Erni Mangold: Ein Leben im Widerstand

Schonungslos, ehrlich, grantig. Und dabei von filigraner Schönheit. Am 26. Jänner wurde Erni Mangold 95. Ihre Karriere ist Kulturgeschichte, ihr Leben ein Plädoyer für die Freiheit. Wir haben Erni Mangold besucht.

Dieses Gesicht spricht Bände. Es ist schön. War immer schön. Elfriede Jelinek hat dieser Schönheit eine Ode gewidmet. „Ich sehe eine wunderschöne Frau vor mir. Sie ist elegant, schon etwas älter, sie spricht mein Schneewittchen, das ihr, wie ihr Chanel­kostüm, auf den Leib geschneidert ist, und dieses Schneewittchen ist, ja, schneeweiß und dieses rote Wahnsinnshaar dazu! (Eigentlich sollte es, wie im Märchen, schwarz sein, aber schwarz kann nicht sein, weil nur Erni Mangold es sein kann.)“

Die Begegnung der beiden Frauen fand 2005 statt, als Mangold im Volkstheater das Schneewittchen in Jelineks „Prinzessinnendrama“ spielte. Nachzulesen in der neuen bildgewaltigen Biografie der Schauspielerin, „Sagen Sie, was Sie denken“.

Für Rainer Werner Fassbinder, mit dem sie 1976 „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“ drehte, war Erni Mangold der weibliche Charles Bronson, also die Verkörperung eines furchtlosen Machos. Folgerichtig regte er an, dass sie nur noch Leder tragen sollte. Dem verwehrte sie sich zwar, der als Sadist verschriene Regisseur, unter dessen Eska­paden meist das gesamte Team litt, respektierte die Mangold dennoch. Man nennt das wohl natürliche Autorität. 

„Lassen Sie mich in Ruhe“

Und die hatte sie. Immer schon. Deshalb konnte sie wohl die Nazis als Jugendliche überleben, obwohl sie sich standhaft weigerte, mit „Heil Hitler“ zu grüßen, und stattdessen bis zum letzten Kriegstag einen „Guten Tag“ wünschte. Und all die Männer, die ihr nachstellten, sie verfolgten, betatschten, ins Bett kriegen wollten. Kollegen, Intendanten, Regisseure, große Stars mit kleinen Egos, ohne Genierer, Widerlinge, Missbrauchstäter. Aber nicht mit ihr. Schon gar nicht kampflos. Manchmal redete sie die zudringlichen Herren auch einfach so lange in Grund und Boden, bis ihnen ihre Libido vergangen war. 

Zur Person: Erni Mangold

Geboren 1927 im nieder­österreichischen Groß­weikersdorf, Ausbildung an der Schauspielschule Krauss, Engagements am Theater in der Josef­stadt, am Deutschen Schauspiel­haus in Ham­burg, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Wiener Volkstheater. Zu sehen in zahlreichen Film- und TV-Produk­tionen, Professorin am Max Reinhardt Seminar. 2017 gab sie in den Kammerspielen ihren Bühnenabschied. 

Denn sie war nicht enthemmt, auch wenn man das bei ihren frühen Rollen, in denen sie von Männern als Vamp besetzt wurde, unbedingt annehmen wollte. In der Josefstadt war sie das „Sexerl“, in den Filmen der 1950er-Jahre auch. Weil sie auf den Tischen tanzte, sich um nichts scherte, mehr Alkohol vertrug als die meisten Männer, hatte sie einen schlechten Ruf. Und weil sie keine Büstenhalter trug, schon damals nicht, lange bevor die Feministinnen der 1970er-Jahre ihre öffentlich verbrannten. 

Im Stück „Frauen in New York“ musste sie auf der Bühne ein Bad nehmen. Man sah nichts, die Aufregung war dennoch groß, Männer rissen sich um Plätze auf dem Balkon. Das „Sexerl“ dachte wenig an die ihr namentlich zugedachte Tätigkeit, sondern zog lieber mit ihren Freunden Helmut Qualtinger, Michael Kehlmann, Otto Kobalek und dem später weltberühmt gewordenen Fotografen Ernst Haas, mit dem sie kurz liiert war, um die Häuser. 

All das kann man nachlesen in der 2011 erschienenen Biografie mit dem stark nach Lebensmotto klingenden Titel „Lassen Sie mich in Ruhe“ – wie das aktuelle Buch auch von Doris Priesching aufgezeichnet.

Sieben Jahrzehnte Karriere

Erni Mangold hat mit allen Größen ihrer Zeit gespielt. Sie war am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg bei Gustav Gründgens engagiert, wo sie auch ihren späteren und einzigen Ehemann Heinz Reincke kennenlernte, von dem sie sich nach zwanzig Jahren wieder scheiden ließ. Im Düsseldorfer Schauspielhaus, dem Wiener Volkstheater und natürlich im Theater in der Josefstadt. 

Hier wurde aus Erna Goldmann, zur Welt gekommen 1927 im Wirtshaus der Großeltern in Großweikersdorf, erst Erni Mangold, weil es mit Gerhard Riedmann bereits einen „mann“ im Ensemble gab. 

