„Phädra, in Flammen“: Feuer und Flamme

Der Funke sprang sofort über, als sich die beiden ­Schauspielerinnen Sophie von Kessel und Dagna ­Litzenberger Vinet zum ersten Mal mit dem Stück „­Phädra, in Flammen“ beschäftigten. Seither brodelt es auf der Probebühne – auf die gute Weise.

Man braucht das schon im Volksschulalter als ziemlich nervig empfundene Sprichwort „Was sich liebt, das neckt sich“, das obendrein auch grammatikalisch äußerst fragwürdig anmutet, nicht zu kennen, um eine Sache zu wissen: Wo Reibung ist, entsteht Wärme – vielleicht sogar der eine oder andere Funken oder überhaupt ein loderndes Feuer. Nicht umsonst gab es eine Zeit, in der die Formulierung „es funkt“ als legitime Beschreibung beidseitiger Verliebtheit durchging. Weil dieser zugegeben vor Plattitüden triefende Exkurs über Liebe dem Stück, um das es in diesem Artikel gehen soll, alles andere als gerecht wird, endet er an dieser Stelle auch schon wieder.

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Eine Sache stimmt jedoch: Phädra, die titelgebende Hauptfigur aus Nino Haratischwilis Stück „Phädra, in Flammen“, behandelt die junge Persea, die ihren Sohn Demophon heiraten und damit eines Tages ihren Platz einnehmen soll, zunächst mit großer Kälte. Es ist Perseas unbeirrbarem Glauben an ein besseres Leben im falschen System zu verdanken, dass aus den anfänglichen Reibereien eine Liebe wird, die Phädra zumindest zu temporärem Glück verhilft. „Ihre anfängliche Abwehrhaltung sagt viel über unsere Gesellschaft aus“, so Dagna Litzenberger Vinet, die in Tina Laniks Inszenierung als Persea auf der Bühne des Akademietheaters stehen wird. „Während Männer sich verbünden, wird uns Frauen ständig das Gefühl vermittelt, wir stünden alle in Konkurrenz miteinander. Als Persea suche ich jedoch von Anfang an nach dieser Verbundenheit.“

Der Mythos

Phädra – manchmal auch Phaidra geschrieben – ist in der griechischen Mythologie die zweite Frau des Königs von Athen. Von Aphrodite verzaubert, verliebt sie sich in ihren Stiefsohn Hippolytos, der ihre Liebe jedoch nicht erwidert. Phädra begeht Selbstmord, schiebt Hippolytos davor aber noch die Schuld in die Schuhe. Dramatisch bearbeitet wurde der Stoff unter anderem von Euripides, Seneca, Racine und von der britischen Dramatikerin Sarah Kane.

 

Ewige Quelle der Inspiration

Doch zunächst zum Stück: In Haratischwilis Überschreibung des antiken Phädra-Mythos verliebt sich Königin Phädra, die sich in ihrer Situation zunehmend eingeengt fühlt, nicht in ihren Stiefsohn Hippolytos, sondern in ihre zukünftige Schwiegertochter Persea. Was privat wie politisch in Stein gemeißelt schien, beginnt zu bröckeln, und schließlich ist es die patriarchal geprägte Kirche, die die große Katastrophe ins Rollen bringt.

„Vor zwei Sommern war ich in Georgien und habe mitbekommen, wie es bei einer Veranstaltung im Rahmen der Pride Week zu Ausschreitungen seitens rechter Gruppierungen und der orthodoxen Kirche kam. Das hat dazu geführt, dass ich das Stück nochmals umgeschrieben und aus der klassischen Konstellation eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen gemacht habe. Außerdem habe ich die Kirche sehr viel stärker in den Vordergrund gerückt“, beschreibt es Nino Haratischwili, die auch als Romanautorin sehr erfolgreich ist und ihre Stücke teilweise selbst inszeniert.

