Theater Arche: „Odyssee“ von der Antike bis ins Zoom-Meeting

Das Stationentheater „Odyssee 2021" macht Halt bei alten weißen Männern der Weltliteratur und sieben Schriftstellerinnen der Gegenwart.

„Kann man Grönland noch retten? Wann wird mit dem Kapitalismus endlich Schluss gemacht?“, fragt Charlotte Zorell als Odyssa. „Ich würde gerne an dieser Zoom-Insel vorbeigefahren sein“, meint die zweite Odyssa, dargestellt von Elisabeth Halikiopoulos mit Text von Kathrin Röggla. Ganz neu anfangen muss Odyssa Nummer drei: Manami Okazaki spricht nämlich nach einem Text von Lydia Mischkulnig über das traumatische Erdbeben in Japan vor genau zehn Jahren. Alle Odyssas haben eines gemein: Sie sind im Stationentheater von Jakub Kavin unterwegs. Es ist eine kleine Irrfahrt in Neubau, die seit diesem Wochenende bis Anfang November im Theater Arche zu sehen ist.

Aber nicht nur: „Wir bringen schon am Anfang das Publikum zum Reisen mit uns“, sagt Regisseur und Theater-Arche-Leiter Kavin. Deswegen findet der Auftakt im 6. Bezirk in Gehweite statt – beim Haus des Meeres, das auch thematisch gut zum Epos passt. Die „Odyssee 2021″ dauert insgesamt rund drei Stunden. Danach hat man viel erlebt, aber bestimmt nicht alles kapiert.

Sieben Autorinnen

Gehört hat man vielleicht schon vorher vom Theater Arche. Sophie Reyers Einpersonenstück „Hikikimori“ über das japanische Gesellschaftsphänomen, bei dem sich Menschen komplett ins Häusliche zurückziehen und alle Sozialkontakte kappen. Die Aufführung wird von einer Pandemie begleitet, die uns „social distancing“ lehrt. Die Premiere im März musste verschoben werden.

Das Sportstück „Anstoß“ war für den Off-Nestroy nominiert. „Nicola Werdenigg, die in Österreich die Me-too-Debatte gebracht hat, wirkte mit“, erzählt Kavin. Nach diesem Erfolg überlegte er, welche Pfeiler das nächste Stück tragen könnte. Einige Themen lagen gleich auf der Hand: Der 9/11-Schock wird 20 Jahre her sein und der verheerende Tsunami in Japan zehn Jahre. Er kam auf die Odyssee, auf 700 Jahre Dante und die „Göttliche Komödie“, auf das Dostojewski-Jubiläum und auf „Ulysses“.

Foto: Jakub Kavin

Odyssee des 21. Jahrhunderts

Sieben Autorinnen steuerten die Texte für das neueste Stück bei. „Das war mir von Anfang an ein Bedürfnis, weibliche Gegenstimmen aus der Gegenwart zu finden. Nicht im Sinne von Widerstand, sondern ausgleichend gemeint“, sagt der Regisseur. Die zeitgenössischen Texte stammen von Theodora Bauer, Margret Kreidl, Lydia Mischkulnig, Sophie Reyer, Kathrin Röggla, Marlene Streeruwitz und Miroslava Svolikova.

„Sie sollten eine Odyssee des 21. Jahrhunderts schreiben. Ein, zwei, drei Monologe auf ein bis drei Seiten. Mischkulnig bekam zusätzlich die Präzisierung, dass Odysseus durch den Tsunami die Heimat verloren auf Heimatsuche geht. Sie war kurz vor dem Unglück in Japan“, erklärt er.  

Gesellschaft widerspiegeln

Heraus kamen vier Figuren, die an Odysseus angelehnt sind und zwei Penelopes. Etwa von Marlene Streeruwitz, die schon einen Roman über einen weiblichen Odysseus, eine griechische Anarchistin geschrieben hatte. Die Lyrikerin Margit Kreidl nähert sich der Tochter James Joyces‘. „Lucia Joyces war eine Tänzerin, die mit 30 in die Psychiatrie gekommen ist und dort die restlichen 50 Jahre ihres Lebens verbracht hat“, erläutert Kavin den poetischen Text.

„Den hat sich gleich Pia Nives Welser geschnappt. Sie ist Balletttänzerin und hat auch eine Ausbildung für Contemporary Dance von der Bruckner Uni“, fügt er hinzu. Theodora Bauer hingegen entwarf die jugendliche Penelope namens Penny. Sie passt perfekt zur 17-jährigen Bratschenspielerin Amélie Persché, die in der Münzwardeingasse Theaterluft schnuppert.

Dem Regisseur ist es ein Anliegen, möglichst die Gesellschaft widerzuspiegeln. Deswegen ist seine 15-köpfige Truppe ein bunter Haufen mit einer Alterspanne von 17 bis 65 Jahren.

„Kein Stück, von dem man leben kann“

Kavin will interdisziplinär zu arbeiten, was sich im Team widerspiegelt. Helena May Heber ist zum Beispiel gelernte Bildhauerin und frisch ausgebildete Schauspielerin. Sie kann all das bei Theater Arche einbringen. So legt sie zum Beispiel ein Fadenlabyrinth mit antiker Ornamentik an die Wände, bearbeitet live im Stück einen Steinblock zu einer Skulptur und zeichnet für Kostüm und Ausstattung verantwortlich.

Viele Schauspieler:innen engagieren sich aus der Kurzfristigkeit heraus bei dem low-budget-Projekt. Ohne Pandemie hätten sie sich keine Zeit nehmen können für dieses besondere Arbeiten. „Wir sind leider keine Arbeitgeber. Das ist kein Stück, von dem man leben kann“, betont Kavin. 15 Mitarbeiter proben immerhin zwei Monate und spielen dann zwei weitere. Das würde schon einiges kosten. „Viele haben andere Jobs daneben, da müssen wir flexibel sein. Manche sind arbeitslos gemeldet, manche schon in Pension, Amelié besucht noch das Gymnasium“, schildert er die Praxis.  

Operngesang und Rap-Einlage

Was erwartet einen beim Stück? Ein Gesamtkunstwerk, aber ohne roten Faden. Viele Referenzen, teils auch im Original, also Russisch, Altitalienisch oder -griechisch. Wortspielereien, die man gerne nachlesen würde, Klänge des seltenen Tango-Instruments Bandoneon und Operngesang.

Der zeitgenössische Odysseus Eike N.A.Onyambu rapt einen Teil des Amanda-Gorman-Gedichts „The Hill We Climb“. Und so heißt es hoffnungsvoll auch für die Odyssee 2021: „The new dawn balloons as we free it. For there is always light, if only we’re brave enough to see it. If only we’re brave enough to be it.“

Weitere Informationen: Theater Arche

„Odysee 2021“ bis 11. November

Beginn jeweils 18.30 Uhr
TheaterArche, Münzwardeingasse 2A, 1060 Wien