinhardt 1937 aufgrund des nationalsozialistischen Terrors verlassen müssen und ein bitteres Fazit gezogen: „Der Entschluss, mich endgültig vom Deutschen Theater zu lösen, fällt mir naturgemäß nicht leicht. Ich verliere mit diesem Besitz die Frucht einer 37-jährigen Tätigkeit.“

Ein Mann der Widersprüche

Mehr als 200 Fotos lassen die Leser in die Welt des Theaterregisseurs eintauchen. Viele davon wurden noch nie veröffentlicht. Zudem geben sie Einblick in die Anfangsjahre der Salzburger Festspiele. Trotz dieser Fülle an Informationen will die Autorin keine klassische Biografie abliefern. Sie unternimmt laut eigenen Angaben den „Versuch einer Annäherung“.

Denn die Person Max Reinhardt war geprägt von inneren Gegensätzen und Widersprüchen. Eine Charakterstudie des großen Theatermannes ist daher kein einfaches Unterfangen. Im Vorwort beschreibt Zehle, was sie im Zuge ihrer Recherche am meisten überrascht hat. Obwohl er eine zentrale Figur der europäischen Theaterwelt war, sei er sehr scheu geblieben: „Salzburgs berühmtester Gastgeber war das Gegenteil eines Gesellschaftslöwen. Das war nicht seine Rolle. Er hasste Vertraulichkeiten. Und er war ausgesprochen ungesellig.“

Max Reinhardt. Ein Leben als Festspiel
Autorin: Sibylle Zehle
304 Seiten mit ca. 200 Abbildungen

Die Geschichte des Max Reinhardt Seminars