Elf junge Regisseur*innen, die man sich merken sollte

Neue Themen und Diskurse verlangen nach neuen Blickwinkeln, und auch zeitlosen Geschichten tun Neuinterpretationen gut. Die BÜHNE stellt Regisseur*innen vor, deren Perspektiven und Ideen wir bemerkenswert finden.

Anna Marboe

Sie ist Liedermacherin und Theatermacherin, komponiert Songs als Anna Mabo und inszeniert Stücke als Anna Marboe. Unter anderem Theatertexte wie Sivan Ben Yishais „Liebe / Eine argumentative Übung“, das – im Kosmos Theater in Wien gezeigt – für einen NESTROY nominiert wurde. Gerade läuft ihr Stück „Am Sand“ im Rabenhof Theater, im Mai nächsten Jahres inszeniert sie zum ersten Mal am Münchner Volkstheater. Musik und Theater, erzählt die Absolventin des Max Reinhardt Seminars gegenüber der APA, seien für sie wie Völkerball und Basketball – haben viel miteinander zu tun und sind doch ganz anders. Und weil das alles noch nicht genug ist, kuratiert sie im kommenden Jahr gemeinsam mit Dorian Concept das Popfest am Wiener Karlsplatz.

Azelia Opak

Azelia Opak hatte bereits eine Ausbildung als Bühnenbildnerin und Schauspielerin wie auch ein Studium im Fach Theater-, Film- und Medienwissenschaft in der Tasche, als sie 2017 ihr Regiestudium am Max Reinhardt Seminar begann. Außerdem sammelte sie im Rahmen von Assistenzen eine Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen. „Ich bin ein wenig im Theater aufgewachsen“, erzählt sie in einem Interview mit dem Bohema Magazin. Im Rahmen des Theaterfestivals Europa in Szene inszenierte sie Shakespeares selten gespieltes Stück „Coriolanus“. „Man muss das Theater lieben und vertrauen. Wir begreifen durch das Theater Dinge glasklar, weil die Dimensionen so hoch sind, weil Bedingungen und Sehnsüchte der Figuren so überdimensional beschrieben werden“, so Opak.

Laura N. Junghanns

Laura N. Junghanns schloss 2016 ihr Regiestudium an der Folkwang Universität der Künste in Essen ab. Bis 2020 war sie Mitglied der Physical Theatre-Company KimchiBrot Connection, nach zweijähriger Assistenzzeit am Schauspiel Dortmund inszenierte sie in Dortmund „Orlando“ nach Virginia Woolf wie auch die Deutschsprachige Erstaufführung von „Everything belongs tot he future“ nach Laurie Penny. Seit 2019 kuratiert und moderiert sie zusammen mit Dirk Baumann die Talk-Reihe „Butler Bitch Beyoncé“, zunächst in Dortmund, jetzt am Staatstheater Kassel. „Der Termin“ war ihre erste Arbeit am Volkstheater. In der Spielzeit 22/23 inszeniert sie „Die Cousinen“, eine Stückendwicklung von Nava Ebrahimi und dem Ensemble, in der Dunkelkammer des Volkstheaters.

Leonie Böhm

Die gebürtige Stuttgarterin ist mit drei Studienabschlüssen künstlerisch breit aufgestellt. 2011 begann sie ein Schauspielregiestudium an der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Die im Rahmen des Studiums entstandenen Regiearbeiten „Bittere Tränen“ (2014) und „Kasimir und Karoline“ (2015) wurden zu zahlreichen Gastspielen eingeladen. Aus Georg Büchners „Leonce und Lena“ machte Leonie Böhm am Zürcher Schauspielhaus „Leonce und Leonce“. Sie inszeniert unter anderem in den Münchner Kammerspielen, im Maxim-Gorki-Theater und im Theater Basel.

