Machtgierige Herrscher, ihre Prätorianer und Dichter

Mehrere Theaterfestivals befassen sich heuer mit der Frage, wie Kaiser und Könige ihre Stärke auf Unterstützer oder auch auf das Tun von Künstler*innen aufbauten.

„Für dich muss man irgendwann einen Nero schreiben.“ Das sagte der Intendant der Sommerspiele Melk, Alexander Hauer, einst zu Darsteller Sebastian Pass. „Das ist schon einige Jahre her, Sebastian spielte damals Napoleon in Krieg und Frieden und beeindruckte mich in seiner Verbindung zwischen brandgefährlich und zerbrechlich. Das damals flapsig Dahingesagte tauchte nun durch die gesellschaftspolitische Relevanz wieder aus dem Hinterkopf auf.“ So ließ man auch wegen des Hauptdarstellers, vor allem aber wegen der aktuell wieder interessanten Frage, wie viele Mittäter ein Täter braucht, ein Schauspiel von Jérome Junod namens „Nero“ kreieren, das am 1. Juli in Melk uraufgeführt wurde.

„Im Vordergrund stehen die Überlegungen: Warum gibt es Führerkult, wie höhlt man auch ein demokratisches System aus und wer trägt die Autokratie mit?“, so Hauer. Für ihn stelle sich „die Frage, welchen Spielraum jeder selbst hat: Gibt es ohne Zuschauer und Mittäter einen Täter, funktioniert ein autokratisches System ohne Claqueure? Ich finde bei der Figur des Nero die Problematik interessant, wann er falsch abgebogen ist.“

„Vor der monumentalen Kulisse des Stifts Melk braucht es generell große Stoffe, um die Historie in der Gegenwart zu reflektieren.“

Alexander Hauer

Verhaltensauffällig

Gleichzeitig habe man festgestellt, dass das historische Bild von Nero immer wieder verändert wurde. „Er dürfte schon verhaltensauffällig gewesen sein, aber der Brand von Rom beispielsweise wurde ihm wohl zugeschrieben. Es ist interessant, den Topos des Monsters zu hinterfragen“, so Hauer. Darüber hinaus habe sich in der Vorarbeit „eine lustige Entwicklung ergeben, nicht zuletzt durch das Thema Message Control. Die Chats mit Ich bin dein Prätorianer kamen erst raus, nachdem wir schon solche Figuren im Stück hatten. Die Prätorianer machen ja letztlich den Kaiser …“

Vor der monumentalen Kulisse des Stifts Melk, das man während der Vorstellung von vielen Plätzen aus im Hintergrund sehen kann, „braucht es generell große Stoffe, um die Historie in der Gegenwart zu reflektieren“. Neben dem politischen Spannungsfeld soll auch die Beziehung Neros zu den Frauen, die ihn umgaben, beleuchtet werden.

„Molière oder Der Heiligenschein der Scheinheiligen“ von Michail Bulgakow steht in Perchtoldsdorf auf dem Programm. Foto: Sophia Wiegele

Abhängigkeit von Kunst und Politik

Ein machtgieriger Herrscher, diesfalls Sonnenkönig Ludwig XIV., kommt heuer auch im Programm der Sommerspiele Perchtoldsdorf vor. Hier hat man „Molière oder Der Heiligenschein der Scheinheiligen“ gewählt. Dahinter steckt eine Komödie nach Michail Bulgakow, in der der berühmteste Dramatiker Frankreichs um die Gunst des Königs spielt. Ludwig XIV. war bisher sein Gönner, nun ist Molière durch bösartige Einflüsterer in Missgunst gefallen. Michael Sturminger, unter anderem bekannt für seine „Jedermann“-Inszenierungen in Salzburg, führt Regie und hat auch die Intendanz inne. Er hat unter anderen Michou Friesz, Wojo van Brouwer und Hannah Rang besetzt. Neue Brisanz erfährt das Stück dadurch, dass der Autor aus der Ukraine stammte – und die Handlung sich um das Verhältnis zwischen Kunst und Politik und deren Abhängigkeit voneinander dreht.

Gefesselte Phantasie

Ähnliches findet man heuer – allerdings in allegorischer Umsetzung – bei den Raimundspielen Gutenstein: „Die gefesselte Phantasie“ dreht sich um die Königin der Halbinsel Flora, deren Bewohner Dichter sind, wobei zwei Zauberschwestern die Phantasie gefangen nehmen. Das Theaterstück mit Musik von Ferdinand Raimund – samt ernsthaften Anklängen – wird von Regie-Großmeister Achim Freyer, dessen „Oedipe“ von der New York Times zur weltweit wichtigsten Oper des Jahres 2019 gekürt wurde, inszeniert. Es spielen Johannes Krisch, Robert Bartl, Larissa Fuchs, Tini Kainrath und Tobias Reinthaller. Auch Michaela Klamminger und Alexander Strömer sind besetzt, wodurch Gutenstein zu einer Art Sommer-Dependance einiger Josefstädter wird. Über die Inszenierungstätigkeit hinaus hat Achim Freyer auch das Theaterzelt in einer großen Malaktion neu gestaltet.  

Larissa Fuchs und Johannes Krisch in „Die gefesselte Phantasie" in Gutenstein. Foto: Larissa Fuchs (Selfie)

Und um Machtspielchen geht es letztlich auch in „Wie es euch gefällt“ beim Theatersommer Haag. Miriam Fussenegger, bekannt auch aus „Jedermann“ in Salzburg, ist ebenso besetzt wie Volksopern-Allrounder Jakob Semotan. Alexander Pschill und Kaja Dymnicki haben William Shakespeares Komödie neu bearbeitet, Christian Dolezal inszeniert.

Radikalisiert

Komödiantisch, aber auch mit Bezug auf Machtverhältnisse im Großen wie im Kleinen, wird es auf der Rosenburg, wenn „Manche mögen’s verschleiert“ zur Aufführung kommt. Michael Niavarani und Sou Abadi haben ein Stück über die Liebenden Armand und Leila verfasst. Leilas Bruder Mahmoud, im Jemen radikalisiert, wendet sich gegen die Beziehung seiner Schwester. Um seine Geliebte noch sehen zu können, trägt Armand ab nun Schleier – und Mahmound verliebt sich in die schöne Unbekannte. Nicht von ungefähr erinnert der Titel also an den berühmten Film „Manche mögen’s heiß“.

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