Fünf unter 35: Junge Theaterautorinnen mit lauter Stimme

Zwar dominieren nach wir vor die „Klassiker“ die Spielpläne der meisten europäischen Bühnen, doch die Stimmen der Jungen werden lauter. Wir stellen fünf spannende Theaterautorinnen vor.

von Sarah Wetzlmayr, 11. August 2020

Fünf unter 35: Junge Theaterautorinnen mit lauter Stimme
Erste Erfolge feierte die englische Dramatikerin Polly Stenham bereits mit 19 Jahren. Foto: Tobias Ross Southall

Mit Listen ist das ja so eine Sache. Sie verlangen vehement nach Ordnung und Struktur, nach der Festlegung von Anfangs- und Endpunkten. Was einfach klingt, kann schon mal in unendliche Grübeleie ausarten. Und mit Unendlichkeit haben Listen, so viel ist bekannt, ja ganz und gar nichts am Hut.

Für diese Auflistung haben wir uns jedenfalls dazu entschieden, den Faktor Alter als ordnungsstiftendes Kriterium heranzuziehen. Wobei natürlich dazugesagt werden muss, dass die eine oder andere Autorin, die hier vorkommt, mittlerweile vielleicht schon ihren 36. Geburtstag gefeiert hat –schließlich haben wir etwas mehr als die Hälfte dieses Jahres schon hinter uns gebracht. Darüber hinaus handelt es sich bei allen Autorinnen, die in dieser Liste versammelt wurden, um bemerkenswerte Talente und Persönlichkeiten, die wir weiterhin gut im Blick behalten werden.

Polly Stenham

Mit ihrem Erstlingswerk „The Face“, das 2007 am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführt wurde, sicherte sich Polly Stenham von heute auf morgen einen besonderen Platz in den Herzen der englischen Kritikerschaft. 2008 übersiedelte das Stück ans Londoner West End und nur ein Jahr später feierte die Autorin mit ihrem zweiten Stück, „Tusk Tusk Tusk“, bereits ihren nächsten Erfolg.

Fünf Stücke stehen bisher am Konto der jungen Dramatikerin. Ihr letztes Stück, eine Adaption des Textes „Fräulein Julie“ von August Strindberg, wurde 2018 am Royal National Theatre in London uraufgeführt. Es ist also viel passiert, seit die damals 19-jährige Polly Stenham mit „The Face“ ihren ersten Theatertext zu Papier gebracht hat.

Thematisch spielen sich ihre Stücke meistens im Kontext dysfunktionaler familiärer Strukturen ab. „Je mehr Erfahrung ich habe, desto schwieriger wird das Schreiben für mich“, erklärte sie vor vier Jahren in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Guardian“. Die stetig steigende Erfolgskurve der Autorin lässt davon noch nichts vermuten. Eher im Gegenteil: Polly Stenham steht nach wie vor hoch im Kurs.

Ella Road

Die im Londoner Stadtviertel Archway geborene Ella Road ist ausgebildete Schauspielerin und Teil des BBC Writers Programme. Zu schreiben begann sie unter anderem deshalb, weil sie rasch erkennen musste, dass weibliche Theaterautorinnen in der Branche nach wie vor stark unterrepräsentiert sind. „Frauen haben es in dieser Branche immer noch sehr schwer. Nicht nur in Bezug auf die Rollen, die ihnen angeboten werden, sondern auch in Bezug auf die Art und Weise, wie sie behandelt werden und wie über sie gesprochen wird“, so die Autorin in einem Gespräch mit dem „Evening Standard“.

Ihr erstes Stück, „Die Laborantin“, feierte 2018 im Hampstead Theatre in London Premiere und wurde prompt für die Olivier Awards nominiert. In diesem weitgehend dystopischen Stück beschäftigt sich Ella Road vor allem mit den Themen Leistungsoptimierung und Vorhersehbarkeit. 2021 wird „Die Laborantin“ auch in Österreich zu sehen sein. Max Claessen inszeniert das Stück für das Schauspielhaus Salzburg.

Autorin Ella Road im Interview mit einer anderen jungen Autorin, Margaret Perry.

Miroslava Svolikova

Die Autorin und bildende Künstlerin Miroslava Svolikova hat sich in der deutschsprachigen Theaterszene längst einen Namen gemacht. 2015 gewann sie den Retzhofer Dramapreis für ihr Erstlingsstück „Die Hockenden“, das in der darauffolgenden Spielzeit am Burgtheater und am Schauspiel Leipzig zu sehen war. Zahlreiche namhafte Nominierungen und Preise folgten.

Die Figuren, die in ihren Stücken vorkommen, stattet die Autorin nur sehr selten mit psychologischer Tiefe aus. In einem Interview mit der „Wiener Zeitung“ beschrieb sie ihre Arbeitsweise folgendermaßen: „Mein Zugang zu den Figuren läuft über das performative Sprechen, das nichts mehr mit psychologischen Charakteren und herkömmlichen Beziehungsgeflechten zu tun hat. Ich gehe stark von den Figuren aus, aber sie funktionieren für mich eher wie Zitate, die wahlweise von jedem auf der Bühne gesprochen werden können.“ In der Spielzeit 20/21 zeigt das Schauspielhaus Wien Svolikovas Stück „Rand“ in einer Inszenierung von Tomas Schweigen.

In der Spielzeit 20/21 zeigt das Schauspielhaus Wien Miroslava Svolikovas Stück „Rand“.
Foto: Reinhard Werner

Laura Naumann

Laura Naumann ist gebürtige Leipzigerin und studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Mit ihrem Stück „meerrauschenhören“ wurde sie 2008 zum Dramatikerworkshop beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens eingeladen. 2013 war ihr Stück „demut vor deinen taten baby“ im Vestibül des Wiener Burgtheaters zu sehen. Der Inhalt des Stücks, das auf der Absurdität ständiger Sinnsuche und Selbstfindung basiert, hat seither kaum an Aktualität verloren. Laura Naumann ist auch Teil des Performancekollektivs „Henrike Iglesias“, das gesellschaftliche Normen mit verschiedenen Mitteln der Postmoderne zu unterwandern versucht.

Autorin Laura Naumann im Interview mit dem Deutschen Theater Berlin.

Larisa Faber

Larisa Faber ist gebürtige Rumänin und in Luxemburg aufgewachsen. Ihr Studium absolvierte sie am renommierten Londoner Drama Centre. Seither ist sie nicht nur als Autorin für Theater und Film, sondern auch als Schauspielerin tätig.

In der kommenden Spielzeit wird ein Kurzdrama von Larisa Faber am Staatstheater Karlsruhe zu sehen sein. Die junge Autorin entwirft darin ein Psychogramm eines Mannes, dessen Leben fundamental durch Missbrauch und Genusssucht anderer geprägt ist.

Zum Theater ist das Multitalent eher zufällig gekommen. Ausschlaggebend war für sie in erster Linie das Erzählen von Geschichten. „Ich habe mir von Kindesbeinen an gerne Geschichten angehört, sie aber auch erzählt. Theater ist eine direkt Form von Kommunikation, es kann ein Leben verändern“, so Faber im Gespräch mit einer luxemburgischen Tageszeitung.

Larisa Faber beim österreichischen Filmpreis 2019. Foto: Manfred Werner

Polly Stenham im Interview