Plötzlich alles anders: Krieg der Welten im Theater der Jugend

Das Theater der Jugend zeigt H. G. Wells Sci-Fi-Klassiker „Krieg der Welten". Die BÜHNE hat mit den Hauptdarstellerinnen Maria Astl, Johanna Hainz und Soffi Povo über Theater als Ort des respektvollen Austausches gesprochen und nachgefragt, wie man die Aufmerksamkeit von Kindern hält.

von Julia Schilly, 15. Juni 2021

Plötzlich alles anders: Krieg der Welten im Theater der Jugend
Maria Astl spielt die Laura und ist eine der drei Protagonistinnen in „Krieg der Welten" im Theater der Jugend. Foto: Apollonia T. Bitzan

Die Außerirdischen kommen! In der Dependance des Theaters der Jugend in der Wiener Innenstadt wird gerade H. G. Wells Sci-Fi-Klassiker „Krieg der Welten“ gespielt. Die Theaterfassung des Romans, der bereits 1898 erschienen ist, stammt vom britischen Regisseur Jethro Compton, der seit Jahren regelmäßig für das Jugendtheater arbeitet. Im Originalwerk geht es um eine bitterböse Satire auf die britische Kolonialpolitik. Außerirdische Invasoren landen auf der Erde, das Militär ist ihnen unterlegen.

Im Theater der Jugend landen die Marsianer nun in Wien-Landstraße und siehe da: Sie wollen die Menschen nicht ausbeuten, sondern vor ihrer eigenen grenzenlosen Gier retten. In den drei Hauptrollen ist ein starkes Trio von Jungschauspielerinnen zu sehen: Maria Astl, Johanna Hainz und Soffi Povo haben der BÜHNE erzählt, wie schön es ist, wieder auf einer Bühne zu stehen, dass man bei Kindern im Publikum immer „110 Prozent“ geben muss und warum es in dem Stück vor allem um Freundschaft geht.

Sehnsucht nach der Reaktion des Publikums

Wie gehts euch damit, endlich wieder auf einer Bühne stehen zu können?

Maria Astl: Es ist eine große Freude und eine Erleichterung! Ich habe zum Schluss schon daran gezweifelt, ob wir dieses Stück überhaupt noch auf die Bühne bringen. Dass es dann noch in dieser Saison geklappt hat, hat mich wirklich gefreut. 

Johanna Hainz: Es macht irrsinnig viel Spaß, nach dieser langen Zeit wieder spielen zu dürfen. Unsere Probenzeit wurde pandemiebedingt verlängert, was teilweise auch sehr gut und hilfreich war, auf der anderen Seite hat man aber auch gemerkt wie sehr man das Publikum braucht und sich nach Reaktionen sehnt. Das ist jetzt, nach diesem langen Warten, umso schöner.

Soffi Povo: Ich habe immer gedacht, das Proben sei genauso erfüllend, wie das tatsächliche Spielen. Aber Proben, ohne die Gewissheit bzw. das Vertrauen darauf, dass das, was man auf die Beine stellt auch irgendwann gesehen wird, ist viel schwieriger, als ich angenommen hatte. Es war so eine Erleichterung, endlich wieder einem Publikum eine Geschichte erzählen zu können! (Und die Ausdauer kommt jetzt zum Glück auch langsam wieder, sodass man nach einer Doppelvorstellung nicht mehr ganz so erschöpft ins Bett fällt!)

Krisen lehren Verständnis und Offenheit

Der Stoff von Krieg der Welten ist ja wieder aktueller denn je. Es geht unter anderem um globale Katastrophen, die über Nacht auf die Welt hereinbrechen. Was ist für euch die Essenz des Stücks? 

Hainz: Ich glaube, dass die Essenz des Stückes der Zusammenhalt der drei Mädchen ist. Wir alle werden im Laufe unseres Lebens mit Krisen konfrontiert, ob es nun große oder kleine, globale oder persönliche sind. Ich denke, dass Krisen uns trotz der negativen Aspekte auch Verständnis und Zuhören und Offenheit lehren können.

Povo: Verpackt in viele aktuelle Themen geht es in erster Linie um Freundschaft und Zusammenhalt. Die Protagonistinnen sind drei Einzelkämpferinnen, die durch die plötzlich auftretende(n) Gefahr(en) lernen müssen, ihre Differenzen beiseite zu legen und miteinander, statt gegeneinander zu arbeiten.

Astl: Natürlich haben wir im Stück aktuelle Themen, ein Ereignis, das über Nacht alles verändert, doch es ist auch für mich in erster Linie eine Geschichte über Freundschaft. Die drei Protagonistinnen haben am Anfang sehr viel Glück, aber zum Ziel kommen sie schließlich nur mit vereinter Kraft. 

„Im Theater ist man in einem Raum mit Gleich- und Andersgesinnten und erlebt etwas gemeinsam, teilt sich eine Atmosphäre – und das verbindet.“

Schauspielerin Soffi Povo

Ist Theater für euch ein guter Ort, um das Thema Flucht und Migration zu thematisieren? Wie macht man das am besten, so ein schwieriges Thema künstlerisch aufzuarbeiten? Wie seid ihr da im Team heran gegangen? 

