Elena Guseva: Culture-Clash am Bodensee

Schmetterling mit Stimmgewalt: „Madama Butterfly“ ist für sie längst zur Lebensbegleiterin geworden. Nun singt Elena Guseva ihre Paraderolle Cio-Cio-San auch in Bregenz. Auf einem 300 Tonnen „leichten“ Stück Papier.

Besucher*innen der Wiener Staatsoper ist die russische Sopranistin, von der man sich erzählt, dass sie bereits als Dreijährige durch ihre außergewöhnliche Stimme auf sich aufmerksam gemacht und ihrer eigenen Mutter bei deren Gesangsprüfung so die Show gestohlen habe, längst keine Unbekannte mehr. Hier war sie schon Polina in Prokofjews „Der Spieler“, Tatjana in „Eugen Onegin“, glänzte als titelgebende „Aida“, war eine berührende Desdemona in „Otello“ und erst heuer als Lisa in „Pique Dame“ zu erleben. Und natürlich sang sie im Haus am Ring – wie auch schon in Moskau oder an der Deutschen Oper Berlin – bereits Cio-Cio-San in Puccinis „Madama Butterfly“, mit der sie nun bei den Bregenzer Festspielen zu Gast ist. Alternierend mit ihren Kolleginnen Celine Byrne und Barno Ismatullaeva, die dem tragischen Leben der japanischen Geisha ebenfalls ihre Stimmen leihen. Im Ländle heißt sie übrigens „Madame Butterfly“ anstatt des originalen „Madama“.

Spielball der Begierden

Für Elena Guseva ist Cio-Cio-San, die mit dem von ihr geliebten US-Leutnant Pinkerton, der nie vorhat, bei ihr zu bleiben, eine Art „Ehe auf Zeit“ eingeht, „ein sehr vielschichtiger Charakter“, dem sie sich seelisch nahe fühle. Eine Fünfzehnjährige, aus verarmter adliger Familie stammend, die sich gezwungen sieht, als Geisha zu arbeiten und die Pinkerton zur Miete eines Hauses quasi frei „mitgeliefert“ wird. Und die am Ende erkennen muss, dass der Geliebte in Amerika eine andere geheiratet hat und nur zurückgekommen ist, um den gemeinsamen Sohn abzuholen. Cio-Cio-San hat sich längst als prinzipientreuer, gereifter Mensch erwiesen, der allerdings auch gebrochen wurde und sich letztendlich das Leben nimmt. Elena Guseva meint, dass die favorisierte Partie nicht nur facettenreich sei, sondern auch ihrer Stimme guttue. „Sie hält sie frisch, elastisch, und es ist gesund für mich, sie oft zu singen.“ In Bregenz kann sie diesem stimmlichen Gesundheitsbewusstsein nun erneut nachkommen.

Auf der, wie stets, spektakulären Bühne am Rande des Bodensees, das heuer ein Blatt Papier symbolisiert. 1.340 Quadratmeter groß, 300 Tonnen schwer, 23 Meter hoch und 33 Meter breit, entworfen von Michael Levine, hergestellt aus Stahl, Styropor, Holz und Fassadenputz. Und dennoch so zart und zerbrechlich wie die Seele von Cio-Cio-San, welche das überdimensionale, mit feinen Landschaftsmalereien veredelte Blatt Papier symbolisieren soll.

Nahe Zukunft

Von Bregenz geht es für die vielbeschäftigte Sängerin weiter an die Opéra de Lyon, wo sie im Oktober die Elisabeth in Wagners „Tannhäuser“ geben wird. Ehe sie ab Ende November an der Semperoper Dresden Cizí kněžna (Die fremde Fürstin) in „Rusalka“ verkörpern und im Dezember an der Bayerischen Staatsoper in München als Mimi in „La bohème“ – so viel lässt sich prophezeien – ihr Publikum begeistern wird. Ebendort steht sie dann im Jänner in einer weiteren großen Partie ihres Fachs, jener der Tatjana in „Eugen Onegin“, auf der Bühne.

Zur Person: Elena Guseva

Im russischen Kurgan geboren, studierte sie zunächst Chorleitung am Schostakowitsch-Konservatorium ihrer Heimatstadt, ehe sie am Moskauer Staatskonservatorium ein Gesangsstudium aufnahm, das sie 2011 mit Auszeichnung abschloss. Zu ihren wichtigsten Stationen zählen das Stanislawski-und-Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater in Moskau, die Deutsche Oper Berlin, die Bayerische Staatsoper, das Théâtre du Capitole de Toulouse, die Hamburgische Staatsoper, die Mailänder Scala, die Opéra de Lyon und die Wiener Staatsoper. Ihr Rollenrepertoire umfasst u.a. die Titelrollen in „Aida“ und „Tosca“, Cio-Cio-San in „Madama Butterfly“, Tatjana in „Eugen Onegin“, Donna Elvira in „Don Giovanni“, Mimi in „La bohème“, Lisa in „Pique Dame“, Lady Macbeth in „Macbeth“, Desdemona in „Otello“, Polina in „Der Spieler“ und Die fremde Fürstin in „Rusalka“.

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