Maayan Licht: Liebesgott in der Kammeroper

Als Countertenor mit barockem Faible erreicht er maximale Höhen. Bei Techno-Clubbings bringt er die ekstatischen Massen zum Tanzen. Und in „L’arbore di Diana“ zieht Maayan Licht als genderfluider Amor alle Register der Verführungskunst.

Der Mann ist ein emotionaler Tornado. Es scheint völlig sinnlos, sich seiner vibrierenden Laune entziehen zu wollen, ist man doch von der ersten Sekunde an infiziert. Maayan Licht strahlt auch nach mehreren Probenstunden noch hell wie sein Nachname, der sich übrigens nicht aus dem Deutschen herleitet, sondern polnischen Vorfahren geschuldet ist.

Ein Superspreader der guten Laune. Er selbst ist in einem kleinen Dorf nahe Tel Aviv aufgewachsen. Als, wie er selber sagt, eher feminines Kind und später dann schwuler Teenager war er heftigem Mobbing ausgesetzt. „Kinder sind grausam. Noch immer drehe ich mich um, wenn ich an lachenden Jungs vorübergehe, weil ich denke, sie machen sich über  mich lustig. Das ist eine Narbe, die bleibt.“ Heute gratulieren ihm seine ehemaligen Drangsalierer via Social Media zum Erfolg, was ihn erstaunlicherweise freut. Schließlich ging alles gut aus. Für ihn. „Das Einzige, was sie davon abgehalten hat, mich zu tyrannisieren, war mein Gesang. Dafür habe ich immer eine gewisse Wertschätzung erfahren.“

Maayan Licht
Der israelische Countertenor Maayan Licht erschließt mit seinem Projekt Technopera ganz neue Zielgruppen. Foto: Jos Kuklewski

Berufswunsch: Popstar

Kein Wunder also, dass er sein Talent schon früh zum Beruf machen wollte. „Als Zweijähriger habe ich das Piepen der Mikrowelle nachgemacht und Vogelgezwitscher imitiert. Ich habe populäre israelische Lieder gesungen und wollte unbedingt Popstar werden. Später war ich im Chor und in einer Musicaltruppe, mit 18 dachte ich, es wäre gut, Gesangsstunden zu nehmen.“

So schloss er Bekanntschaft mit Vita Gurevich, eine Begegnung, die sein Leben grundlegend verändern sollte. „Sie hat in der ersten Stunde meinen Stimmumfang getestet und war begeistert, als es immer höher ging. Sie hat mir dann erklärt, was ein Countertenor ist, und mir Videos von Philippe Jaroussky und Max Emanuel Cenčić gezeigt. Außerdem hat sie mir Julia Lezhneva, Cecilia Bartoli und Nuria Rial nähergebracht, die bis heute zu meinen absoluten Idolen zählen. Und Verónica Cangemi, die nun in der Kammeroper die Diana singt. Vita Gurevich und ich haben dann ausgemacht, dass wir in der ersten Hälfte jeder Gesangsstunde an meiner Popstimme arbeiten und in der zweiten an meinem männlichen Sopran. So lernte ich Barockmusik kennen und lieben.“

Auf Anraten namhafter israelischer Kollegen, die er im Laufe der Zeit kennenlernte, entschloss er sich, in den Niederlanden zu studieren, ging nach Den Haag und später nach Amsterdam, wo er 2021 das Master-Studium für Alte Musik bei Xenia Meijer mit Auszeichnung abschloss. Er feilte jahrelang intensiv an seiner Gesangstechnik, gewann 2020 sowohl den Jury- als auch den Publikumspreis beim renommierten Grachtenfestival-Wettbewerb, der live im niederländischen Fernsehen übertragen wurde, und war ein Jahr davor Finalist beim Cesti-Wettbewerb in Innsbruck – dem größten Barock-Contest in der Musikwelt.

„Ich war so aufgeregt, dass ich unter dem gewaltigen Druck komplett versagt habe“, erzählt er unumwunden, „ich ging auf die Bühne und meine Stimme war total blockiert.“ Ein Albtraum. „Aber man muss als Sänger lernen, sich selbst zu lieben und an sich zu glauben. Das ist ein Prozess, aber heute kann ich meinen Beruf genießen.“ Dass ihm Kritiker eine große Zukunft attestieren, „fühlt sich für mich richtig an. Schließlich habe ich sehr hart dafür gearbeitet. Es gab eine Zeit, in der ich nicht auf Partys ging, keinen Alkohol getrunken habe, sondern nur zuhause Aufnahmen meiner Idole gehört und versucht habe, mich selber zu erforschen.“ Das hat sich ausgezahlt. Beim Bayreuth Baroque Opera Festival sang er heuer im September die Titelrolle in Leonardo Vincis Dramma per musica „Alessandro nell’Indie“ – Regie führte sein Vorbild Max Emanuel Cenčić.