Sie drehte mehr als 80 Kino- und Fernsehfilme, von 1948 bis 2020. Und war auch dabei nie um eine künstlerische Provokation verlegen. In der „Kottan ermittelt“-Folge „Der Geburtstag“ aus dem Jahr 1977 – inszeniert von Peter Patzak – gab sie eine Nazi-Mami, die mit ihrem von Michael Schottenberg gespielten Frauenmörder-Sohn in einem Bett schläft. Wie pervers!, fand halb Österreich. Mit der Verunglimpfung des Polizeiwesens hatte die Öffentlichkeit ohnehin große Probleme, charmant ausgedrückt. 

  • Ein Leben im Widerstand
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Ihre erste Sexszene spielte sie mit 87 Jahren im Drama „Der letzte Tanz“: in der Rolle einer Alzheimerpatientin, die mit einem Zivildiener eine emotionale Beziehung eingeht. 

Bei ihrem Bühnenabschied in den Kammerspielen war Erni Mangold 90 Jahre alt. In der schwarzen Komödie „Harold und Maude“ berührte sie ihr Publikum zum letzten Mal live in der Rolle der 79-jährigen Maude, die auf einem Friedhof den exzentrischen 20-jährigen Harold kennenlernt. Zwischen der KZ-Überlebenden und dem von seiner Mutter Unverstandenen entsteht eine romantische Liebesbeziehung – über alle Altersgrenzen hinweg.

Noch einmal zog die Grande Dame des Theaters alle Register ihres fein nuancierten Könnens. Mit großer Zärtlichkeit und beeindruckender physischer Präsenz war sie Abend für Abend noch einmal die Königin. Sich körperliche Kraft zu bewahren war ihr stets wichtig. Dafür trainierte sie auch bis ins hohe Alter. „Denn mit 90“, so sagte sie damals in einem Interview, „kann immer was sein.“ Und dann gelte es, fit zu sein, um Krankheiten leichter überstehen zu können. 

„Wenn man anfängt, jemanden zu hassen, ist das ein ziemlicher Einschnitt im Leben. Hass ist nie gut. Eine kleine Philosophie, die ich jedem mitgeben möchte.“

Erni Mangold

Besuch der alten Dame

Als ich Erni Mangold Ende November anrufe, um ein Interview zu erbitten, spreche ich mit dem Anrufbeantworter. Zwei Tage darauf ruft eine freundliche Dame zurück, die „auf das Haus von der Erni schaut“, wenn diese nicht da sei. Sie befinde sich nach einem Sturz in einem Reha-Pflegeheim in Wien, bei dem sie auf das Leben zuhause vor­bereitet werde. „Aber sie wird Sie anrufen.“ Weitere zwei Tage danach tut Erni Mangold das tatsächlich. Durchaus autoritär. Wir machen einen Gesprächstermin aus. Ich bringe eine Flasche Zweigelt, ihren Lieblingswein, mit. Im Interview wird schnell klar, wie sehr ihr die momentane Situation missfällt. Sie ist schlechter Laune, beinahe unwirsch, dabei sehr zerbrechlich. 

Über die Vergangenheit will sie nicht reden. Die Gegenwart findet sie „politisch schrecklich“. Die Regierung sei „grauenhaft“. Emotional erregt, beklagt die Schauspielerin die triste Situation der kleinen Theater, „die alle krepieren, kaputtgehen, weil sie kaum subventioniert werden“. Richtig in Rage gerät sie, als es um die Frage geht, warum sich die hiesige Mentalität so schwer damit tut, gegen Missstände aufzutreten. „Die Österreicher waren immer unmündig. Es ging stets nur darum, was die anderen sagen. Es hat sie nie interessiert, Meinung zu machen. Unter Kaiser Franz Joseph nicht, der ihnen sagen musste, wo es langgeht, auch wenn es der größte Blödsinn war. Unter Hitler nicht. Nie.“ 

Sie selber hätte immer zu einem Häuflein Anders­denkender, Andershandelnder gehört. Eine Hasserin sei sie dennoch nicht geworden. „Nein, das ist unsinnig und bringt ja nichts. Wenn man anfängt, jemanden zu hassen, ist das ein ziemlicher Einschnitt im Leben. Hass ist nie gut. Eine kleine Philosophie, die ich jedem mitgeben möchte.“

Das Theater in der Josefstadt ehrt Erni Mangold zum 95. Geburtstag mit einer Matinee am 30. 1. 2022 im Gespräch mit Sandra Cervik. josefstadt.org 

Von 20. 1. bis 2. 2. 2022 veranstaltet das Filmarchiv Austria eine Retrospektive mit Filmen der Jubilarin im Metro Kino – auszugsweise und gratis auch online. Dabei wird u. a. der 1948 entstandene Film „Das andere Leben“ – eine Produktion des Theaters in der Josefstadt – gezeigt. filmarchiv.at

Ein Leben im Widerstand

Sagen Sie, was Sie ­denken. Mein Leben in Bildern“ 

Aufgeschrieben von Doris Priesching. Mit Gast­beiträgen von Elfriede Jelinek, Michael Schotten­berg u. a., 208 Seiten, erschienen im Molden Verlag, € 35,–.