Freie Theaterszene: Abheben mit Texten von Friederike Mayröcker

Das freie Theaterkollektiv Spitzwegerich lässt Stücke assoziativ und im gemeinsamen Prozess entstehen. So auch „Pick mich auf!" - auf einen Text der großen Friederike Mayröcker im Werk X am Petersplatz. Die BÜHNE hat nachgefragt, wie das funktioniert.

von Juliane Fischer, 5. Juli 2021

Freie Theaterszene: Abheben mit Texten von Friederike Mayröcker
In der multimedialen Theatercollage „Pick mich auf!" tanzte Emmy Steiner eine Fluglotsen-Choreografie. Foto: Apollonia Theresa Bitzan

Wie schauen Flugversuche mit einem Text von Friederike Mayröcker aus? Auf der Kellerbühne des Werk X am Petersplatz setzte das freie Theaterkollektiv „Spitzwegerich“ diese Idee in Form der multimedialen Kollage „Pick mich auf!“ um. Christian Schlechter baute unter der Lampe des Overhead-Projektors Minivideos und Wortspiele. Simon Dietersdorfer sang und sampelte seine Mundpercussion. Emmy Steiner tanzte eine Fluglotsen-Choreografie und reitete auf dem Gummipferd davon. Mit dabei auch die Funker-Figur: Die Puppe besteht eigentlich nur aus einem Gebiss unter einem Helm. Sie brachte eine technische Funkverkehrssprache ein. Die BÜHNE sprach mit der Autorin Natascha Gangl und der Ausstatterin Birgit Kellner über Sprache, Friederike Mayröcker und die freie Szene. 

Ausgangspunkt Friederike Mayröcker

Wie erklären Sie Figurentheater? Was ist das für Sie?

Gangl: Die Lebendigkeit der Dinge, die Sprache der Objekte! Christian Schlechter und ich haben die einzige Figurentheaterausbildung, die es in Österreich gibt, absolviert: das BAFT in Wels.

Ist Sprache im Figurentheater ganz anders eingebunden?

Kellner: Im Figurentheater werden auch Objekte und Bilder zu Sprachakrobatinnen. Wir sind Liebhaberinnen experimenteller Literatur und der Ausgangspunkt für dieses Stück ist ein Gedicht von Friederike Mayröcker „Pick mich auf mein Flügel oder Anleitungen zu poetischem Verhalten“. Wir haben uns das Gedicht, das sie selbst auf Platte eingesprochen hat, gemeinsam angehört und weitergesponnen.

Inwiefern hat der Tod von Friederike Mayröcker das Stück beeinflusst?

Gangl: Ihr Todestag, der 4. Juni 2021, fiel für uns in eine sehr intensive Probenzeit, Tage in denen wir immer ihre Texte, ihre Stimme im Ohr hatten. Es war sehr berührend für uns, uns in dieser Zeit so intensiv mit ihrem Werk beschäftigen zu dürfen. So eine grandiose Künstlerin, die fast jede Künstler*in meiner Generation tief geprägt hat, mit Gedichten, mit Worten weit ab vom Mainstream. Das geschafft zu haben – so ein konsequentes Werk, so ein Leben – eine Königin!

Assoziatives Wachsen vom Stücken

Am Anfang stand also das Wort?

Kellner: Es war schon länger klar, dass wir etwas zum Thema Fliegen machen wollen. Wir haben Gedanken, Bilder und Texte dazu gesammelt. Bei der Recherche sind wir auf das Gedicht gestoßen.

Gangl: Bei Spitzwegerich wachsen Stücke sehr assoziativ, Material wird erforscht, aus dem Forschen entstehen Bilder, die Bilder fordern Sprache, die Sprache wird Musik. Bisher gibt es zwei Stücke, eines zum Thema „Insekten“, eines zu „Unsterblichkeit“.

Welche Chancen bietet das Objekttheater?

Gangl: Wir wollten uns nicht mit einem Text von Friederike Mayröcker auf die Bühne stellen und ihn inszenieren oder illustrieren, sondern ihn wirklich übersetzen. Ihr Text wird unsere  Inspirationsquelle. Wir haben uns gefragt: Wie kann die Form des Appells durch ein Stück führen? Wie kann ich ihn in als sprachliche Form ausreizen? Wie können wir die Bilder, die sie beschreibt, verwandeln?

Kellner: Lyrische, metaphorische Sprache eignet sich sehr gut für Figurentheater, für Objekte, für Klang, Musik und Bewegung. Wir haben in dem Stück zum ersten Mal eine Tänzerin dabei, Emmy Steiner. Simon Dietersdorfer, der bisher immer als Schauspieler fungierte, ist ein toller Sprachkünstler, der vom Rap kommt und nicht nur Schauspiel, sondern auch Film- und Theaterkomposition studiert hat.  Als Bildkünstler und Puppenspieler komplettiert Christian Schlechter das Trio auf der Bühne.

Multimediale Poesie

Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit dem freien Kollektiv Spitzwegerich?

Gangl: Das Großartige an solchen Gruppen ist, dass  Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Richtungen aufeinandertreffen.

Ändert das auch den Entstehungsprozess?