Goldgelbe Äpfel

Noch bis 31. Dezember gibt er nun an der Kammeroper Wien den Liebesgott Amor in „L’arbore di Diana“ von Vicente Martin y Soler. Rafael R. Villalobos – von dem auch die Kostüme stammen ­– inszeniert die 1787 in Wien komponierte und uraufgeführte Oper modern, dynamisch, divers. Er verlegt die Handlung von Dianas Garten, in dem die Äpfel golden glänzen, solange alle in ihrem Reich keusch bleiben, kurzerhand in ein Bildungsinstitut, in welchem die römische Göttin der Jagd, zugleich Beschützerin der Frauen und Mädchen, als sittenstrenge Direktorin wacht. Dagegen hat Amor, allein schon aufgrund seines Berufsbildes als Gott der Liebe, naturgemäß etwas und schleust drei junge Männer ein. Was wiederum der Strahlkraft des sinnbildlichen Obstes gar nicht gut tut.

„Normalerweise wird Amor sehr kindlich gezeigt, aber in dieser Oper identifiziert er sich abwechselnd als Mann und Frau. Interessanterweise hat Lorenzo Da Ponte, der Librettist, das bereits so in die Partitur geschrieben.“ Das genderfluide Verhalten auf der Bühne ist also auch historisch intendiert. „Amor ist sexy, und er ist ein Rebell, man sollte aber dennoch natürlich bleiben und darf die Figur nicht überzeichnen. Die Kammeroper ist ein kleines Haus, da muss man, ähnlich wie beim Film, zurückhaltend agieren.“ Es mache jedenfalls großen Spaß, eine solch vielschichtige Rolle zu singen und zu verkörpern.

Hohes C … für Clubbing

Neben seinen Opernauftritten und Konzerten reüssiert Maayan Licht aber auch in einem ganz anderen Metier: Technopera nennt sich das spektakuläre Unterfangen, das, wie dem Namen zu entnehmen ist, Techno mit klassischer Musik mixt. Wie passen diese beiden Stilrichtungen zusammen? „Fantastisch“, findet wenig überraschend der Countertenor, „aber um ehrlich zu sein, hatte ich am Anfang Angst, dass es nicht funktionieren könnte, weil ich eigentlich kein Freund von Crossover-Projekten bin. Techno ist in der Regel Instrumentalmusik, aber zum Beispiel im Deep House gibt es diese ätherischen Stimmen, die über allem schweben. Es ist also gar nicht so weit hergeholt, und wenn es gut gemacht ist, dann harmoniert es auch. Und Technopera ist gut gemacht!“

Maayan Licht: Liebesgott in der Kammeroper
Im Auftrag der Liebe: Christoph Filler (Doristo), Maayan Licht (Amor) und Gyula Rab (Silvio). Foto: Herwig Prammer

Die Gruppe wurde von Dolf van Langelaar, einem Bühnenregisseur aus Utrecht, gegründet. „Er ist ungefähr in meinem Alter und wollte für seine Abschlussfeier an der Theaterakademie eine Show zusammenstellen. Er liebt Oper, und er liebt Techno. Er hat mich beim Grachtenfestival-Wettbewerb 2020 gesehen und einfach angerufen.

Wir haben uns dann mit zwei sehr kreativen DJs getroffen, die auch als Produzenten arbeiten und ihre eigene Musik machen, später haben wir noch mit drei klassischen Komponisten kooperiert und schließlich dieses barock und zeitgenössisch inspirierte Programm von etwa 20 Minuten Länge kreiert. Die beiden DJs und ich standen auf der Bühne, ich habe natürlich gesungen, und es war ein derartig großer Erfolg, dass uns das Theater, in dem das Ganze stattfand, für weitere Auftritte gebucht hat. In der Folge wurde ich zum Festival Down The Rabbit Hole in Beuningen eingeladen, einem der größten Musikevents in den Niederlanden, und dachte, es wäre großartig, mit Technopera dort aufzutreten.“

Bei jeder Performance spielen die Leute verrückt, erzählt Maayan Licht. „Ich habe verstanden, dass das eine Möglichkeit ist, die Oper zu ganz neuen Zielgruppen zu bringen. Techno hat eine enorm große Fanbase, die mit klassischer Musik gar nichts am Hut hat. Die meisten jungen Leute, die ich in diesem Zusammenhang treffe, sagen mir, ich sei der erste Opernsänger, den sie je persönlich gesehen hätten. Die wissen jetzt alle, was ein Countertenor ist, und ich bin wirklich glücklich, dass ich die Oper in ihre Komfortzone bringen kann.“

Aktuell arbeitet die Gruppe an neuer Musik und tritt bei verschiedenen Events auf. „Gerne auch in Wien, falls uns jemand buchen möchte. Denn wir wollen schließlich die Welt erobern!“ Letzte Frage: Hat es mit seinem klangvollen Namen Maayan auch eine besondere Bewandtnis? „Ja, in Hebräisch bedeutet er Quelle des Wassers.“

Zu den Spielterminen von „L’arbore di Diana“ in der Kammeroper!

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