Zauberflöte im Burgtheater: Wenn die Ordnung flöten geht

In ihrer „Extravaganza nach Mozart“ setzt sich das Musiktheaterkollektiv „Kommando Himmelfahrt" mit der Zauberflöte auseinander. Ziel ist es, das Radikale und Verrückte freizulegen.

BÜHNE: Wieso ausgerechnet Mozarts Zauberfloete? Wie ist die Idee zu dieser Auseinandersetzung entstanden?

Julia Warnemünde, Thomas Fiedler, Jan Dvorak: In Mozarts „Die Zauberflöte“ geht es um die Gefahren und Möglichkeiten des radikalen Umbruchs im Denken, der wiederum zum Bruch mit der bisherigen Ordnung führt. Als Künstlergruppe, die sich für die großen Ideen und Zukunftsentwürfe der Menschheit interessiert, haben wir uns schon lange mit diesem Stück beschäftigen wollen.

Und man muss sagen, es ist heute vielleicht aktueller als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Wir leben schließlich in einer Zeit, in der die Ideen und Ideale des Zeitalters der Aufklärung heftig diskutiert werden und das völlig zurecht. Doch neigen wir dabei auch zu vergessen, dass dieses Zeitalter uns das Werkzeug für diese Art von Kritik gegeben hat, geschweige denn öffentliche Kritik überhaupt möglich gemacht hat.

Heute sind wir auf der Suche nach einer neuen Definition des einstmals glänzenden Begriffs des Humanismus, oder nach einem neuen Begriff, der beschreibt, wie wir als Menschen sein wollen. Aber das alles steckt in Mozarts „Die Zauberflöte“ von 1791 auch drin.

Die zwei Gesichter der Zauberflöte

Jan Assman beschreibt die Zauberflöte als „Oper mit zwei Gesichtern“. Welches ihrer Gesichter tritt bei eurer magisch-mythischen Extravaganza am deutlichsten hervor?

Assmanns Auseinandersetzung mit dem Stück hat uns in der Tat sehr inspiriert. Die zwei Gesichter, das rätselhafte Mysterienspiel auf der einen und das populäre Unterhaltungsstück auf der anderen Seite, hat auch unsere „Zauberflœte“. Für uns ist die Gleichzeitigkeit beider Aspekte interessant.

„Die Form, die uns dabei inspiriert hat ist die der Shows des Théâtre du Grand Guignol, das sich Wahnsinn, Blut und Mord gewidmet hat.“

In der „Zauberflöte“ wird die Idee einer tatsächlichen Verbesserung der Menschheit aufgeworfen. Das ist ein hoch gefährliches Unterfangen, das auf der Bühne experimentell durchgespielt werden kann. Gerade in einer Zeit von enormen Umwälzungen und Gefahren, scheint es uns wichtig, im Kunstraum diesen Fragen nachzugehen. Die Form, die uns dabei inspiriert hat ist die der Shows des Théâtre du Grand Guignol. Das war ein Pariser Volkstheater, das sich Wahnsinn, Blut und Mord gewidmet hat. Damit hat es Grenzen und Abgründe des Menschlichen untersucht.

Geniale Musik als Erfolgsgarant der Zauberflöte

Seit ihrer Uraufführung ist Mozarts „Zauberflöte“ ein Garant für volle Häuser. Worauf ist dieser konstante Erfolg eurer Meinung nach zurückzuführen?

Auf die geniale Musik, die längst der Oper entwachsen und in allen Bereichen der Popkultur zu finden ist. Und vermutlich auch auf das „Missverständnis“, dass „Die Zauberflöte“ mit seinen magischen Tieren, Königin, Prinz und Prinzessin ein großer Familienspaß ist.

„Mozarts Musik geht über alles hinaus was zu seiner Zeit gemacht wurde. Genau das versuchen wir jetzt freizulegen und zu radikalisieren.“

 Was waren eure ersten Begegnungen mit der „Zauberflöte“ bzw. mit Mozart?

Warnemünde: Viele Menschen beschreiben ihre erste Begegnung mit Mozart oder mit „Die Zauberflöte“ als Initiationsmoment. Leider bin ich keiner davon. Ich habe spät angefangen mich überhaupt für die Oper zu interessieren und habe erst nach intensiverem Studium ein Gefühl dafür bekommen, was das Faszinierende an Mozarts Werk ist. Dieser Prozess ist lange nicht abgeschlossen.

Fiedler: Zuhause hatten wir eine Schallplatte mit der gekürzten „Zauberflöte – für Kinder“, erzählt von Karl Heinz Böhm. Als Kind habe ich sie häufig gehört und war stets verwirrt, warum die gute Königin der Nacht plötzlich böse und der böse Sarastro gut wurde. Erst im Studium habe ich dann das ganze Stück gehört und begonnen, mich wirklich in dieses Labyrinth aus Widersprüchlichkeiten zu begeben.

Dvorak: Die übliche Kinder-Zauberflöte. Im Musikstudium diente die Oper als Dirigierübung, da habe ich erstmals ernsthaft in die Noten geschaut. Das Seltsame ist, dass ich immer das Gefühl hatte, dass hinter all den Klischees und Witzchen, die ja zum Teil auch die Zauberflöte ausmachen, etwas steckt, das ich nicht verstehe. Das tiefer ist, als ich erfassen kann. Etwas Radikales, Verrücktes, Phantastisches. Mozarts Musik geht über alles hinaus was zu seiner Zeit gemacht wurde. Genau das versuchen wir jetzt freizulegen und zu radikalisieren. Ich hoffe, er wäre einverstanden.

Steckbrief: Kommando Himmelfahrt

Kommandio Himmelfahrt ist ein Hamburger Musiktheaterkollektiv, das sich der Erforschung historischer Utopien widmet. So haben sie bereits Thomas Morus’ Utopia oder die biblische Erzählung um die Speisung der 5000 in großformatige Musiktheaterereignisse verwandelt. Begleitet von einer sechsköpfigen Band macht sich das Schauspielensemble der Zauberflœte auf den Weg aus dem lieblichen Tal des Aberglaubens in die finsteren Grotten des Verstandes. 

Termine und Karten: Zauberflöte

Uraufführung: Dezember 2020

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