Die Musketiere erobern die Wiener Vorstadt

Calle Fuhr hat für das Volkstheater in den Bezirken ein Stück über Solidarität geschrieben und inszeniert. Ein witziges, tiefgründiges kleines Meisterwerk mit großartiger Besetzung und ebensolcher Musik.

Am Hannovermarkt gibt es das beste und günstigste Kalbfleisch der Stadt. Die Fleischer dort faschieren einem auch das Kalbsgulaschfleisch. Ein Kilo kostet um die 11 Euro. Und auch die besten und größten Paprika gibt es da. Das Fruchtfleisch ist dick. So, wie es sich für gefüllte Paprika gehört. Die zerfallen nicht. Vegetarisch, vegan, Fleisch – am Hannovermarkt gibt es alles. Auch Theater. Essenszufuhr und Kulturzufuhr. Schön, wenn sich beide Dinge verbinden lassen.

Letzter Durchlauf von Calle Fuhrs neuem Stück „Musketiere“ in der VS Brigittenau. Und die BÜHNE darf dabei sein.

Das Theater – also die Volkshochschule in der es spielt – liegt in der Raffaelgasse 11.  Zu Fuß sind es 10 Minuten vom Hannovermarkt. Maximal. Um die Ecke ist die Hartlgasse, dort wo der erste „Kottan“ gespielt hat. Im Grätzel wurde auch der Kinohit „Die Migrantigen“ gedreht.  Sie merken, ich versuche Sie zu bilden.

Wer von oben auf die VHS Brigittenau schaut, der sieht, dass der Veranstaltungsraum in den Innenhof gebaut wurde. Eine simple Halle mit Flachdach. 370 Personen finden hier auf den roten Sesseln Platz. Pfeifen Sie auf Glasmanufaktur und Co. Wenn Sie echte sozialdemokratische Innenarchitektur und Ausstattung aus den Fünfzigern sehen wollen: Dann ab in den 20sten Hieb.

„Was schaust da an?“, hat mich mein türkischer Fleischer gefragt.

„Musketiere“, hab ich geantwortet.

„Ah, super. Fechten.“

„Glaube ich nicht, eher was mit Solidarität“.

 Er schaut mich an. Macht eine Pause: „Is eh wichtiger.“ Dann grinst er.

Mit meinen weißen Plastiksackerln voller Paprika, Schafkäse und Faschiertem stehe ich also jetzt in der VHS Brigittenau.

Fragen rund um Solidarität

„Wir wollen uns Fragen rund um Solidarität und wie sie funktionieren könnte stellen, aber auch reimen, singen und einige blöde Witze machen, weil sich Spaß und politisches Theater nicht ausschließen sollen“, hat Calle Fuhr gesagt.

Der gebürtige Düsseldorfer ist der neue Chef des Volkstheaters in den Bezirken. Er ist Autor, Regisseur und gilt als einer der spannendsten Köpfe des jungen Theaters. Gerade eben hat er einen beeindruckenden Essay für die BÜHNE geschrieben.

Über die Sehnsucht nach einem nachhaltigen Leben in Frieden, über die Frage, ob es Feindbilder braucht. Über Solidarität. D´Artagnan, Athos, Aramis und Porthos werden gleich ihre Geschichte erzählen.

Vergessen Sie den Impfspot, der gerade im Fernsehen läuft und in dem die drei Musketiere wie Vollpfosten gezeichnet sind, deren Solidarität ihrer Dummheit entspringt. Die zusammenhalten, weil sie es nicht allein durch die Welt schaffen würden.

Zur Person: Calle Fuhr

Geboren in Düsseldorf, lernt der 1994 geborene Calle Fuhr durch Regieassistenzen in Düsseldorf, Salzburg, Prag und Wien. Seit 2015 ­inszeniert er in Wien, Berlin, Basel und Luxemburg. Fuhr schreibt eigene Texte, inszeniert und unterrichtet an der Hochschule Ernst Busch in Berlin. Seit der Intendanz von Kay Voges leitet er das Volkstheater in den Bezirken. Seine erste Heldentat als Leiter: „Heldenplätze“ mit Gerti Drassl.

Calle Fuhr hat den 600-seitigen Roman von Dumas durch seine innere Zentrifuge fetzen lassen und daraus ein Extrakt gewonnen. Ziemlich geil ist es geworden. Es rockt. Es swingt. Es berührt und es macht jede Sekunde Spaß. Es ist endlich wieder ein Stück, das zum Lachen und zum Entfliehen einlädt und trotzdem, wenn man es will und hinhört, die Welt ein bisschen besser macht.

Fiktive und nichtfiktive Geschichten über Gemeinschaft und Loyalität, Berichte und Fantasien über konkrete Utopien und Rückschläge verwandeln sich in eine Feier auf das Zusammenleben. Tommy Finke alias Finck von Finckenstein hat die Musik geschrieben. Wer Oasis, Rio Reiser, The Cure, Virgina Jetzt und die Beatles mag, der ist da richtig.

Tommy Finke hat in den vergangenen 15 Jahren ein paar ganz wunderbare Songs geschrieben. Eine Textzeile hat sich in mein Hirn gebrannt: „Lukas liebt Lisa und Lisa liebt Tom und Tom liebt vielleicht wen, der noch kommt.“ Manchmal spielt in seinen Videos auch der eine oder andere Volkstheater-Liebling mit.

Vorstadt-Theater neu definiert

Aber jetzt. Endlich. Wie waren die Schauspieler*innen?

Naja. Was soll ich sagen: Super.

Schon 2017 hat Calle Fuhr – als er Philoktet am Volx Magareten inszenierte – sein gutes Händchen für großartige junge, neue Besetzungen gezeigt. Das ist ihm nicht verloren gegangen.

Rebekka Biener, Martin Penaloza Cecconi, Runa Schymanski und Luka Vlatkovic (war bei Philoktet auch schon dabei) beim Spielen zuzusehen macht große Freude.

Die Musketiere erobern die Vorstadt
Luka Vlatkovic und Rebekka Biener in Calle Fuhrs neuem Stück. Foto: Marcel Urlaub / Volkstheater

Oder lassen Sie es mich anders beschreiben: Wäre ich Film-Produzent und würde mich wer fragen: Rebekka Biener und Luka Vlatkovic (der im Übrigen großartig singt) wären das perfekte neue Tatort-Paar. Oder ich lege „Liebling Kreuzberg“ neu auf. Hauptrolle: Luka Vlatkovic.

Um Runa Schymanski, ihre lachenden Augen und ihr komisches Talent, würde ich eine ganze Serie bauen. Und Martin Penaloza Cecconi wäre mein nächster Star in einem Independent-Film.

Dumm nur: Weder bin ich Produzent, noch fragt mich wer. Aber ich könnte Freund Oliver Auspitz von der MR-Film ein paar Tickets schenken, vielleicht sieht der auch, was ich sehe.

Aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt müssen die vier Musketiere Circus spielen und durch die Bezirke touren. Das ist außerhalb der Komfortzone. Das ist hart und nah dran am echten Leben. Schön in einer Stadt leben zu dürfen, die sich diesen Theater-Luxus – auch politisch – leistet. Schön ein Theater zu haben, das die besten Köpfe darauf loslässt und nicht das B-Team. Das ist ziemlich respektvoll dem Publikum gegenüber. Gehen Sie hin. Calle Fuhr hat mit dem Stück das Vorstadt-Theater gerade neu definiert und cool gemacht.

Zu den Spielterminen von „Musketiere“