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Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Trotzdem gibt es nicht selten Momente, in denen ich mir wünschte, kurz einen Blick in die Köpfe anderer werfen zu können. Während die Frau vor mir in der U-Bahn die erste Seite ihres Buchs – dessen Titel ich nicht ausmachen kann – umblättert, passieren in meiner Vorstellung folgende Dinge in ihrem Kopf: Es wird langsam dunkel im Theatersaal. Die letzten Gäste im Publikum nehmen ihren Platz ein, tuscheln kurz, um vereinzelt über Beinpaare zu steigen. Der Kammerton erklingt aus dem Orchestergraben. Dann wird der Vorhang zur Seite geschoben. Erste Szene. Eine aktive Inszenierung. Ein voller Klang. Wie das Licht fällt, wie schnell die Musik spielt und wer die Protagonist*innen sind oder wie sie heißen, weiß ich nicht. Das muss ich auch nicht (auch wenn ich das, wie gesagt, gern wissen würde). Nur die U-Bahn-Frau bestimmt die Töne und die Art, wie ihre Charaktere über die Bühne laufen werden, bis sie bei ihrer Endstation das Buch zuklappen muss und aus der U-Bahn steigen wird.
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