Das verratene Meer: Eine Oper voll Liebe und Gewalt

Henzes Meisterwerk „Das verratene Meer“ wird die erste Eigenproduktion der Ära Roščić. Die BÜHNE war in Berlin beim Treffen des Kreativ-Teams mit dabei. Ein Dokument in Zeiten von Corona.

von Atha Athanasiadis, 17. November 2020

Das verratene Meer: Eine Oper voll Liebe und Gewalt
Das Trio Jossi Wieler, Sergio Morabito und Simone Young (v. li.) in der Berliner Wohnung von Wieler. In diesem Raum wird die Opernpremiere für den 13. Dezember vorbereitet. Foto: www.peterrigaud.com

Donnerstagabend, eine Wohnung irgendwo in Berlin-Charlottenburg. Zwei Männer und eine Frau stehen um einen hellen Holztisch. Vor ihnen eine viele Zentimeter dicke Partitur, eine Schüssel mit Snacks, Wassergläser und Kaffee. Es wird konzentriert gearbeitet. Das Trio geht Seite für Seite durch, teilweise sogar Takt für Takt. Hier wird die erste Eigenproduktion der Ära Roščić vorbereitet: Hans Werner Henzes Oper „Das verratene Meer“; Premiere wird am 13. Dezember sein. 

„Wir wollen diese Oper für die Musikwelt neu entdecken.“

Sergio Morabito, Chefdramaturg

„Wir wollen diese Oper neu für die Musikwelt entdecken“, sagt Sergio Morabito. Er ist der neue Chefdramaturg der Wiener Staatsoper und arbeitet mit dem zweiten Mann im Raum, dem Regisseur Jossi Wieler, bereits seit 25 Jahren erfolgreichst zusammen. Eigentlich sind die beiden Teil eines Trios – Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock ist heute nicht dabei. Dafür aber die australische Stardirigentin Simone Young.

Oper unter außergewöhnlichen Bedingungen

Es ist ihr erstes analoges Treffen nach ­Monaten der Vorbereitung via Internet-­Videokonferenzen. Nur noch acht Wochen bis zur Premiere, und erst jetzt kann sich das ­Leading Team das erste Mal richtig gegenseitig ­spüren. Das BÜHNE-Foto des Treffens wird so zu einem Dokument einer Zeit, in der unter außergewöhnlichen Bedingungen Oper gemacht wird. ­Sergio Morabito wird nach dem Treffen über ­Simone Young ­sagen: „Sie ist eine Frau von beeindruckender Intelligenz und einem unglaublich weiten Horizont.“

Das verratene Meer als Juwel zeitgenössischer Musik

Das Werk, um das es geht, ist ein Juwel der zeitgenössischen Musik, ein Stück großer, symphonisch geprägter Opernliteratur. Komponiert vom großen Linken der Oper, Hans Werner Henze, der ein Oratorium für Che Guevara schrieb, bei dem Rudi Dutschke zu Hause zu Besuch war, der offen schwul lebte.

Die musikalische Handlung in vierzehn Szenen fußt auf dem Roman „Der Seemann, der die See verriet“ („Gogo no Eiko“) des japanischen Schriftstellers ­Yukio Mishima – eines rechten Nationalisten, der sich nach einem gescheiterten Putschversuch in Japan mit einem Schwert das Leben nahm, der aber im Gegensatz zu Henze seine Homosexuali­tät versteckt auslebte. Ein Kampf, der auch ein Treiber der Handlung ist.

Klavierauszug der Oper: Am Skript von „Das verratene Meer“ wird derzeit gearbeitet. Foto: www.peterrigaud.com

Boecker wechselte ins Solisten-Ensemble der Staatsoper

Bo Skovhus wird singen, an seiner Seite Vera-Lotte Boecker, die für diese Rolle ins Solisten-Ensemble der Wiener Staatsoper wechselte. „Das Stück ist ein Thriller, von David-­Lynch-artiger Wucht, eine archaische Liebesgeschichte von antiker Gewalt, die in einer Bluttat endet“, sagt Sergio Mo­rabito. Wenn er über das Werk spricht, dann merkt man die sizilianischen Wurzeln des in Deutschland aufgewachsenen Dramaturgen und Regisseurs. Er versteht es, seine Zu­hörer zu packen und zu begeistern.