Elf junge Regisseur*innen, die man sich merken sollte
„Die Eingeborenen von Maria Blut" ist Lucia Bihlers zweite Regiearbeit am Burgtheater. Sie inszenierte bereits Thomas Bernhards „Die Jagdgesellschaft“. Foto: Volksbühne Berlin / Meike Kenn

Lucia Bihler

Lucia Bihler, in München geboren, studierte Regie und Choreografie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Sie realisierte bereits während des Studiums mit der freien Kompanie „gold&hiebe“ Projekte am bat Studiotheater, am Ballhaus Ost, Berlin, sowie am Maxim Gorki Theater. Mit ihrem bildstarken und formstrengen Arbeiten war sie unter anderem am Schauspielhaus Wien, am Staatstheater Mainz, am Schauspiel Leipzig, am Schauspiel Hannover am Schauspiel Köln und am Burgtheater zu Gast. Ihre Inszenierung des Romans „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse am Schauspielhaus Wien wurde zum Münchner Festival „radikal jung“ 2019 eingeladen. Zwischen 2019 und 2021 war Lucia Bihler Hausregisseurin und Teil der künstlerischen Leitung an der Volksbühne Berlin. Im Akademietheater war bereits ihre Inszenierung von Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ zu sehen – demnächst inszeniert sie ebendort den Roman „Die Eingeborenen von Maria Blut“ von Maria Lazar.

Matthias Köhler

Matthias Köhler studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien. Von 2013 bis 2016 war er Regieassistent am Schauspiel Köln. Er inszenierte unter anderem „Bartleby“, „Magic Afternoon“ und „Swallow“, nebenbei leitete er von 2016 bis 2018 im Kollektiv das Britney, die Außenspielstätte des Schauspiel Köln, und kuratierte das Britney X, ein interdisziplinäres, queer*feministisches Programm mit zwei mehrtägigen internationalen Festivals. 2015 gründete Matthias Köhler das Kollektiv wirgehenschonmalvor, mit dem er in Wien u.a. die österreichische Erstaufführung von „Tom à la ferme“ von Michel Bouchard im Theater Nestroyhof Hamakom und „Fight Club Fantasy“ nach dem Roman von Chuck Palahniuk am Kosmos Theater auf die Bühne brachte. Zuletzt war das Stück „Bent“ von Martin Sherman in der Inszenierung von wirgehenschonmalvor im Theater Nestroyhof Hamakom zu sehen.

Matthias Rippert

Der gebürtige Heidelberger studierte zuerst Physik, dann Regie am Max Reinhardt Seminar. Seine Diplominszenierung „Der Volkshai“ von Nolte Decar am Theater Bonn wurde zum Körber Studio Junge Regie nach Hamburg eingeladen. In der Spielzeit 2021/22 inszenierte er unter anderem „Monte Rosa“ von Teresa Dopler, mit dem er zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurde. Mit seiner Inszenierung „Ernst ist das Leben – Bunbury“ in der Fassung von Elfriede Jelinek wurde er in diesem Jahr für einen NESTROY nominiert. „Matthias Rippert beweist Talent für Timing, setzt instinktsicher in einer makellosen Personenführung auf Witz und Ironie“, schrieb die NESTROY-Jury. Im Kasino am Schwarzenbergplatz ist in dieser Spielzeit seine Bernhard-Inszenierung „Am Ziel“ mit Dörte Lyssewski zu sehen.

Elf junge Regisseur*innen, die man sich merken sollte
Regisseurin Mechthild Harnischmacher und Dramaturgin Maike Müller im Burgtheater. Foto: privat

Mechthild Harnischmacher

Nach ihrem Abitur wohnte Mechthild Harnischmacher zunächst ein Jahr in Tansania, wo sie mehrere Kindertheater-Projekte ins Leben rief. Danach absolvierte sie eine Hotelfachausbildung und studierte Germanistik, Kunstgeschichte, Theater- und Kulturwissenschaften. Während ihrer Studienzeit begann sie bei Martin Kušej als Regieassistentin am Residenztheater zu arbeiten. Als Kušej das Burgtheater übernahm, wechselte sie mit ihm nach Wien. Am Burgtheater realisierte sie auch eigene Regiearbeiten, unter anderem „Ich Ikarus“, das mit dem STELLA*22-Preis als herausragendes Kinderstück ausgezeichnet wurde. Am Landestheater Niederösterreich ist gerade ihre Inszenierung von Stefan Zweigs „Schachnovelle“ zu sehen.

