Zum dritten Mal verheiratet. Beruflich, nur damit keine Gerüchte entstehen. Und die ersten beiden Versuche nicht sonderlich glücklich. In „Das Konzert“ betrügt er sie mit jeder Musikstudentin, die sich dazu bereit erklärt. Und in „Medea“ opfert er ihre Zukunft für sein persönliches Fortkommen – am Ende entladen sich alle Emotionen im von ihr verübten Mord an den gemeinsamen Kindern.

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Kann es da noch schlimmer kommen? Nun ja, die Antwort auf diese Frage hängt vom jeweiligen moralischen Kompass ab. Es ist jedenfalls keine leichte Kost, die Edward Albee dem Publikum serviert, auch wenn sie anfänglich so amüsant-eloquent daherperlt.

Martin, ein erfolgreicher Architekt, Pritzker-Preisträger und jüngst mit einem prestigeträchtigen Jahrhundertprojekt betraut, steht kurz vor seinem 60. Geburtstag, anlässlich dessen sein alter Freund Ross ein TV-Interview mit ihm plant. Martin und seine Frau Stevie sind seit vielen Jahren tatsächlich glücklich verheiratet, ein liberales Vorzeigepaar, das sich bis dato keine Seitensprünge geleistet hat. Gemeinsam mit ihrem schwulen Sohn Billy – auch das natürlich kein Problem – bewohnen sie ein schickes Eigenheim. In diese intellektuelle Idylle platzt Martin seinem Freund Ross gegenüber mit der Auskunft, er habe sich in Sylvia, eine Ziege, verliebt und diese neue Partnerschaft auch bereits vollzogen. Er besteht vehement darauf, dass es sich dabei nicht um Sodomie, sondern vielmehr um tiefe Gefühle handle. Ross ist erschüttert und teilt das ihm Anvertraute brieflich unverzüglich Stevie mit. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Joseph Lorenz und Sandra Cervik spielen die Hauptrollen in diesem 2002 uraufgeführten schwarzhumorigen Drama, das die Saison in den Kammerspielen der Josefstadt eröffnet. In „Medea“ überzeugte sie als Titelheldin und er in der Rolle des Jason; in „Das Konzert“ gab er den untreuen Ehemann Gustav Heink, sie war zwar die betrogene Gattin, aber keinesfalls das arme Hascherl. Man hat also Übung im Unglück.

Es geht in diesem Stück nicht nur darum, dass ein Mann eine Ziege liebt, sondern auch um die Geschichte eines Ehepaares.

Joseph Lorenz

Im emotionalen Labor

Würde man jemandem erzählen, sein bester Freund habe sich in eine Ziege verliebt, wären die Reaktionen wahrscheinlich extremes Unbehagen, Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussage oder hysterisches Übersprungsgelächter. Wozu würden die Schauspieler tendieren?

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„Das gibt es nicht, das kann nicht sein, das glaube ich nicht“, antwortet Sandra Cervik. „Ich hätte zunächst einmal Zweifel“, so Joseph Lorenz. „Und wie lange man zweifelt, kommt wahrscheinlich darauf an, wie gut man jemanden kennt.“ Martin besteht darauf, die Ziege Sylvia genauso zu lieben wie Stevie, was den Konflikt naturgemäß kaum entschärft. „Edward Albee hat sehr klug in letzter Konsequenz offen gelassen, ob die Geschichte wirklich stimmt“, erklärt Joseph Lorenz seine Sicht der Dinge. „Es geht in diesem Stück nicht nur darum, dass ein Mann eine Ziege liebt, sondern auch um die Geschichte eines Ehepaares. Es ist wie eine Versuchsanordnung, Albee hat die zwei Figuren in ein emotionales Labor gesetzt und den toxischen Stoff ‚Liebe zu einer Ziege‘ dazugegeben. Es wird ausgetestet, was diese Ehe aushält.“

Joseph hat im Stück eine schicke teure Geldbörse. Auf der einen Seite steckt mein Foto, auf der anderen das der sehr entzückend dreinschauenden Ziege.

