Ein Stück für alle Fälle

Wenn Dead Centre Wittgenstein inszenieren, hat das nichts mit Frontalunterricht zu tun. Eine Konfrontation ist es trotzdem – mit dem scheinbar Unmöglichen.

von Sarah Wetzlmayr, 8. Juni 2021

Ein Stück für alle Fälle
Für Schauspieler Philipp Hauß ist „Alles, was der Fall ist“ bereits die zweite gemeinsame Arbeit mit Dead Centre. In den Proben für „Die Traumdeutung“ lernte er die beiden kennen. Foto: Marcella Ruiz-Cruz

Geht es darum, möglichst schnell ein paar Sätze rauszuhauen, die es irgendwie aus dem Philosophieunterricht ins Langzeitgedächtnis geschafft haben, so lautet einer davon mit großer Wahrscheinlichkeit: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ein Grund dafür könnte sein, dass sich der Satz, der aus dem „Tractatus logico-philosophicus“, dem philosophischen Hauptwerk Ludwig Wittgensteins, stammt, auch bei alltäglichen Begegnungen gut einsetzen lässt. Insgesamt ist Ludwig Wittgensteins formelhaft aufgebautes Werk jedoch alles andere als ein Selbstbedienungsladen für philosophische Schmankerl, die sich auch on the go gut verspeisen lassen. In Sachen Komplexität spielt der 1951 verstorbene Philosoph nämlich in der obersten Liga mit.

„Es gibt Stücke wie etwa Tschechows ‚Drei Schwestern‘, die unsere Arbeit als Regisseure nicht wirklich benötigen, weil es sich dabei ohnehin um perfekt kon­struierte Theaterstücke handelt.“

Ben Kidd

Das wissen auch Ben Kidd und Bush Moukarzel, deren aktuelles Stück „Alles, was der Fall ist“ sich an Wittgensteins Hauptwerk anlehnt. Als abschreckend empfanden sie das aber nicht. Ganz im Gegenteil, wie Ben Kidd betont: „Es gibt Stücke wie etwa Tschechows ‚Drei Schwestern‘, die unsere Arbeit als Regisseure nicht wirklich benötigen, weil es sich dabei ohnehin um perfekt kon­struierte Theaterstücke handelt. Wir nehmen lieber etwas, das unmöglich zu inszenieren ist, und versuchen Wege zu finden, wie es möglicherweise doch auf der Bühne funktioniert.“ Unter dem Namen Dead Centre inszenieren Ben Kidd und Bush Moukarzel seit 2012 gemeinsam Theaterstücke und sind dabei immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. 

Ben Kidd und Bush Moukarzel haben Dead Centre vor etwas mehr als acht Jahren gegründet. „Alles, was der Fall ist“ ist ihre dritte Arbeit für das Burgtheater. Foto: Lukas Beck

Parallelen zum Theatererlebnis

Mit dem Ziel, Wittgenstein verstehen zu wollen, ist das britisch-irische Regieduo aber ohnehin nicht angetreten. Im Zentrum stand eher die Frage, wie sich aus dem „Tractatus“ ein Theaterereignis machen lässt, bei dem sich das Publikum gut abgeholt fühlt. „Die Theorie sollte niemals den Ereignischarakter einer Aufführung überlagern“, bringt es Ben Kidd auf den Punkt. Ideen für die Umsetzung von „Alles, was der Fall ist“ bekamen sie unter anderem von Wittgenstein selbst. „Durch den ‚Tractatus‘ sind wir überhaupt erst auf die Idee gekommen, kleine Abbildungen unserer Welt, also Modelle, in unsere Inszenierung zu integrieren“, erklärt Kidd. „Wittgenstein versucht in seinem Text zu ver­stehen, wie Sprache funktioniert. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass wir uns mit der Sprache ein Bild von unserer Welt machen, Sprache also Modellcharakter hat.“ Da auch auf der Bühne Spielende und Requisiten immer für etwas anderes stehen, ergeben sich spannende Parallelen zum Theatererlebnis an sich.

Auf diese besonderen ­Verbindungen zwischen dem Theater und Wittgensteins Theorien weist auch Philipp Hauß hin, der in „Alles, was der Fall ist“ auf der Bühne zu sehen sein wird: „Alles, was auf der Bühne stattfindet, hat Zeichen­charakter, sagt uns etwas, zeigt uns etwas, und wir schauen die Welt an und überprüfen, ob wir richtig liegen oder falsch.“ 

Tim Werths und Philipp Hauß im vielschichtigen Bühnenbild von „Alles, was der Fall ist“. Foto: Marcella Ruiz-Cruz

Kein Frontalunterricht

Für den Schauspieler, der seit 2002 zum Ensemble des Burgtheaters gehört, ist es die erste wirkliche Auseinander­setzung mit dem Philosophen. „Ich habe um alle Logiker, und dazu zählte für mich Wittgenstein, bisher einen großen Bogen gemacht. Und auch jetzt habe ich das Gefühl, einen Großteil seines Werkes nicht vollends zu begreifen. Thomas Bernhard hat so wunderbar geschrieben, Wittgenstein sei eine Frage, auf die er keine Antwort wisse. Gleich­zeitig ­verspüre ich die Lust, mit der Poesie des ‚Tractatus‘ und den so einfach daherkommenden Komplexitäten umzugehen, das Denken spürbar werden zu lassen.“

Eines ist jetzt schon gewiss: Mit Frontalunterricht hat „Alles, was der Fall ist“ nichts zu tun. Stattdessen gibt es eine Konfrontation mit dem scheinbar Unmöglichen. Oder um es mit Wittgenstein zu sagen: Was man nicht erklären kann, das muss man inszenieren. 

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Termine und Infos zu „Alles, was der Fall ist“ auf der Burgtheater-Website

Philipp Hauß lässt das Denken spürbar werden