Rachel Müller

Rachel Müller studierte Medienwissenschaften, Soziologie und Volkswirtschaftslehre in Köln und Istanbul und von 2017 bis 2021 Regie am Max Reinhardt Seminar. 2020 schrieb sie das Stück „Noch ist alles asphaltiert“ und wurde mit der Inszenierung desselben zum Körber Studio für Junge Regie 2021 eingeladen. 2019 gründete sie gemeinsam mit Wiebke Yervis das „Café Romantika II“. Mit ihrem ersten gemeinsamen Projekt gewannen sie den Publikumspreis beim Nachwuchswettbewerb des Theaters Drachengasse. Sie arbeitet als Regieassistentin am Burgtheater, wo sie in der Spielzeit 2022/23 „Über Nacht“ von Lucien Haug inszeniert – „ein freches, skurriles, warmherziges Stück, dessen Hauptfigur ihrer eigenen Unsicherheit zum Trotz die ganze Welt schlagfertig in Frage stellt.“

Elf junge Regisseur*innen, die man sich merken sollte
Für ihre Inszenierung „Oxytocin Baby“ wurde Rieke Süßkow 2022 mit einem NESTROY ausgezeichnet. Foto: Lukas Gansterer

Rieke Süßkow

Die frischgebackene NESTROY-Preisträgerin legt mit Peter Handkes „Zwiegespräch“ ihre erste Arbeit am Burgtheater vor. Rieke Süßkow wurde in Berlin geboren und studierte Regie an der Theaterakademie in Hamburg. Vor ihrem Studium arbeitete sie als Regisseurin in der freien Szene, unter anderem im Theater Drachengasse in Wien. Ihre Inszenierungen wurden vielfach ausgezeichnet, für ihre Uraufführungsinszenierung von Anna Neatas „Oxytocin Baby“ im Schauspielhaus Wien gewann sie 2022 den NESTROY in der Kategorie Bester Nachwuchs weiblich. Sie ist Mitbegründerin des Theaterkollektivs „Hallimasch-Komplex“. Ihre Theaterarbeiten bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Schauspiel, Choreografie, Installation und rhythmischer Komposition.

Verena Holztrattner

Verena Holztrattner wurde in Salzburg geboren und ist Regieassistentin am Burgtheater. Bis 2021 studierte sie Regie am Salzburger Mozarteum, davor absolvierte sie ein Studium der Anglistik und Amerikanistik. Ihre Inszenierung „All das Schöne“ wurde am Schauspielhaus Salzburg und beim Hin & Weg Festival im Waldviertel gezeigt. Gerade ist ihr Stück „Wie Ida einen Schatz versteckt und Jakob keinen findet“ von Andri Beyeler im Vestibül zu sehen. Ein Stück, das, so Holztrattner, unter anderem „auf sehr subtile Weise die Frage aufwirft, was denn eigentlich wertvoll ist im Leben und wonach es sich zu suchen lohnt“. „Das große Privileg an der Regieposition ist, dass man unterschiedliche Künstler*innen um sich versammeln kann und eigene Ideen, Fragen und Perspektiven innerhalb einer kreativen Gemeinschaft wachsen, sich verwandeln und Gestalt annehmen sieht“, sagt sie im Interview mit der BÜHNE.

Elf junge Regisseur*innen, die man sich merken sollte
Verena Holztrattners Inszenierung „Wie Ida einen Schatz versteckt und Jakob keinen findet“ für alle ab 5 ist gerade im Vestibül zu sehen. Foto: Christian Borchers
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