Mit Vivaldis „Bajazet“ in eine bessere Zukunft

Vonwegen verstaubt: Mit Vivaldis "Bajazet" feiert die Wiener Kammeroper am Samstag Wiedereröffnung. Regisseur Krystian Lada erzählte der BÜHNE, warum die Geschichte aktueller denn je ist.

von Julia Schilly, 23. September 2020

Mit Vivaldis „Bajazet“ in eine bessere Zukunft
Die österreichische Künstlerin Hermine Karigl-Wagenhofer hat das Sujetbild zu "Bajazet" geschaffen. Bild: Karigl-Wagenhofer

Die Wiener Kammeroper am Fleischmarkt feiert am Samstag Wiedereröffnung mit Antonio Vivaldis „Bajazet“. Regisseur Krystian Lada hat sich dem barocken Stoff angenommen und ihn gemeinsam mit den Sängerinnen und Sängern am Puls der Zeit inszeniert. „Für mich ist Oper als Genre immer politisch“, sagt der 37-Jährige. Im Gespräch mit der BÜHNE erklärt er, warum es in „Bajazet“ um toxische Männlichkeit geht und warum sein Mezzosopran auf der Bühne nicht vor einem Mann knien wird.

Krystian Lada ist ein polnischer Regisseur und Librettist und inszeniert in dieser Saison Vivaldis „Bajazet“ an der Kammeroper in Wien. Foto: Camille Cooken

BÜHNE: Was ist das Besondere an Bajazet?

Krystian Lada: Bajazet ist ein Opern-Pasticcio. Das bedeutet, Vivaldi hat einige seiner bekannten Arien und jene von anderen Komponisten ausgewählt, alles zusammen gemischt und damit dieses neue Musikstück kreiert.

Er hatte freilich einen kleinen Trick, um die unterschiedlichen Arien und Rezitative aufzuführen: Auf der Bühne stehen sechs Personen. Drei sind gut und drei sind böse. Die „Guten“ singen Vivaldis eigenen Kompositionen, die „Bösen“ bekommen Musik seiner Konkurrenten.

Toxische Männlichkeit und starke Frauen

Was erwartet das Publikum? Können Sie Bajazet kurz zusammenfassen?

Bajazet ist eine politische Geschichte. Denn darin wird beleuchtet was passiert, wenn Politiker ihre eigenen Interessen mit jenes des Staats verwechseln. In diesem Sinne geht es um toxische Männlichkeit und Frauen, die ihre eigene Stimme und Rolle in dieser männerdominierten Gesellschaft suchen.

„Oper war immer auf der Höhe der Zeit.“

Also topaktuelle Themen. Der Kunstform Oper haftet aber doch ein verstaubtes Image an. Ich höre heraus, dass Sie das anders sehen. Hat uns die Kunstform Oper heute noch etwas zu sagen?

Oper war immer zeitgenössisch. Sie war immer auf der Höhe der Zeit. Genau so war es bei Bajazet. Erst gestern hat ein Sänger während der Proben plötzlich damit begonnen Jazzversionen der barocken Arien zu singen. Und auf einmal realisiert man, wie nahe die Musik dem musikalischen Idiom unserer Zeit ist. Und dasselbe gilt für das Libretto und die Botschaft dieser Oper. Denn sie behandelt Themen, die heute noch genauso aktuell sind wie zu Vivaldis Lebzeiten: Politische Intrigen, verursacht vom Ego von Politikern und auch jenen Menschen, die dadurch zu Schaden kommen.

Diese Themen werden anhand von historischen Fakten erzählt: Auf der einen Seite ist da Sultan Bayezid I (1360 bis 1403, Anm. der Red.) und auf der anderen Seite sein größter Konkurrent Timur Lenk (auch Tamerlan genannt, Anm.).

Bestätigung und Kritik

Sie wollen das Politische in der Oper herauszuarbeiten. Wie gehen Sie vor?

