Haus der Zwischentöne: Das Burgtheater präsentiert die kommende Spielzeit

Das Spielzeitbuch des Burgtheaters ist ein Wimmelbuch der Ur- und Erstaufführungen. Der Fokus liegt gut erkennbar auf zeitgenössischer Dramatik.

von Sarah Wetzlmayr, 1. Juni 2021

Haus der Zwischentöne: Das Burgtheater präsentiert die kommende Spielzeit
Eine Pressekonferenz im Bühnenbild der „Maria Stuart"-Inszenierung von Martin Kušej: Das Burgtheater präsentiert die kommende Spielzeit. Foto: Marcella Ruiz-Cruz

Im neuen Spielzeitbuch des Burgtheaters, das bei der heutigen Programmpräsentation offiziell vorgestellt wurde, wimmelt es nur so vor Ur- und Erstaufführungen. Insgesamt acht Uraufführungen und neun deutschsprachige oder österreichische Erstaufführungen feiern ab Herbst Premiere. Darunter Werke, die Wettbewerbe wie dem Retzhofer Dramapreis oder dem Mülheimer Stückepreis für sich entscheiden konnten. Das macht deutlich, dass der Begriff „Säule“ für den Stellenwert zeitgenössischer Dramatik am Burgtheater fast schon zu kurz gegriffen ist. „Tragende Wand“ würde vielleicht besser passen, wenn man sich die Vorhaben für die Spielzeit 2021/22 so ansieht. Oder, um das sprachliche Bild an die hier besprochene Thematik anzupassen, der Begriff „tragende Rolle“. Das Burgtheater positioniert sich, wie Direktor Martin Kušej beschreibt, damit als „Haus der Dramatik“, in dem Plot und Erzählung als „große, wichtige Themen“ hervortreten.

Stille als Nährboden für Lärm

Am Programm steht unter anderem die Uraufführung „Die Schwerkraft der Verhältnisse“, eine Bearbeitung eines Textes der österreichischen Autorin Marianne Fritz. Bastian Kraft führt Regie. Zum ersten Mal in Österreich gezeigt werden beispielsweise die Stücke „Am Ende Licht“ des britischen Dramatikers Simon Stephens und Elfriede Jelineks aktuelles Stück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“, das am 4. September das Akademietheater eröffnen wird. Lärm ist aber nicht nur das Thema der neuen Textfläche aus dem Hause Jelinek, sondern auch eines der Leitmotive der kommenden Spielzeit.

Direktor Martin Kušej erklärt das folgendermaßen: „Im Rückblick wird diese Pandemie vielleicht einmal als Zeit der Stille gesehen werden, dabei wurde in den letzten Monaten viel gelärmt. Vor allem neuer Lärm war zu erleben: in Parlamenten, vor Parlamenten, in den sozialen Medien, in unseren Köpfen. Statt Solidarität und Miteinander haben in dieser Zeit Verhärtungen und Feindstellungen zugenommen und ich bin mir sicher: Die Stille, die Verschlossenheit der öffentlichen Begegnungsräume, war ein Nährboden für diesen Lärm.“

Für Zwischentöne und Gemeinsamkeit

Für das Theater zieht er daraus folgende Konsequenz: „Umso wichtiger ist es für mich, dass wir Theater als Teil des öffentlichen Raums wieder Ort für Begegnung, für Austausch, für eine gemeinsame Beschäftigung mit literarischen Texten, gesprochener Sprache, anwesenden, fühlenden Körpern sein können! Gegen den Hass und das Geschrei, für Genauigkeit, Zwischentöne und Gemeinsamkeit. Damit wir aus dem Zustand wieder herausfinden, den Elfriede Jelinek in ihrem neuen Stück beschreibt: ‚Alle stehen allen gegenüber und schreien sich an‘.“ Frank Castorf, dessen „Zdenek Adamec“ ebenfalls in der kommenden Spielzeit Premiere feiern wird, inszeniert „Lärm. Blindes sehen. Blinde sehen!“

Das Burgtheater eröffnet Schillers „Maria Stuart“ – eine Inszenierung, die Martin Kušej schon mehrfach verschieben musste. Zuvor wird das Stück im Rahmen der Salzburger Festspiele zu sehen sein. Mit Bibiana Beglau und Birgit Minichmayr ist es spektakulär besetzt. Anfang November steht eine weitere Inszenierung von Martin Kušej auf dem Programm – Jean Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Das Stück habe „nur scheinbar Patina angesetzt“, so Kušej. „Wir fanden es extrem spannend. Es ist eine starke Setzung von Sartre.“ Stark ist auch die Besetzung mit u.a. Klaus Maria Brandauer, Dörte Lyssewski, Regina Fritsch und Christoph Luser.

Klaus Maria Brandauer wird in Martin Kušejs Inszenierung von Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ zu sehen sein. Foto: Irina Gavrich

Vorprogammierte Höhepunkte

Zu den weiteren Höhepunkten zählen auch „Komplizen“, eine Überschreibung der Gorki-Stücke „Kinder der Sonne“ und „Feinde“ von Simon Stone sowie Johan Simons Interpretation der „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Eine Überschreibung von Schnitzlers „Professor Bernhardi“ wagt der am Burgtheater debütierende Engländer Robert Icke („Die Ärztin“). Außerdem möchte man mit der Wiederentdeckung der österreichischen Autorin Marianne Fritz zu einer Erweiterung des Theaterkanons beitragen. Nach Maria Lazar und Anna Gmeyner gelangt erneut eine vergessene weibliche Autorin ins Rampenlicht. Im Ensemble gibt es bis auf eine Karenzierung von Martin Wuttke nur wenige Veränderungen. Ab kommender Spielzeit neu im Ensemble sind Nils Strunk und Safira Robens, die beide schon in Burgtheater-Produktionen zu sehen waren.

Neu im Ensemble des Burgtheaters: Safira Robens. Foto: Irina Gavrich

Internationale Ausrichtung

Gemäß der zu Beginn der Intendanz vorgestellten Programmatik, das Haus als in Europa gut vernetztes, internationales Theater zu positionieren, wird es auch in der kommenden Spielzeit wieder viel Zusammenarbeit mit Regisseur:innen geben, die bisher vor allem außerhalb der deutschsprachigen Theaterwelt für Furore gesorgt haben. Insgesamt sind 14 Regisseurinnen und 13 Regisseure aus 12 verschiedenen Ländern eingeladen, die Saison 2021/22 mit neuen Premieren zu gestalten. Die Hälfte der Regisseurinnen und Regisseure inszeniere zum ersten Mal am Haus, so Vizedirektorin Alexandra Althoff.

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