Riccardo Muti dirigiert das Neujahrskonzert: „Signal der Hoffnung“

Riccardo Muti dirigiert das Neujahrskonzert 2021, das diesmal etwas anders ist als sonst. Wie er damit umgeht, kein Publikum im Saal zu haben, und welche Stücke er warum wählte, erzählt er im Interview.

von Theresa Steininger, 29. Dezember 2020

Riccardo Muti dirigiert das Neujahrskonzert: „Signal der Hoffnung“
Diese Bilder aus dem Wiener Musikverein sind vertraut: Riccardo Muti dirigiert am 1. Jänner zum sechsten Mal das Neujahrskonzert. Foto: Terry Linke

Es ist das sechste Mal, dass der neapolitanische Dirigent das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigiert. Aber so wie dieses war noch keines, das ist schon jetzt klar. Erstmalig ist im Saal kein Publikum zugelassen. „Ich versuche nicht darüber nachzudenken. Ich möchte ans Pult gehen wie immer“, sagt Muti im Interview.

„Wir wissen, dass wir für Millionen spielen“

Man habe darüber diskutiert, ob das Konzert stattfinden sollte, sich aber rasch dafür entschieden. Es sei wichtig, ein Signal der Hoffnung zu geben. Natürlich sei es eigenartig, gerade auf eine „Polka schnell“ keine Reaktion zu bekommen – kein Applaus, gar nichts. „Aber wir wissen, dass wir für Millionen spielen.“ Immerhin wird das Konzert in mehr als 90 Länder via TV übertragen.

Musik in den Mittelpunkt stellen

Auch bekäme es heuer eine neue Konnotation – er wolle, so Muti, ein „Zeichen der Schönheit, der Kultur, des Zusammenhalts und des Friedens von Wien aus in die Welt schicken“, jedoch eines, das nicht ausschließlich von Freude, sondern durchaus auch von traurigen Momenten bestimmt ist. Späße seien dabei gerade heuer fehl am Platz, es gehe darum die Musik in den Mittelpunkt zu stellen, so der bald 80-Jährige.

Muti hat die Wiener Philharmoniker bereits fünf Mal – das erste Mal 1993 – beim Neujahrskonzert dirigiert. Heuer hat er oftmals gehörte Werke wie Johann Strauß „Frühlingsstimmen“ und „Im Krapfenwaldl“ – und auch „An der schönen blauen Donau“ als Zugabe – gewählt, aber auch Werke aus dem Goldenen Operettenzeitalter. Carl Zellers „Grubenlichter“ ist ebenso dabei wie Franz von Suppès Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“ und Carl Millöckers Galopp „In Saus und Braus“.

„Es ist schön, wenn die Zuschauer auf der ganzen Welt `An der schönen blauen Donau` gut kennen, aber sie sollen ein breites Bild von Strauß und auch anderer Komponisten, die dieselbe Atmosphäre wiedergeben, bekommen“, sagt Muti.

Typisch wienerische Stücke im Programm

Es seien zahlreiche Stücke im Programm, die das typisch Wienerische transportieren. Sogar Karl Komzáks Walzer „Bad´ner Mad´ln“, dessen Aufnahme ins Programm mehrfach diskutiert wurde, ist diesmal dabei.

Und auch mehrfache Verbindungen zu seiner eigenen Heimat Italien stellt Muti her: Von Johann Strauß Vater ist der „Venetianer-Galopp“ dabei, von Josef Strauß die „Margherita-Polka“. Die „Neue Melodien-Quadrille“ von Johann Strauß Sohn bringt außerdem zahlreiche Motive aus Verdi-Opern. Doch selbst wenn er Themen aus „Rigoletto“ und „Il Trovatore“ verwendet habe, „hat er ihnen eine Leichtigkeit verliehen, die typisch Strauß ist.“ Und dass Franz von Suppè, von dem der „Fatinitza-Marsch“ und die Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“ zu hören sein werden, Halbitaliener ist, bringt ebenso einen Hauch Italianità ein.

50-jähriges Jubiläum mit Wiener Philharmoniker

Mit dem Neujahrskonzert beginnt für Muti auch jenes Jahr, in dem es 50 Jahre her ist, dass er erstmals die Wiener Philharmoniker dirigiert hat, die er in Folge jedes Jahr und insgesamt in rund 500 Konzerten leitete. Er habe den besonderen Klang der Wiener Philharmoniker, ihre ganz eigene Art zu phrasieren noch in den 1970er Jahren von Musikern gelernt, die zuvor unter Karajan, Böhm und anderen spielten.

„Ich denke, die Musiker spüren, dass ich ihnen zurückgeben möchte, was das Orchester mir gegeben hat.“

Riccardo Muti über die Wiener Philharmoniker

„Als ich sie 1971 erstmals dirigierte, waren einige Musiker kurz vor der Pension, die zuvor mit den großen Dirigenten der Vergangenheit gearbeitet hatten.“ Damals sei er dem Orchester durchaus ängstlich gegenübergetreten, „aber sie fühlten vielleicht schon damals, dass ich als Musiker ehrlich bin. Und wenn die Beziehung zwischen einem Orchester und einem Dirigenten über viele Jahre auf Vertrauen aufbaut, ist der Rest leicht. Ich denke, die Musiker spüren, dass ich ihnen zurückgeben möchte, was das Orchester mir gegeben hat.“

Botschaft des Friedens und der Liebe

Das Neujahrskonzert sei für ihn jedes Mal von Neuem ein sehr herausforderndes Konzert, das viel Konzentration erfordert. „Es ist technisch anspruchsvolle Musik, man muss für jedes Stück neue Inspiration schöpfen.“ Auf keinen Fall dürfe alles ähnlich klingen, so sehr der Charakter auch überall Wienerisch ist.

Gerade heuer sei es ihm, so Muti, ein besonderes Anliegen, „das Konzert zu einer Botschaft des Friedens und der Liebe zu machen. Wir werden einander mit Hilfe der Musik umarmen.“ 

Neujahrskonzert: Das Programm im Detail

Franz von Suppè Fatinitza-Marsch
Johann Strauß (Sohn) Schallwellen. Walzer, op. 148
Johann Strauß (Sohn) Niko-Polka, op. 228
Josef Strauß Ohne Sorgen. Polka schnell, op. 271
Carl Zeller Grubenlichter, Walzer
Carl Millöcker In Saus und Braus. Galopp
— PAUSE –
Franz von Suppè Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“
Karl Komzák Bad’ner Mad’ln. Walzer, op. 257
Josef Strauß Margherita-Polka, op. 244
Johann Strauß (Vater) Venetianer-Galopp, op. 74
Johann Strauß (Sohn) Frühlingsstimmen. Walzer, op. 410
Johann Strauß (Sohn) Im Krapfenwaldl. Polka française, op. 336
Johann Strauß (Sohn) Neue Melodien-Quadrille. op. 254
Johann Strauß (Sohn) Kaiser-Walzer, op. 437
Johann Strauß (Sohn) Stürmisch in Lieb‘ und Tanz. Polka schnell, op. 393 

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