Für mich ist Oper als Genre immer politisch. Geschichtlich gesehen war es immer mit der höchsten Macht im Staat verbunden: dem Königs- oder Kaiserhaus und der Kirche. Es wurde immer das Spiel gespielt, sich auf der einen Seite mit der politischen Macht auf Linie zu bringen und auf der anderen Seite sie zu hinterfragen und zu kritisieren. In diesem Sinne war Oper durchaus subversiv. Als Beispiel fällt mir Mozarts „La celemenza di Tito“ ein. Er zeichnet ein sehr düsteres Bild von der Welt der Herrscher.

„Für mich geht es auch darum, wie man diese Aspekte verantwortungsvoll und reflektiert auf die Bühne bringt, ohne bestimmte Stereotypen zu reproduzieren.“

Wie kann man dieses subversive Element heute auf die Bühne bringen?

Indem man die schwierigen Aspekte hervorhebt. Es kann um Machtverhältnisse gehen, wie „die Anderen“ dargestellt werden oder wie die Position der Frau ist. In Bajazet gibt es zum Beispiel die Rolle der Asteria. In diesem Stück ist sie einerseits stark, andererseits wird sie missbraucht. Für mich geht es auch darum, wie man diese Aspekte verantwortungsvoll und reflektiert auf die Bühne bringt, ohne bestimmte Stereotypen zu reproduzieren.

Das Universelle retten

Wie kann das gelingen, mit einem Stoff, der 1735 uraufgeführt wurde?

Wir als künstlerisches Team, also auch die sechs Sängerinnen und Sänger, versuchen die Unmöglichkeit dieser Geschichte erzählen. Wir wollen zeigen, wie das gesamte Unternehmen zum Scheitern verurteilt ist, weil sie im 21. Jahrhundert erzählt wird. Zu selbst Zeit versuchen wir das Universelle zu retten: Nämlich, dass es am Ende des Tages nicht darum geht, dass wir einander manipulieren und ausnutzen, sondern wie wir uns umeinander kümmern und Verletzlichkeit zeigen.

„Wir zeigen eine selbstermächtigte Frau, die es verweigert, in die Knie zu gehen.“

In diesem Sinne ist Oper für mich politisch. Es geht nicht darum, dass es einen Banner auf der Bühne gibt, oder darum, politische Slogans zu brüllen. Oper könnte ein Ort sein, wo gezeigt wird, was es heißt verletzlich zu sein. Wo kein mächtiger, sondern ein verletzlicher Mann gezeigt wird. Und wo wir keine stereotypische Mezzosopranistin zeigen, die auf der Bühne zusammengekauert weint. Sondern stattdessen zeigen wir eine selbstermächtigte Frau, die es verweigert, in die Knie zu gehen. Oper kann in dem Sinne hoffentlich Bilder erzeugen, die einmal Teil unserer Realität werden.

Zur Person

Krystian Lada ist ein polnischer Regisseur, Dramaturg und Librettist. Er ist der General- und künstlerische Leiter von The Airport Society in Brüssel, die mit unkonventionellen Projekten Oper und soziales Engagement verbindet. Er ist der erste Preisträger des Mortier Next Generation Awards.

Krystian Lada

Weitere Infos und Karten

Bajazet in der Wiener Kammeroper
Premiere: Samstag, 26. September 2020, 19:00 Uhr 
Aufführungen: 28. / 30. September & / 2. / 4. / 7. / 9. / 11. / 13. Oktober 2020, 19.00 Uhr bis 21 Uhr (keine Pause)

Opern im Theater an der Wien

Das Opernhaus der Vereinigten Bühnen Wien startet mit der Spielzeit 2020/21 in seine fünfzehnte Saison. Insgesamt stehen 13 Premieren, davon 11 Neuproduktionen, mit Opern von Cavalli, Vivaldi, Mozart, Rossini, Donizetti, Wagner, Massenet, Leoncavallo, Gershwin, Prokofjew und einem Ballett von John Neumeier sowie die Wiederaufnahmen der Erfolgsproduktionen „Platée“ (Rameau) und „Saul“ (Händel) im Zentrum des Spielplans.