Sandra Cervik

Wobei er in seinem Spiel die Ziege nicht ausblende, sondern sie sich wahrhaftig vorzustellen versuche. „Joseph hat im Stück eine schicke teure Geldbörse“, ergänzt Sandra Cervik amüsiert. „Auf der einen Seite steckt mein Foto, auf der anderen das der sehr entzückend dreinschauenden Ziege. So viel zum Thema Ausblenden.“ Conclusio: Man muss die Story schon in allen Aspekten ernst nehmen.

Seitensprung mit einer Ziege
Regieanweisung: Wutausbruch. Sandra Cervik und Joseph Lorenz geben im Innenhof des Theaters eine Privatvorstellung mit Auszügen aus „Medea“.

Foto: Christoph Liebentritt

Nicht einzuordnen

„Ich dachte, ich hätte alles gelesen, alles gesehen, alles gespielt, mich kann nichts mehr erschüttern“, gibt Sandra Cervik Einblick in ihre probenevozierte Gefühlslage, „aber ich muss sagen, dass mich dieser Stoff doch in einem Maß beschäftigt, wie ich mir das nicht gedacht hätte. Uns alle, denke ich, denn wir haben sehr viel Redebedarf. Das ist ja auch Edward Albees Anliegen, dass man seine Grenzen erkundet. Insofern ist diese Rolle sicher eine große Herausforderung, bei der ich aber schauspielerisch wie menschlich etwas lerne.“

Im Stück sagt Stevie sinngemäß, dass sich Ehemänner im Laufe einer langen Ehe möglicherweise als Transvestiten entpuppen könnten, Ehefrauen eventuell als Lesben, aber Sodomie habe niemand auf dem Zettel. „Das ist zweifellos eines unserer letzten sexuellen Tabus“, ist sich Sandra Cervik sicher. „Das Skandalon ist ja nicht die Tatsache, sondern dass sie als etwas zu Akzeptierendes in den Raum gestellt wird. ‚Ich liebe dich, und ich liebe sie‘, sagt Martin zu Stevie. Er bleibt auch dabei, es gibt keinen Erkenntnisprozess.“

Das sei, so Joseph Lorenz, auch das Großartige. „Albee setzt nicht den Eklat an den Anfang des Stückes, um ihn im weiteren Verlauf dann bürgerlich zu beseitigen, sondern er dreht die Schraube immer weiter, bis das Gewinde bricht. Selbst bei ‚Richard III.‘, der buchstäblich über Leichen geht und zahllos mordet, kann am Ende noch alles irgendwie in einen Raster eingeordnet werden. Hier aber wird nichts eingeordnet.“

Provoziertes Publikum?

„Wenn wir Glück haben, werden Leute aufstehen, während der Vorstellung ihre Fäuste recken und Sachen auf die Bühne werfen. Hoffe ich“, meinte Edward Albee kurz vor der Uraufführung. Sein Wunsch blieb unerfüllt, das Premierenpublikum zeigte sich begeistert. Welche Reaktionen sind in den Kammerspielen zu erwarten? „Ich glaube nicht, dass wir es ganz leicht haben werden. Das Stück hat wirklich witzige Komponenten, aber man wird sehen, ob und wie weit sich die Zuschauer*innen auf eine solche Geschichte einlassen können“, so Sandra Cervik.

„Wir sind jederzeit bereit, uns auf offener Bühne Morde anzuschauen, serienweise, da haben wir überhaupt kein Problem damit. In diesem Stück passiert gar nichts, es wird nur geredet, aber die Aufregung wird größer sein als beim vorhin genannten ‚Richard III.‘. Da bin ich mir ganz sicher“, ergänzt Joseph Lorenz. Wohl auch deshalb, weil Albee eben keine entlastenden Aussagen macht. Was kommt als Nächstes? „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ würde sich regelrecht aufdrängen. Sandra Cervik lacht. „Ich hätte den Wunsch, dass einmal nicht ich die bin, die betrogen wird, sondern die sein könnte, die betrügt. Das wäre ein Novum. Aber gibt es ein solches Stück überhaupt?“ Vorschlag: Wie wäre es mit Harold Pinters „Betrogen“?

Zu den Spielterminen von „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ in dem Kammerspielen!