Geht es um Diversität und Inklusion, werden Kunst und Kultur oftmals außen vorgelassen. Das mag daran liegen, dass der Kultur gerne von vornherein eine größere Offenheit und Toleranz attestiert wird als das beispielsweise in der Wirtschaft der Fall ist. Ein Trugschluss, wie sich herausstellt, sobald Zahlen dazu auf den Tisch gelegt werden. Auch durch die pünktlich zum feministischen Kampftag am 8. März herausgegebene Studie „Gender Equality and Diversity in European Theatres“ verfestigt sich dieses Bild. Veröffentlicht wurde der Bericht von der „European Theatre Convention (ETC)“.

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Die Analyse umfasst Institutionen in 22 verschiedenen Ländern und bildet die Situation von rund 4000 Angestellten im Theaterbereich ab. Außerdem erfasst sie 650 verschiedene Inszenierungen und Performances. Es ist damit die erste umfassende Analyse, die sich mit dem Thema Diversität, sowohl das Theaterpersonal als auch einzelne Aufführungen betreffend, im europäischen Theater auseinandersetzt. Sie ist das Ergebnis einer freiwilligen Selbstuntersuchung einzelner Theater, die zur „European Theatre Convention“ gehören. Das erklärte Ziel ist, geschlechtsspezifische Ungleichheiten und mangelnde Vielfalt aufzudecken und Veränderungen anzustoßen.

Regie und Technik in Männerhand

An den Studienergebnissen kann unter anderem abgelesen werden, dass Frauen meist in unsichereren Vertragssituationen stecken als Männer. Außerdem sind sie eher in „stereotyp weiblichen Berufen" und „weniger an der Spitze der Hierarchie" präsent. Während also Kostüm und Maske zu den klassischen „Frauendomänen" zählen, sind Regie und sämtliche technische Bereiche fest in Männerhand.

Bei den analysierten Aufführungen ergab sich ein etwas ausgewogeneres Bild. Auf der Bühne waren 43 % der Charaktere weiblich und 57 % der Figuren männlich. Die Studie zeigt außerdem, dass Aufführungen, die von Frauen geschrieben wurden oder bei denen Frauen Regie führten, mit größerer Wahrscheinlichkeit ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis aufweisen als solche, die von Männern geschrieben oder geleitet werden. Zudem gehörten kaum Menschen aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen zum Personal der ETC-Mitgliedstheater.

Die Geschichte zeigt, dass ohne Ziele und konkrete Maßnahmen nichts passiert."

Heidi Wiley, Executive Director des ETC

„Der Bericht zeigt ganz deutlich, dass mehr Frauen in Entscheidungspositionen auch zu mehr Diversität in den kreativen Teams, bei künstlerischen Entscheidungen und bei den auf der Bühne gezeigten Perspektiven führt. Es ist daher von größter Bedeutung für Theater, mehr Frauen in Führungspositionen zu haben", sagt Heidi Wiley, Executive Director des ETC. „Die Geschichte zeigt, dass ohne Ziele und konkrete Maßnahmen nichts passiert. Hier können wir vom Erfolg der jüngsten Quoten und von Ideen im Film lernen, die auf das Theater übertragen werden könnten. Dazu gehört beispielsweise das F-Rating", so Wiley. Mit dem F-Rating alle Filme ausgezeichnet, bei denen Frauen Regie führen und/oder die von Frauen geschrieben wurden.

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Wenn wir in unseren Worten und Taten konsequent sein möchten, ist es an der Zeit, offen zu akzeptieren, wo wir stehen und was wir verbessern können."

Serge Rangoni, ETC-Präsident

Inspiration zur Selbstüberprüfung

Und auch Serge Rangoni, ETC-Präsident und künstlerischer Leiter des Théâtre de Liège in Belgien, meldete sich zur Studie zu Wort. „Wenn wir in unseren Worten und Taten konsequent sein möchten, ist es an der Zeit, offen zu akzeptieren, wo wir stehen und was wir verbessern können. Wir applaudieren dem Mut der ETC-Mitgliedstheater, die an der Studie teilgenommen haben. Sie haben detaillierte Informationen über ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit uns geteilt. Es ist noch ein langer Weg zu gehen, aber wir hoffen, dass die Studie als Inspiration für andere dient, sich selbst einer solchen Selbstprüfung zu unterziehen.“

Für Österreich gibt es eine solche Analyse derzeit noch nicht. Initiativen wie „Kill the Trauerspiel“ pochen aber schon seit Längerem darauf, eine umfassende Erhebung dazu durchzuführen. Mit dem am 27. November beschlossenen „Gender Report für den Bereich Kunst und Kultur" könnte ein erster Schritt in diese Richtung gemacht werden.  

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Den ganzen Bericht finden Sie hier