„Wie entsteht der Horror im Kopf des Zuschauers?“

Sergio Morabito

„Was beim Autor fasziniert, ist die psychologische Analyse, diese absolute Gnadenlosigkeit, mit der er die Widersprüche seiner Figuren aufbricht, benennt und nachvollziehbar macht. Und Henze hatte eine Antenne dafür“, erläutert Morabito. „Die Ambivalenz und die Obsessionen der Figuren bringt er faszinierend zum Klingen, und wir müssen es schaffen, diesen Thriller auf die Bühne zu bringen. Für uns stellt sich die Frage: Wie viel zeigt man? Wie entsteht der Horror im Kopf des Zuschauers?“

Verrat an der Ungebundenheit des Meeres

Der Plot hat es in sich. Im Mittelpunkt der zweiteiligen Oper stehen die junge Witwe Fusako, ihr 13-jähriger Sohn Noboru und Ryuji, der Zweite Offizier eines Frachtschiffs, der nach vielen Jahren auf See nun eigentlich sesshaft werden möchte, ­jedoch noch immer von der Weite des Meeres angezogen wird. Die Mutter ist eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau in Yokohama, sie betreibt dort einen Modeladen. Der Offizier beginnt in deren Shop, als Verkäufer zu arbeiten. 

Was die Mutter nicht weiß: Ihr Sohn lebt in einer Parallelwelt und ist Teil einer Gang. Diese sieht den Offizier zunächst als Helden; als er umschult, wird das als Verrat an den heroischen Idealen des Meeres verstanden, und die Gang spricht das Todesurteil über den ehemaligen Seefahrer.

Oder, um es in den Worten von Sergio Morabito zu sagen: „Das Beziehungsdreieck eskaliert, als sich der Mann in der bürgerlichen Welt der Mutter eingemeinden lässt. Diesen Verrat an der Ungebundenheit des Meeres kann ihm der Sohn nicht verzeihen.“

Die Partitur von Hans Werner Henze: Bei dem Treffen zwischen Dirigentin und Regie wird jeder Takt und jede Szene genau besprochen. Foto: www.peterrigaud.com

Zunächst waren „Die Bassariden“ an der Staatsoper geplant

Angedacht war zuerst, an der Staatsoper ein anderes Werk Henzes, „Die Bassa­riden“, in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen aufzuführen, aber die Idee wurde fallengelassen. Dann wurde ein Stück ohne Chor gesucht, um die Belastung des Staatsopernchors zu minimieren. „Ja, und dann habe ich dieses Stück ins Spiel gebracht.“ 

„Henze ist nicht Hardcore. Wenn man seine Musik live hört, dann ist das ein Trip.“

Sergio Morabito

Zwei Tage später. Sergio Morabito sitzt wieder in seinem neuen Büro in der Wiener Staatsoper. Wir reden über Henzes Musik. „Diese Musik muss man live erleben. Das ist keine Radiomusik, die man so nebenbei beim Frühstück hört. Da geht es nicht ­dar­um, ob sie harmonisch ist oder konsonant. Ich finde, man darf den Menschen nicht ­sagen: Zieht euch warm an, das wird Hardcore. Henze ist nicht Hardcore. Wenn man seine Musik live hört, dann ist das ein Trip. Das ist kein Masochismus. Da taucht man ein und ist weg.“

Sergio Morabito atmet tief ein. Seine Augen leuchten: „Oder, wie es Simone Young sagt: Mit dieser Oper kann man richtig zaubern.“

Zur Person: Simone Young

Alter: 59, die australische Dirigentin war u. a. Intendantin der Oper Hamburg und wird 2022 Chefdirigentin in Sydney.

Zur Person: Sergio Morabito

Alter: 57 Jahre, Regisseur und Chefdramaturg der Wiener Staatsoper.

Zur Person: Jossi Wieler

Alter: 69 Jahre, der gebürtige Schweizer ist preisgekrönter Regisseur und Intendant. 

Zur Person: Anna Viebrock

Alter: 69 Jahre, Bühnen- und Kostüm­bildnerin, Professorin an der Wiener ­„Angewandten“.

Termine und Karten: Das verratene Meer

Premiere: 13.12.2020, 19 Uhr

Weiterlesen: Mary J. Blige am „Eisernen Vorhang“ der Wiener Staatsoper