Anne Mulleners über das Stück „Zitronen Zitronen Zitronen“

Nach ihren Lehrjahren in London sucht die junge Regisseurin Anne Mulleners im Schauspielhaus Graz nun nach der perfekten Balance zwischen zwei sehr unterschiedlichen Theatertraditionen.

von Sarah Wetzlmayr, 27. April 2021

Anne Mulleners über das Stück „Zitronen Zitronen Zitronen“
Katrija Lehmann und Maximiliane Hass in „Zitronen Zitronen Zitronen". Foto: Lex Karelly

Im Durchschnitt geben Menschen pro Tag 16.000 Worte von sich. Das sind in etwa 417.560.000 Worte im ganzen Leben. Was passiert, wenn plötzlich ein Gesetz verabschiedet wird, das die Kommunikation auf 140 Wörter pro Tag und Mensch begrenzt, erforscht Sam Steiners Stück „Lemons Lemons Lemons Lemons Lemons“. Das Schauspielhaus Graz zeigt die deutschsprachige Erstaufführung des Erfolgsstücks in einer Inszenierung der jungen Regisseurin Anne Mulleners. Am 29. April noch einmal als Theater-Stream, aber hoffentlich schon bald auch vor Publikum.

BÜHNE: Ich habe gelesen, dass Sie längere Zeit in London studiert, gelebt und gearbeitet haben. Warum dann der Wechsel nach Graz?

Anne Mulleners: Da war durchaus auch ein wenig Zufall im Spiel. Ich habe in London studiert, meinen Abschluss dort gemacht und dann noch eineinhalb Jahre in London gearbeitet. Es kam dann allerdings ein Punkt, an dem ich nicht mehr wirklich zufrieden war. Weder mit den beruflichen Möglichkeiten noch mit der Art und Weise wie in England Theater gemacht wird, nämlich sehr textbasiert und naturalistisch. Es hat mich woanders hingezogen und so bin ich dann in Graz gelandet. Hier bin ich seit einem Jahr Regieassistentin und habe bei „Zitronen Zitronen Zitronen“ auch selbst Regie geführt.

Die Theatertraditionen im englisch- und deutschsprachigen Raum sind sehr unterschiedlich. Wie haben Sie diesen Wechsel von einer Theaterwelt in eine ganz andere empfunden?

In England dreht sich alles um den Text und es wird auch viel mit ganz neuen Texten gearbeitet. Die Texte selbst werden kaum bearbeitet, nur sehr wenig wird gestrichen. Im Gegensatz zu England kommt der Ausstattung in Deutschland und Österreich ein höherer Stellenwert zu und Regieteams arbeiten viel mit Bildern. Es war schon ein großer Kontrast, aber ich habe von beiden Theatertraditionen viel gelernt und kann mir nun aus beiden Welten das rausnehmen, was mir am besten gefällt.

Sie haben während Ihrer Zeit in London auch sehr viel assistiert. Woran haben Sie gemerkt, dass nun der Punkt da ist, an dem Sie gerne selbst Regie führen würden?

Nach den ersten drei Produktionen, an denen ich hier am Haus mitgearbeitet habe, war es bei mir bereits so, dass ich mir immer mehr eigene Gedanken zu den Inszenierungen gemacht habe. Vermutlich auch deshalb, weil ich durch meine Arbeit in England schon einiges an Erfahrung hatte. Diese inneren Gedanken wurden mit der Zeit immer lauter. Natürlich kann man auch als Assistentin ein bisschen mitreden. In welchem Ausmaß das möglich ist, hängt aber sehr stark von der Regisseurin oder dem Regisseur ab.

Theaterfilm oder Filmtheater? Durch die aktuelle Situation wurde das Stück zu einem formalen Experiment. Foto: Lex Karelly

Textarbeit

Was ist Ihnen bei Ihren Arbeiten besonders wichtig?

Ich glaube, dass ich gerne die perfekte Balance zwischen den beiden Theatertraditionen finden würde. Ich finde es spannend, einen Text mit vielen weiteren Schichten anzureichern, trotzdem ist es mir wichtig, dass der Text nicht vollkommen aus dem Zentrum verschwindet. Was nicht bedeutet, dass man nichts streichen darf. Die Textarbeit sollte einfach im Prozess präsent bleiben.

Das Thema Text ist eine gute Überleitung zu „Zitronen Zitronen Zitronen“, wo Sprache ja eine wesentliche Rolle spielt. Wie kam es zur deutschsprachigen Erstaufführung?