Sophie von Kessel Dagna Litzenberger Vinet
Ein gemeinsamer Weg. Zusammen lässt es sich viel einfacher von einer Probe zur nächsten hüpfen. Wie dieser gemeinsame Weg aussehen kann, zeigen Dagna Litzenberger Vinet und Sophie von Kessel beim BÜHNE-Fotoshooting. Foto: Mato Johannik

Es sei aber auch kein Stück, das in eine Schublade mit der Aufschrift „lesbische Liebesgeschichte“ gesteckt werden möchte, sagt Sophie von Kessel, die Phädra spielt. „Es geht um eine Liebe zwischen zwei Menschen – unabhängig von deren Geschlecht.“ Oder auch um deren Unmöglichkeit, denn das patriarchale System, durch das sich die beiden Frauen bewegen, ist sogar noch um einiges starrer als der Panzer, den sich Phädra zugelegt hat – unter dem es jedoch lodert. „Unter dem Deckmantel der stolzen Königin verbirgt sich sehr viel Bedürfnis, das niemand sieht. Sie spielt die Rollen, die man ihr zugeteilt hat, und das macht sie gut – bis Persea auftaucht und sie durchschaut“, merkt Nino Haratischwili an.

„Phädra, in Flammen“ ist der erste Teil einer Trilogie, die Frauenfiguren aus der griechischen Antike ins Zentrum rückt. „Diese Geschichten sind für mich eine ewige Quelle der Inspiration. Die Themen, die darin verhandelt werden, verlieren nicht an Aktualität“, bringt es die Autorin auf den Punkt.

„Während Männer sich verbünden, wird uns Frauen ständig das Gefühl vermittelt, wir stünden alle in Konkurrenz miteinander.“

Dagna Litzenberger Vinet,Schauspielerin

Gegenseitige Befreiung

Wie sie das Verhältnis von Phädra und Persea beschreiben würden, möchten wir noch von den beiden Schauspielerinnen wissen. „Persea holt etwas aus Phädra heraus, was verschüttet war. Sie versucht, sie wieder zum Leben zu erwecken“, analysiert von Kessel mit jener Klarheit, die sie während des gesamten Interviews an den Tag legt.Dagna Litzenberger Vinet stimmt ihr mit einem Kopfnicken zu und ergänzt: „Ich glaube, dass sie ihrem eigenen Schicksal Einhalt gebieten möchte, indem sie Phädra aus ihrer Situation befreit. Sie wehrt sich dagegen, wie ihre eigene Zukunft möglicherweise aussehen könnte. Für beide Frauen ist die Begegnung ein bisschen wie der Blick in den Spiegel.“

Persea ist außerdem die einzige Figur, die Nino Haratischwili nicht aus dem antiken Mythos übernommen, sondern frei erfunden hat. „Sie hat etwas von einem unbeschriebenen Blatt und gibt die Hoffnung nicht auf, Phädra wachrütteln und mit ihr glücklich werden zu können. Sie verfolgt keinen Plan, sondern diese Liebe passiert ihr einfach“, so Litzenberger Vinet. Die Selbstsicherheit, mit der sich Persea dieser Liebe hingibt, drückt sich in Sätzen wie den folgenden aus: „Gleich bei unserer ersten Begegnung wusste ich, dass du auf mich gewartet hast. Auf jemanden, der dir sagt, wie du bist.“

Nino Haratischwili
In der Dramatik und in der Prosa zu Hause. Nino Haratischwili wurde 1983 in Georgien geboren, studierte Regie in Tiflis und Hamburg und fühlt sich in der Prosa ebenso wohl wie in der Dramatik. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Foto: G2 Baraniak

Frauen ins Zentrum

Haratischwili hat sich zudem bewusst dazu entschieden, Frauen in der zweiten Hälfte ihres Lebens zu den zentralen Figuren ihrer Trilogie zu machen. „Mir war es wichtig, dass das gestandene Frauen sind, die all diese Erfahrungen im Gepäck haben und trotzdem in der Mitte ihres Lebens stehen. Das ergibt eine ungemein reichhaltige Fülle an Material, mit der man als Dramatikerin umgehen kann.“