Povo: Vielleicht sogar der Beste. Im Theater ist man in einem Raum mit Gleich- und Andersgesinnten und erlebt etwas gemeinsam, teilt sich eine Atmosphäre – und das verbindet. Und das ist so passend zur der Handlung des Stücks. Am besten macht man es möglichst ohne erhobenen Zeigefinger. In unserem Fall durch Figuren, mit denen man sich identifizieren kann, oder deren Handeln man zumindest nachvollziehen kann (selbst wenn man es nicht gutheißt) und diese lernen lässt. Und somit hoffentlich Inspiration und Denkanstöße liefert. Mit viel Respekt, Feingefühl und Recherche.

Soffi Povo ist Amira. Foto: Martin Hauser

Ohne erhobenen Zeigefinger

Astl: Ich finde grundsätzlich, dass man jedes Thema am Theater aufgreifen darf und soll. Es ist sicher wichtig, ordentlich zu recherchieren und nicht nur aus der eigenen Vorstellung heraus zu arbeiten.  Das wurde auf jeden Fall in allen Abteilungen gemacht. Zusätzlich haben wir auch in der Gruppe diskutiert, bei den Proben war die Dramaturgie fast immer anwesend und am Text wurde laufend getüftelt, hier und da angepasst und optimiert. 

Hainz: Das Schöne am Theater ist meiner Meinung nach, dass Geschichten erzählt werden und jedes Thema bearbeitet werden kann, darf, muss und soll. In diesem konkreten Fall wurde sehr viel über das Thema diskutiert und wir haben versucht so respektvoll und wertschätzend damit umzugehen wie nur möglich.

Keine Zeit für Langeweile

Das Stück ist für Kinder ab 11 Jahren: Gar keine einfache Zielgruppe mehr. Man verliert sie schneller als die ganz Kleinen, hat Jethro Compton der BÜHNE vor ein paar Monaten mal erzählt. Wie geht ihr vor, damit den Kindern nicht fad wird und sie auf ihren Stühlen herumwetzen?

Astl: Da hat er wahrscheinlich ganz recht. Ich glaube, er war sich dessen beim Schreiben und Inszenieren von Krieg der Welten sehr bewusst und hat uns ganz gut gerüstet. Es gibt viel Action und Effekte, da bleiben sie schon dran. Wenn es später im Stück zwischendurch ruhiger wird, dürfen wir es uns einfach nicht gemütlich machen, sondern müssen weiter die Spannung halten, dann funktioniert es eigentlich sehr gut. Im Moment bleiben aber coronabedingt die großen Kindergruppen aus, wir haben eher viele kleinere Gruppen oder einzelne Kinder mit Eltern. Eine Schulklasse hat noch eine ganz andere Dynamik, ich wäre sehr (positiv) gespannt auf die Reaktionen! 

„Die Energie der SchauspielerInnen muss immer auf 110 Prozent hochgeschraubt sein und wenn sie nur bei 90 Prozent ist, kann es sein, dass man vielleicht ein paar ZuseherInnen verliert.“

Johanna Hainz über Kinder als Publikum

Hainz: Das Stück prescht aber mit einem wahnsinnigen Tempo voran und ich glaube, dass vor allem die vielen stimmungsvollen Lichtwechsel und der unglaublich mitreißende Sound eine sehr großen Beitrag dazu leisten, dass die Zuschauenden kaum Zeit haben unruhig zu werden. Natürlich merkt man aber, dass die Energie der SchauspielerInnen immer auf 110 Prozent hochgeschraubt sein muss und wenn sie nur bei 90 Prozent ist, kann es sein, dass man vielleicht ein paar ZuseherInnen „verliert“.

Povo: Ja genau, das Stück ist sehr schnell und spannend geschrieben und die Inszenierung springt flink von Szene zu Szene, sodass dem Publikum kaum Zeit gelassen wird, sich zu fadisieren. Wir müssen dann fast nur noch die Energie bringen und fokussiert im Moment bleiben.

Johanna Hainz spielt Julia in „Krieg der Welten“ im Theater der Jugend. Foto: Andrea Peller

Mit Energie und Tempo

Wie reagiert ihr, wenn es passiert – wenn sie unaufmerksam werden? Gibt es Kniffe, damit sie wieder ins Boot kommen? 

Povo: Es gibt eine Passage, die etwas langsamer und emotionaler ist. Sollte es da passieren, dass es etwas unruhiger wird im Publikum, hilft es in diesem konkreten Fall schon, einfach das Tempo minimal zu erhöhen. 

Astl: Natürlich kann man immer versuchen mehr Energie reinzupulvern und die Intensität etwas anzuheben. Meistens ist eine Unruhe aber nur von kurzer Dauer und ich versuche mich eigentlich nicht beirren zu lassen, ich weiß ja, dass in wenigen Momenten wieder etwas Neues passiert und wir sie gleich wieder haben! Es gibt auch Stücke, die lassen eine gewisse Interaktion zu, das muss man aber gut dosieren und bei Krieg der Welten wäre das ohnehin nicht möglich. 

Hainz: Da komme ich jetzt wieder auf Sound und Licht zu sprechen. Es passiert so viel – irgendwann fängt man sie wieder, so hoffe ich. Als Schauspielerin versucht man dann natürlich nochmal mehr Gas zu geben – manchmal hilft das.

Krieg der Welten – noch bis 20. Juni im Theater der Jugend

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