Einladung für „Die Reise der Verlorenen“ beim Miami Jewish Film Festival

Das Auftragswerk an den österreichischen Autor Daniel Kehlmann war vor drei Jahren ein Beitrag des Theater in der Josefstadt zum Gedenkjahr 1938 und zur aktuellen Flüchtlingskrise.

von Julia Schilly, 14. April 2021

Einladung für „Die Reise der Verlorenen“ beim Miami Jewish Film Festival
Herbert Föttinger, Direktor des Theaters in der Josefstadt, mit Ensemble und Statist:innen in „Die Reise der Verlorenen". Foto: Sepp Gallauer

Es war eine Überraschung: Die Einladung zum Miami Jewish Film Festival für die Produktion „Die Reise der Verlorenen“ des Theater in der Josefstadt. „Plötzlich kam die Nachricht, dass wir eingeladen sind. Wie es dazu kam, wissen wir nicht“, sagt Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger im Ö1-Morgenjournal. Denn eingereicht hat niemand.

Das Auftragswerk an den österreichischen Autor Daniel Kehlmann war vor drei Jahren ein Beitrag zum Gedenkjahr 1938 und zur aktuellen Flüchtlingskrise. Das Stück basiert auf dem Sachbuch „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts. Erstmal verfilmt wurde es bereits in den 70er-Jahren mit dem Titel „Reise der Verdammten“ mit Orson Welles und Oskar Werner.

Erbarmungslose Flüchtlingspolitik

„Die Reise der Verlorenen“ beruht auf einer wahren Begebenheit. 1939 wird dem deutschen Schiff MS St. Louis mit 1000 jüdischen Flüchtlingen an Board sowohl in den USA, als auch in Kuba das Anlegen verweigert. Es folgt banges Warten und zähes Verhandeln. Erfolglos. Die Menschen werden nach Europa zurückgeschickt. Das Elend dieser Menschen wurde schließlich für perfide Propaganda verwendet. Daniel Kehlmann erklärt, dass Joseph Göbbels zeigen wollte, dass Deutschland die Jüdinnen und Juden gehen lassen würde, aber der Rest der Welt sie nicht wolle.

In England, Frankreich, Belgien fanden die Menschen, die vor dem NS-Terror flüchten mussten, im letzten Moment Aufnahme. Viele starben dennoch in den Kriegswirren.

Ulrich Reinthaller (Dr. Fritz Spanier), Herbert Föttinger (Gustav Schröder), Maria Köstlinger (Elise Loewe) auf der Bühne des Theater in der Josefstadt. Foto: Sepp Gallauer

Leere, dunkle Bühne

Die Uraufführung von „Die Reise der Verlorenen“ fand am 6. September 2018 statt. Es war eine eindrückliche und bedrückende Vorstellung. Das Buch von Daniel Kehlmann ist schon erschütternd, doch auch die Aufführung ist schwer zu ertragen. Regisseur Janusz Kica ließ beinahe 50 Darsteller:innen auf der leeren, dunklen Bühne im Theater in der Josefstadt, knapp zwei Stunden die ausweglose Situation nachspielen. Daniel Kehlmann arbeitete mit vielen kleinen Szenenwechseln, die die unterschiedlichen Stimmen und Erinnerungen der Passagiere zu Wort kommen lassen. Es ist ein Theatererlebnis, das lange in Erinnerung bleiben wird.

Die filmische Umsetzung war dementsprechend eine große Herausforderung. Jan Frankl produziert seit zehn Jahren die Trailer für das Theater in der Josefstadt und übernahm die Umsetzung. Gefilmt wurde vor Publikum, mit neun Kameras und mit rund 50 Headsets für die Darstellenden. Ganz dem Blick der Zusehenden entsprechend, wurde das perfekte Theatererlebnis nachinszeniert.

Hochkarätige Besetzung

Direktor Herbert Föttinger ist als Kapitän Gustav Schröder zu sehen: Lange begreift er nicht, dass die Gesetze der Seefahrt nicht mehr gelten. Michael Dangl verkörpert den kubanischen Staatspräsident Laredo Brú. Doch zum Beispiel auch Joseph Lorenz, Roman Schmelzer, Nikolaus Barton, Sandra Cervik und Maria Köstlinger brillierten auf der Bühne.

Claudius von Stolzmann (Berenson, Jewish Joint Distribution Commitee), und Michael Dangl (Laredo Brú) in einer Szene von „Die Reise ver Verlorenen“ am Theater in der Josefstadt. Foto: Sepp Gallauer

Posthum in Miami

Dass „Die Reise der Verlorenen“ nun ausgerechnet in Miami gezeigt wird, ist fast symbolisch. Es war die Heimreiseroute der Flüchtlinge: Sie fuhren daran vorbei und wurden nicht aufgenommen. Und weil man auch in Österreich in puncto Flüchtlingsaufnahme noch einiges lernen kann, so Föttinger zu Ö1, hofft er, dass die Produktion auch im ORF gezeigt wird. Dort könnten die Worte zum Nachdenken anregen, die Raphael von Bargen als Otto Schiendick spricht:

Und Sie, begnadet mit später
Geburt, denken vielleicht gerade:
„Wer weiß, wie ich gehandelt
hätte?“ Aber ich verrate Ihnen
was: Falls Sie wirklich nicht wissen,
wie Sie gehandelt hätten,
dann wissen Sie es schon. Dann
hätten Sie gehandelt wie ich.

Aktuelle Informationen aus dem Theater in der Josefstadt

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