Ich weiß, wo dein Haus wohnt

Wem gehört die Stadt? In Daniel Kehlmanns schwarzer Komödie „Nebenan“ entsteht ein bitterböser Streit um Macht- und Besitzverhältnisse. Was das mit Würstelständen zu tun hat? ­Norman Hacker und Florian Teichtmeister wissen mehr.

„Sie wohnen in meinem Haus“, tönt es von der Sonnenseite des Lebens, auf der es sich Schauspielstar Daniel gerade in einem Eames Lounge Chair gemütlich gemacht hat. „Nein, Sie wohnen in meinem“, lautet die aus der Düsternis abgefeuerte Antwort des älteren Ostberliners Bruno. Mit diesem kurzen Wortwechsel wäre der Grundkonflikt in Daniel Brühls Regiedebüt „Nebenan“ eigentlich gut auf den Punkt gebracht. Doch es geht noch kürzer und pointierter: „Ich weiß, wo dein Haus wohnt.“

Denn Bruno ist nicht einfach nur darüber im Bilde, wo Daniel zu Hause ist (Hinweis: nebenan), sondern kennt auch jede einzelne Leiche, die im Keller des berühmten Filmschauspielers begraben liegt, beim Vornamen. Im Wirtshaus „Zur Brust“, wo Topdog und Underdog aufeinandertreffen, knöpft sich Bruno den erfolgreichen Typen von nebenan nicht einfach nur vor, sondern ihm sinnbildlich Stück für Stück das Lacoste-Hemd auf, bis er völlig entblößt vor ihm liegt.

Ost gegen West

Nicht nur vor ihm, sondern ab 15. Oktober auch vor dem Publikum des Burgtheaters, wo Martin Kušej die auf dem Drehbuch basierende Theaterfassung von Daniel Kehlmann auf die Bühne bringt. Wenige Tage nach der ersten Leseprobe treffen wir Daniel (der im Stück Florian heißt) und Bruno, in der Inszenierung verkörpert von Florian Teichtmeister und Norman Hacker, zwar nicht in einem Wirtshaus, dafür an einem anderen Ort, der ebenfalls häufig dafür genutzt wird, Schauspieler*innen „auseinanderzunehmen“: in der Kantine des Akademietheaters.

„Wie sich nach und nach herausstellt, weiß Bruno alles über mich. Das ist in Zeiten von Social Media und Kartenzahlung natürlich ein großes Thema. Es ist erschreckend, wie viel man herauszufinden imstande ist, wenn man es darauf angelegt hat“

Florian Teichtmeister

Bruno, dessen Vater einst jene Dachgeschoßwohnung bewohnte, in der Florian nach einer umfassenden Luxussanierung nun mit seiner Frau residiert, geht es vor allem um die von ihm empfundene soziale Ungerechtigkeit und die allgegenwärtige Gentrifizierung, fügt Norman Hacker hinzu. „In einer Stadt wie Berlin gewinnt die Thematik durch den Konflikt zwischen Ost und West an zusätzlicher Brisanz. Mieter*innen, die lange in ihren günstigen Wohnungen gewohnt haben, werden zu ebenfalls günstigen Preisen aus diesen herausgekauft und die Wohnungen anschließend teuer weiterverkauft.“

Norman Hacker und Florian Teichtmeister
Ziemlich beste Feinde … … sind Norman Hacker und Florian Teichtmeister natürlich nicht. Ihre Figuren Bruno und Florian aber schon. Foto: Stefan Fürtbauer

Am Würstelstand sind alle per Du

Das Wirtshaus wird in der Geschichte zu einer Art Projektionsraum für jene Menschen, die sich dort aufhalten, merkt Florian Teichtmeister an. „Da gibt es diejenigen, für die es der einzige soziale Anknüpfungspunkt ist, aber auch jene, die glauben, sie würden sich mit den ‚normalen‘ Menschen gemein machen, indem sie in die Niederungen des Eckbeisls hinabsteigen und dort Filterkaffee trinken.“

Es gebe aber – gerade in Wien – auch Plätze, wo es nicht um Verdrängung geht, sondern soziale Vermischung funktioniert, sind sich die beiden Schauspieler einig. Der Würstelstand sei zum Beispiel ein solcher Ort. „Während meiner Studienzeit in den Achtzigerjahren haben ich am Würstelstand am Schottentor gelebt. Zum Franzi kamen sowohl Obdachlose als auch Versicherungsbeamte im Anzug. Leider gibt es diesen Würstelstand nicht mehr“, erinnert sich Norman Hacker. „Ich kann dich zu einem mitnehmen, den ich gut finde“, wirft Florian Teichtmeister lachend ein. „Ich sag jetzt aber nicht, welcher das ist, sonst wird der gleich gentrifiziert.“

Ein brodelnder Kessel

Die Auseinandersetzung zwischen Bruno und Florian beginnt, so Teichtmeister, im Grunde sehr humorvoll. Im Laufe der Geschichte wird jedoch immer deutlicher, dass die der Diskussion immanente Machtfrage das Gasthaus in einen brodelnden Kessel verwandelt. In dem Florian Teichtmeister dennoch sehr viel Unterhaltsames findet. Zum Beispiel dann, wenn es darum geht, dass man als Schauspieler*in stets der Kritik jedes einzelnen Augen- und Ohrenpaares ausgesetzt ist. Wobei Brunos Kritik an Florian eher einem Flächenbrand gleichkommt.

„Jeder Mensch kann sich anschauen, was wir tun, und hat dann die Freiheit, zu sagen: ‚Ich fand das übrigens furchtbar.‘“ Privat sei er schon seit langer Zeit im Reinen damit – „weil ich weiß, dass wir immer alle versuchen, das Beste daraus zu machen, das aber im Laufe einer Vorstellungsserie manchmal besser und besser wird.“ Norman Hacker fällt dazu ein Vergleich ein, den er einmal von einem DDR-Regisseur gehört hat: „Er meinte, dass man das ein bisschen wie bei einer Schwangerschaft und einer Geburt sehen kann. Während der Schwangerschaft entwickelt man das Stück, das Kind wächst also heran. Bei der Premiere ist es dann lebensfähig, und erst im Laufe der Vorstellungen beginnt es zu laufen.“

„Analog dazu passiert es uns manchmal, dass Menschen nach der Geburt zu uns kommen und sagen, dass unser Kind ganz schön hässlich sei“, ergänzt Florian Teichtmeister lachend. Wer möchte, kann darauf immer antworten: „Ich weiß, wo dein Haus wohnt.“

Zur Person: Norman Hacker

Der 1962 in Enns geborene Schauspieler war bereits am Schauspielhaus Graz, am Thalia Theater Hamburg und am Deutschen Theater Berlin. Mit Beginn der Spielzeit 2019/20 wechselte er vom Residenztheater ans Burgtheater.

Zur Person: Florian Teichtmeister

Der geborene Wiener besuchte das Max Reinhardt Seminar und war bereits während seines Studiums auf einigen österreichischen Bühnen zu sehen. Er ist Nestroy-Preisträger und gehört seit 2019/20 zum Burgtheater-Ensemble.

Zu den Spielterminen von „Nebenan“ im Burgtheater!

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