Clara Liepsch: „Theater bedeutet konstantes Lernen“

Clara Liepsch, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Wien, sucht und liebt die Herausforderung. In der ständigen Bewegung sieht sie den großen Reiz ihres Berufes. Wir haben sie in einem Ottakringer Kaffeehaus getroffen.

Es ist Dienstagvormittag, die Kaffeemaschine brummt laut. Die Sonne scheint durch die hohen Fenster des Cafés, als Clara Liepsch den Raum betritt. Wir führen das Interview in einem kleinen Café im 16. Wiener Gemeindebezirk, außer uns sind nur vereinzelt Personen hier. Sie sind schnell vergessen, denn Liepschs Ausstrahlung ist einnehmend. Ihre zuvorkommende Art ist einladend, schnell hat man das Gefühl, man redet mit einer guten Freundin.

1995 in Weimar geboren, hat Clara Liepsch schon früh im Theaterbereich mitgewirkt, im Alter von sechs Jahren stand sie bereits auf der Bühne. „Für die Kraft des Theaters habe ich mich schon damals interessiert – das Bilden von Gemeinschaft, also von Publikum und uns Darsteller*innen auf der Bühne, und eben auch die Produktionsprozesse vorher.“

Als Vorbereitung auf ihre Rollen setzt sie sich dabei intensiv mit ihren Figuren auseinander. „Ich hatte in meiner Laufbahn bisher das große Glück, oft Regisseur*innen zu treffen, die mich eingeladen haben, mitzudenken oder mitzuentwickeln, was mich künstlerisch interessiert.“ So wurde sie früh ermuntert, Texte mitzubringen, die einen Austausch angeregt haben. Etwas, das die Schauspielerin sehr in ihrer Karriere geprägt hat. Nach der Schauspielausbildung an der Theaterakademie August Everding in München trat Clara Liepsch 2019 ihr Erstengagement am Schauspielhaus Wien an.

Clara Liepsch im Porträt
Clara Liepsch in „Am Ball“. Foto: Matthias Heschl

Was für Theater will ich machen?

„Ich begreif mich natürlich nicht als Autorin, sondern als Recherchiererin, die versucht, akribisch und intensiv den Stoff, den man auf die Bühne bringen will, zu durchforsten und kennenzulernen.“ Liepsch liest viel und durfte in ihrer Arbeit schon mit namenhaften Autor*innen wie Ewelina Benbenek, Lydia Haider, Thomas Köck, Enis Maci und Mehdi Moradpour zusammenarbeiten. „Ich suche auch die Nähe zu den Leuten, die die Texte schreiben. Sie leben, also kann man mit ihnen in Kontakt treten.“

„Ich suche und liebe die Herausforderung“, sagt sie. In der ständigen Bewegung ihres Berufes sieht sie den Reiz, es bleibt also nie ruhig. Da kann es schon fordernd sein, eigene Interessen einzuordnen. „Besonders für mich, weil ich am Anfang meines Weges stehe. Da frage ich mich, was für Theater will ich machen?“ Auch die Einstellung auf neue Umstände zu Beginn einer neuen Inszenierung erfordert Flexibilität. „Das finde ich aber herausfordernd im positiven Sinne, mir macht das total Spaß.“

Wo wir gleich an Liepschs NESTROY-Nominierung 2022 für ihre Nebenrolle in „SHTF“ (Regie: Kollektiv Kandinsky aus London) anknüpfen. Hier spielt die Schauspielerin den kleinen Jungen Danny und sieht erneut den Reiz in der Herausforderung. „Weil es keine erwartende Setzung ist, dass ich als Person, die als Frau gelesen wird, mit meinen 1,80 Meter einen 11jährigen Sohn spiele.“ Die Rolle hat ihr etwas zurückgegeben, das sie schon länger verloren geglaubt hat – das Gefühl der unfassbaren Freiheit, die man als Kind hat. Das will sich Liepsch unbedingt behalten.

Theater ist konstantes Lernen

Was sie allen angehenden Schauspielenden empfehlen würde? „Lesen, lesen, lesen“, kommt es prompt von Liepsch. Außerdem viel ins Theater gehen, Filme anschauen. „Und zu begreifen, in was für einer Zeit wir leben und wie man sich dazu künstlerisch verhalten kann.“

„Deswegen mache ich das: weil ich die Möglichkeit habe, mich in meinem Beruf mit den großen Themen der Welt zu beschäftigen.“ Theater ist dabei ein konstantes Lernen. „Theater ist immer diese Bewegung, dieses stetige Lernen voneinander und auch von einem selbst.“

Das Interview vergeht schnell, die Tassen vor uns sind schon leer. Der Eindruck, den Clara Liepsch hinterlässt, wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Clara Liepsch im Porträt
Im Café Weimar in Wien. Foto: Marcel Köhler

Zur Person: Clara Liepsch

Von 2015 bis 2019 studierte Clara Liepsch Schauspiel an der Bayrischen Theaterakademie August Everding in München. Bereits während des Studiums spielte sie die Hauptrolle in „Glaube Liebe Hoffnung“ am Theater Wasserburg (Regie: Nik Mayr). Außerdem arbeitete sie mit Amir Reza Koohestani an den Münchner Kammerspielen und mit Anne Lenk am Staatstheater Nürnberg in „Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens“. Clara Liepsch ist seit 2019 im Ensemble des Wiener Schauspielhauses.

Zu den Spielterminen von „Am Ball“ im Schauspielhaus Wien!

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