Angelika Hager über geliebten Größenwahn

Wien sollte Spiellabore wie das Bronski & Grünberg auf Händen tragen.

Schlangen von jungen Rauchern mit Dreadlocks und Wollmützchen vor dem Theater im schicken Hipster-Servitenviertel, eine aufgeheizte Stimmung voll knisternder Erwartung, kaum ein freier Sitzplatz. Der Regisseur des Abends schwebt durch das Geschehen, leicht nervös.

Moritz Franz Beichl, gestylt wie ein anarchischer Renaissancefürst mit langer Lockenmähne und Baskenmütze, hat rote Wangen vor Freude: Hat er doch kürzlich erfahren, dass der S. Fischer Verlag seine Bearbeitung der Novelle „Effi Briest“ erworben hat. „Frei von Fontane“ heißt es auf der Homepage des Bronski & Grünberg, und tatsächlich ist der vermoderte Roman über den freien Fall einer jungen Frau, die unvorsichtigerweise einmal auf ihre Hormone gehört und ihr eingetrichtertes Anstandskonzept auf stumm geschaltet hat, hier so modern, dass alles Zwischenmenschliche, was uns gerade so aufregt, höchst amüsant verhandelt wird: Identitätspolitik, toxische Beziehungen, überkommene Männlichkeitsideale, postnatale Depressionen, Swingerclubs, Kontaktabbruch von Bezugspersonen, Einsamkeit.

Wie einst bei Shakespeare werden alle Rollen von Männern gespielt, und es wirkt keine Sekunde nach bemüht exzentrischer Pseudo-Originalität, sondern ist in diesem auf zarte Ironie gebürsteten Universum völlig stimmig. Die Boygroup (Anton Widauer, Skye MacDonald, Florian Carove u. a.) auf der winzigen Bühne entfaltet eine Spiellibido, die den kleinen Raum elektrisiert. Die trashig-glamourösen Kostüme haben insgesamt nicht mehr als 800 Euro ausgemacht, wie man später erfährt. Armes Theater kann so sexy sein. Was „in einem Anfall von Größenwahn“, so einer der Gebär-Eltern, Alexander Pschill, 2016 gegründet wurde, ist inzwischen eine unter Theater-Aficionados geliebte Frischzelle in der Wiener Off-Szene.

Man muss als saturierter Großbühnen-Besucher und Netflix-Couchpotato generell mehr Entdeckungslust in sich mobilisieren. Ein paar Schritte entfernt hat Hans Gratzers Schauspielhaus vor einem halben Menschenleben ähnliche Vitaminstöße entsendet. Wie so oft hat auch im Bronski & Grünberg (benannt nach den beiden Schauspielern in Ernst Lubitschs Antifa-Komödie „Sein oder Nichtsein“) Großes durch kleine Zufälle begonnen. Der frühere Josefstadt-Schauspieler Alexander Pschill (zurzeit fantastisch im „Großen Diktator“ in den Kammerspielen zu sehen), durch eine Stimmband-OP zu einer Spielpause gezwungen, fand die kuschelige Zelle in einem Willhaben-Inserat, früher war hier das International Theatre untergebracht.

Gemeinsam mit seiner Frau Kaja Dymnicki, Julia Edtmeier und Salka Weber entwickelte er in einer Art kreativem Trotz gegen alle wientypische Missgunst („Na, ihr seids aber mutig!“) dieses Spiellabor, in dem Freiheit, eine spielerische Unschuld und die Lust am Experiment sich zu einer einzigartigen Atmosphäre verdichteten. Das Konzept hat den Namen „Prog Boul“, die Abkürzung steht für „progressiven Boulevard“, und kein Literaturdenkmal ist sicher – weder Tschechow noch Dostojewski oder eben Fontane. Früher halfen noch Pschills Eltern an der Bar mit, jahrelang gab es keine Subventionen, was sich inzwischen geändert hat.

An der Bar endet auch der Abend: Reinhardt-Seminar-Leiterin Maria Happel ist mit ihrer Tochter Paula Nocker da, Sona MacDonald, die gerade an der Volksoper sich in den Mackie Messer in der „Dreigroschenoper“ arbeitet, rauscht vorbei. In solchen Momenten ist man einfach nur glücklich, in diesem theaterverrückten Dorf namens Wien zu leben. Und verspricht sich, 2023 seine Neugierde zu reanimieren. Es gibt nämlich auch Leben jenseits des Rings.

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