„Solche Stücke gibt es nur sehr selten, und ich habe auch nicht das Gefühl, dass sich in diese Richtung sehr viel tut“, merkt Sophie von Kessel an. „Beim Film ist es sogar noch extremer, da ist man schon mit Mitte dreißig kein Love Interest mehr. Am amerikanischen Film lässt sich jedoch gut beobachten, dass viele Frauen das Thema dann selbst in die Hand nehmen und diese Lücken füllen, indem sie die Filme selbst produzieren – in vielen Fällen mit großem Erfolg.“

Zur Person: Sophie von Kessel

wurde in Mexiko-Stadt geboren, studierte am Max Reinhardt Seminar und an der Juilliard School in New York und war vor ihrem Engagement am Burgtheater Ensemblemitglied am Münchner Residenztheater. In den Jahren 2008 und 2009 spielte sie die Rolle der Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen. Seit der Spielzeit 2020/21 gehört sie zum Ensem­ble des Burgtheaters.

Stücke wie „Phädra, in Flammen“ seien deshalb wahnsinnig wertvoll, resümiert die Schauspielerin. Nach einer kurzen Pause setzt sie nach: „Außerdem habe ich den Eindruck, dass es viele Theaterbesucherinnen gibt, die in ungefähr demselben Alter wie Phädra sind. Ein Stück, das davon handelt, was es bedeutet, wenn einem von der Gesellschaft Libido und Attraktivität abgesprochen werden, die Kinder aus dem Haus sind und man keine mehr bekommen kann, bietet für genau diese Frauen vielleicht ein größeres Identifikationspotenzial.“

Arbeiten auf Augenhöhe

Mit Tina Lanik hat sie zuletzt beim Stück „Das Himmelszelt“ zusammengearbeitet. Die beiden kennen einander jedoch schon seit Dieter Dorns Intendanz am Münchner Residenztheater. „Das Schöne bei Tina Lanik ist, dass alles komplett ohne Angst passiert. Man hat keinen Druck von außen, den macht man sich ohnehin selbst genug. Es ist ein Arbeiten auf Augenhöhe, und man fühlt sich als Schauspieler*in ernst genommen. Außerdem schaut sie sehr aufmerksam zu“, fasst Sophie von Kessel zusammen. „Ich erkenne die Verbundenheit zwischen euch und finde es schön zu sehen, wie sie dich als ihre Phädra beobachtet – wie ihr das zusammen erarbeitet“, fügt Dagna Litzenberger Vinet hinzu.

Sophie von Kessel, sichtlich voller Tatendrang, ergänzt: „Zwischen Spieler*in und Regisseur*in gibt es immer eine – vollkommen geschlechtsunabhängige – Form von Erotik, die gar keine wirkliche Erotik ist, sondern eher ein kreatives Knistern. Für unser Vorhaben finde ich diese Art von weiblicher Verbundenheit total wichtig. Ich glaube, dass allen von Anfang an klar war, dass diese Geschichte von einer Frau erzählt werden muss.“

Der erste Funken Vorfreude wurde schon vor dem Sommer entzündet, erzählen die beiden Schauspielerinnen. „Durch die Probenphase im Mai konnte sich einiges bereits setzen“, erklären sie beinahe unisono. Daran, dass sie mittlerweile Feuer und Flamme für das Stück sind, besteht nach unserem Gespräch keinerlei Zweifel.

Und auch daran nicht, dass gerade zwei Frauen vor uns saßen, die für ihren Beruf brennen, dabei aber genau wissen, was sie wollen. Reibung, die Wärme erzeugt, zum Beispiel. Und echte, immer wieder aufs Neue entflammende Verbundenheit.

Zu den Spielterminen von „Phädra, in Flammen“ im Akademietheater!

Zur Person: Dagna Litzenberger Vinet

Die in Amerika geborene Französin wuchs in Frankreich, Deutschland und der Schweiz auf. Nach einem Philosophiestudium in Paris ­studierte sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Ihr erstes Engagement führte sie ans Schauspielhaus Zürich. Am Burgtheater ist sie seit 2022/23 und u. a. in „Der Zauberberg“ zu sehen.