Das war ein schöner Zufall, weil ich das Stück der Dramaturgie vorgeschlagen habe, die deutsche Fassung zu dieser Zeit aber schon bei uns im Haus lag und auch schon gelesen wurde. Ich hatte das Stück davor nicht gesehen, wusste aber aus meiner Zeit in London, dass sich viele meiner Kolleg:innen das Stück damals angesehen haben und begeistert davon waren.

Was hat Sie an diesem Stück besonders gereizt?

Ich fand es faszinierend, dass sich ausgerechnet ein Autor die Mühe gemacht hat, über diese Art von Einschränkungen nachzudenken: Schließlich ist es ja ein Text über eine Welt, in der die Menschen Sprache nur eingeschränkt verwenden dürfen. Von einer solchen Vorgabe wären natürlich auch Autor:innen massiv betroffen. Sam Steiner schreibt sozusagen gegen seine eigenen schöpferischen Möglichkeiten. Toll fand ich außerdem, dass es ein Stück mit kurzen Szenen und einem extrem hohen Tempo ist. Und es ist auch unglaublich witzig.

Gleichzeitig erinnert es an die klassischen Dystopien der Literaturgeschichte. Gibt es auch Gegenwartsbezüge?

Das Stück wurde zwar vor dem Brexit geschrieben, dennoch gibt es darin einige Elemente, die Bezüge dazu zulassen. Auch im Text geht es um eine Wahl, von der die beiden Figuren überzeugt sind, dass deren Ausgang mit Sicherheit nicht so sein würde, wie er dann letzten Endes ist. Ich war zur Zeit der Brexit-Entscheidung gerade in England und habe das dort auch so wahrgenommen. Es fühlt sich seltsam an, wenn man die Stimmung einer ganzen Bevölkerung so falsch interpretiert und sich die einzelnen Gesellschaftsschichten gegenseitig auch nicht mehr richtig einschätzen können.

Formenmix

Eigentlich war das Stück ja nicht als digitales Projekt geplant und soll auch noch vor Publikum gezeigt werden. Wie haben Sie die Arbeit an dem Video empfunden?

Ich habe hier im Schauspielhaus schon bei Kurzvideos der Reihe #neuesdramazuhause Regie geführt, die sich mit so einem Projekt aber nicht vergleichen lassen. So ein Format ist an ganz eigene Bedingungen geknüpft, die man aber erstmal herausfinden muss. Ich musste mir zum Beispiel überlegen, welche Dinge ich aus der reinen Theaterfassung behalten und welche ich anders gestalten möchte. Es gab Szenen, die auf der Bühne ganz anders gewirkt haben als im Film, weil man mit der Kamera einfach näher dran ist. Und andersherum. Wir mussten also einen Zwischenweg finden, weil wir das Stück nicht komplett umschreiben konnten und wollten.

„Es ist eine Chance, einen Raum zu erforschen, in dem Film und Theater zusammen funktionieren können.“

Anne Mulleners

Was waren für Sie die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?

Unser Zeitplan war viel zu straff. Wir hatten insgesamt nur drei Drehtage und dabei nicht in dem Ausmaß bedacht, dass beim Film 90 Prozent der Zeit in den Aufbau fließt. Das war schon etwas überfordernd, aber wir haben es trotzdem gut hinbekommen.

Wie stehen Sie prinzipiell zum Thema Streaming von Theaterstücken?

Ich glaube, dass man es einfach als ein anderes Medium sehen muss und es ein guter Moment ist, um Dinge auszuprobieren, weil es gerade einfach nicht anders geht. Ich kann dem Thema also auch viel Positives abgewinnen. Es ist eine Chance, einen Raum zu erforschen, in dem Film und Theater zusammen funktionieren können. Da gibt es noch viele Möglichkeiten, neue Dinge auszuprobieren.

Die junge Regisseurin Anne Mulleners hat für die deutschsprachige Erstaufführung von „Zitronen Zitronen Zitronen“ mit dem Filmemacher Thomas Achitz zusammengearbeitet. Foto: Lex Karelly

Zur Person: Anne Mulleners

Anne Mulleners wurde 1994 in Amsterdam geboren. 2013 zog sie nach London, um dort an der University of Greenwich Drama und Englische Literatur zu studieren. Es folgten einige Hospitanzen und Assistenzstellen. Nach sechs Jahren in London lebt sie nun in Graz. Seit der Spielzeit 2019/2020 ist Anne Mulleners Regieassistentin am Schauspielhaus Graz.

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