Gangl: Ja, denn es gibt nicht den fertigen Text und dann die Arbeit damit, inklusive klar verteilter Rollen. Es gibt weder Genres noch personell eine Hierarchie. Der Text inspiriert, was an Bildern entsteht. Die Bilder beeinflussen den Text. Der Text berührt die Musik und die wiederum die Bewegung. Es ist ein Gefüge, multimediale Poesie auf einer Bühne.

Wer bündelt das Ganze?

Kellner: Wir haben bewusst keine klassische Regie, sondern stattdessen eine Person, die wir „outside eye“ nennen. Bei „Pick mich auf!“ hat Asli Kislal diese Position übernommen.

Demokratischer Ansatz beim Theatermachen

Ein demokratischer Ansatz beim Theatermachen?

Kellner: Genau. Und der Blick ist so offener.

Wenn so viele Leute ihre Assoziationen einbringen wollen. Wie klappt das in der Praxis?

Kellner: Wir füttern uns mit ganz vielen Informationen, haben viel gelesen über Fliegen in der Mythologie, in der Technik, Fliegen im Zusammenhang mit Kriegsmaschinerie. Die Choreografin bringt natürlich mehr aus dem Bereich der Flugbewegungen ein und so weiter. Jeder füttert das Kollektiv und weil die Flugbahn groß genug ist, kann man gemeinsam abheben.

Gangl: Es braucht schon auch klare Entscheidungen. Bei uns war das die Entscheidung, dem Text von Friederike Mayröcker formal zu folgen, ihn in unsere Sprachen zu übersetzen. In ihrem Texte lese ich jede Zeile als einen Flugversuch. Mit dem Rufzeichen versucht sie abzuheben. Jede Szene bei uns ist auch ein Flugversuch, ein Versuch auszubrechen.

Kellner: Dann wird das Sprachprinzip auch zum Spielprinzip. Natascha hat Flugversuche geschrieben. Wir haben Bilder gebaut und das verknüpft.

Texte zu Objekten Formen

Was verändert eine solche Arbeitsweise für eine Autorin?

Gangl: Weil so bewusst mit Material umgegangen wird, ist es reizvoll auch Sprache als Material zu nehmen. Man beginnt Dinge anders zu betrachten. Dann steht da plötzlich ein „i“ auf einem Zettel und du drehst ihn zum Rufzeichen, das dann von der Decke auf die Bühne segelt. Autorin sein bei oder für Spitzwegerich heißt auch, dass der Text nicht nur sehr musikalisch gesprochen wird, sondern auch auf eine Leinwand projiziert wird, zu einem Objekt geformt wird. Sprache kann in so viel mehr Formen auftauchen als nur durch die Schauspieler*in alleine. Der Text bietet ganz andere Möglichkeiten zu performen als im Sprechtheater meist üblich.

Viel öfter ist es für Dramatikerinnen  ja so, dass sie beim Schreiben noch nicht wissen, wer diesen Satz sagen wird. Mit welcher Stimme, mit welcher Betonung, und so weiter.

Gangl: Ja, ich mache so etwas zusehends weniger, weil ich die Art des kollektiven Arbeitens mehr schätze. Die Umsetzenden zu kennen, macht das Schreiben für mich sinnvoller.

Was ist als nächstes geplant?

Kellner: Spitzwegerich hat eine Jahresförderung der Stadt Wien und das zweite Projekt darin hat den Arbeitstitel „Finstergewächs“. Es geht um den Weg vom Schwarz in die Farbe. Die Premiere im November wird im Schuberttheater stattfinden, dann reist die Produktion im  Frühjahr zum Dramatikerinnenfestival nach Graz. Dabei sind auch der Musiker Manfred Engelmayer und die Komponistin Maja Osojnik. Es ist ein sehr freundschaftlicher Kosmos!

Schätze in kleinen Verlagen finden

Was unterscheidet für euch die freie Szene vom etablierten Theaterbetrieb?

Kellner: Man kann sich leichter den Luxus gönnen, nur mit den Leuten zu arbeiten, die man schätzt und ist frei in der Wahl der Mittel und Themen. Natürlich genießen wir im Staatstheaterbetrieb die großartigen Werkstätten und ich habe auch meine Assistenzzeit in großen Häusern verbracht. In der freien Szene muss man sich keinem Betrieb gegenüber verantworten. Natürlich ist andererseits der Druck, Fördermittel, einen Spielort und Publikum zu bekommen immens. Und finanziell liegen Welten zwischen den beiden Szenen.

Gangl: Die besonders durchdachten und feinen Arbeiten findet sich oft nicht auf großen Bühnen. Ähnlich wie in der Literatur wo die größten Schätze meist bei kleinen Verlagen zu finden sind.

Zu den Personen

Natascha Gangl, geboren 1986 in Bad Radkersburg, studierte Philosophie an der Universität Wien und Szenisches Schreiben beim DRAMA FORUM Graz. Neben Theatertexten schreibt sie auch Prosa, Essays und Hörstücke.

Birgit Kellner, wurde 1982 in Wien geboren und studierte hier an der Universität für Angewandte Kunst Bühnen- und Filmgestaltung. Sie arbeitet als Ausstatterin an verschiedenen Häusern in Deutschland und Österreich und entwickelt gemeinsam mit Christian Schlechter im Verein Spitzwegerich Figurentheaterstücke.

Werk X

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