Auf den Spuren von Tom und Huck

Mark Twains Bestseller kommt in einer Neufassung ins Theater: eine Ode an die Freundschaft und das Kind in uns. Wir waren mit den Autoren an einem ­verwunschenen Huckleberry-Finn-Ort spazieren.

von Atha Athanasiadis, 11. Mai 2021

Auf den Spuren von Tom und Huck
Die Autoren Clemens Pötsch und Felix Metzner (übernimmt auch die Regie) auf den verlassenen Zuggleisen bei der Panozzalacke in der Wiener Lobau. Foto: Peter Mayr

Erinnern Sie sich noch an diesen Satz aus dem achten Kapitel?Das elastische Herz der Jugend kann nicht lange in eine ein­geschränkte Form komprimiert werden. Nein? Aber sicher an diese unsterbliche Szene aus dem zweiten Kapitel von „Die Abenteuer des Tom Sawyer“: Tom erschien auf dem Bürgersteig mit einem Eimer Tünche und einer langstieligen Bürste. Er überblickte den Zaun, und alle Freude verließ ihn, und eine tiefe Melancholie legte sich auf ­seinen Geist. Dreißig Meter Brettzaun neun Fuß hoch. Leben für ihn schien hohl und Existenz nur eine Last.

Lustig. Also eigentlich gar nicht lustig, sondern eher spannend oder vielleicht auch nicht spannend, sondern passend, wie sehr diese Szene auch die aktuelle Pandemie­situation beschreibt: die tiefe ­Melancholie, die Last der Existenz. Aber wir schweifen ab. Verplaudern uns. Das kann durchaus passieren, wenn man sich Jahrzehnte später mit den Buchhelden der Jugend beschäftigt und mit Mark Twain, dem Helden des perfekt treffenden Satzes. Das Theater der Jugend hat das Kultwerk jetzt für die Bühne neu schreiben lassen. Und wir haben beide Autoren an einem echten Huckleberry-­Finn-Platz getroffen. 

In der Lobau

Lobau. Panozzalacke. Man fährt zuerst eine Straße entlang, die Raffineriestraße heißt, und dann biegt man rechts in die ­Lobgrundstraße ein, vorbei am „Würstelstand zur Kurv’n“, und dann, direkt gegenüber dem Tanklager der OMV, biegt man scharf links ab, rumpelt über einen Schotter­weg und parkt vor einem mit Bäumen überwachsenen Bunker. Davor ein Gleis, das entweder von rechts nach links oder von links nach rechts irgendwohin führt. 

Wer hier das Kind in sich nicht spürt, war nie eines. Clemens Pötsch und Felix Metzner haben das Stück „Tom & Huck“ gemeinsam geschrieben. Metzner wird es auch inszenieren. Grinsend balancieren sie über die Gleise. Freuen sich. Das Interview führen wir im Kampf gegen den Wind. Egal. Metzner und Pötsch haben ihr Stück in die 1960er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts verlegt, die Sprache, das Setting, die politischen Umwälzungen und die Musik an das bunte Jahrzehnt angepasst.

Felix Wolfgang Metzner bei unserem Spaziergang durch die Lobau. Foto: Peter Mayr

Nahe am Original

Die beiden Autoren haben zur Vorbereitung alte Serien angeschaut, um die Jugendsprache von damals richtig zu vermitteln, und sie haben sich mit ihrem Stück sehr nahe am Handlungsverlauf des Originals orientiert: Tom Sawyer (gespielt von Stefan Rosenthal) lebt in St. Petersburg bei seiner Tante Polly. Seine beste Freundin (!) ist Huck (Victoria Hauer), die am Stadtrand in einer Wohnwagensiedlung lebt. Trailer Trash nennt man das in den USA. Eine Freundschaft, die gar nicht gern gesehen wird. Oder, wie es im sechsten Kapitel des Originals heißt: Huckleberry wurde von allen Müttern der Stadt von Herzen gehasst und gefürchtet, weil er untätig und gesetzlos und vulgär und schlecht war. Die großen Ereignisse, die anstehen, sind die Eröffnung des Atomkraftwerks und die Ankunft von Becky Thatcher, die aus New York kommt und Großstadtwind in die Klasse bringt. Beim Mondlandungsspielen bei einer verlassenen Tankstelle werden die Freunde Zeugen eines Verbrechens. Ab da geht es darum, die Stadt und den ganzen Bundesstaat zu retten.

Auf Augenhöhe

Die BÜHNE durfte das Skript vorab lesen. Unser Fazit: Es ist ein charmantes, witziges und auch berührendes Stück für Kinder ab sechs Jahren geworden. Metzner und Pötsch ist es gelungen, die ironisch-distan­zierte Perspektive des Originals auf Kinder-­Augenhöhe zu bringen und es von allen nicht mehr zeitgemäßen Auffassungen über „Indianer und Neger“ und von der Wildwestromantik zu entstauben. Für Kinder ist es ein rasantes Abenteuerstück zum Mit­fiebern, Mitlachen und Mitleben. Für deren Eltern ist das Stück wie eine Rätsel­rallye: Überall finden sich Zitate und durchaus gewollte Ähnlichkeiten, etwa zu ­Stephen Kings brillanter Novelle „Die Leiche“. Eine Hommage an Mark Twain und an die Freundschaft. Familientheater für einen unterhaltsamen Nachmittag.

Clemens Pötsch hat schon mehrmals mit dem Theater der Jugend zusammengearbeitet. Foto: Peter Mayr

Zu den Personen:

Felix Metzner: Er kommt aus Nürnberg, hat in Wien ­studiert und bereits mit Größen wie Kay Voges und Matthias Hartmann gearbeitet. Metzner befasst sich derzeit mit einer ­Produktion für das Burgtheater und mit ­seinem ersten Spielfilm „Aus dem Dunkeln“. 

Clemens Pötsch: Studierte in Wien und Montreal, arbeitet als Autor, Dramaturg und Übersetzer. Am Theater der Jugend wurden bereits seine freien Bearbeitungen von „Peter Pan“ und „Frankenstein“ auf die Bühne gebracht.

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Alle Informationen zu „Tom & Huck“ am Theater der Jugend finden Sie hier

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