Simon Stone: Der Mann für die ganz großen Bilder

Für Netflix hat er gerade einen Film mit Ralph Fiennes gedreht und in der Wiener Staatsoper feierte vor kurzem seine bildgewaltige Inszenierung von „La Traviata" Premiere. Die Erfolgsgeschichte von Simon Stone kennt definitiv keine Genregrenzen.

von Atha Athanasiadis, 15. März 2021

Simon Stone: Der Mann für die ganz großen Bilder
Egal ob Film, Theater oder Oper. Wenn es um die ganz großen Bilder geht, fühlt sich Simon Stone überall zu Hause. Foto: Reinhard Maximilian Werner

Was kann dieser Simon Stone eigentlich nicht?, fragt man neidisch. Zwei Nestroypreise hat er schon. Von seiner Festwochen-Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ aus dem Jahr 2015 spricht die Stadt noch immer. Seine „Medea“ mit Caroline Peters in der Hauptrolle ist eines jener Stücke am Burgtheater, für die man keine Werbung machen muss, weil das Publikum die Türen einrennt (vor der Pandemie, eh klar). Als Schauspieler hat er reüssiert. Als Regisseur feiert er einen Erfolg nach dem anderen. Mitten im Corona-Wahnsinn veröffentlicht er einen Netflix-Film, in dem niemand Geringerer als Ralph Fiennes die Hauptrolle spielt. Und Anfang März kam er mit der wohl am sehnsüchtigsten erwarteten Opern-Neuproduktion des Jahres an das Haus am Ring: Verdis „Traviata“. In der Hauptrolle: der Coverstar der Märzausgabe der BÜHNE, die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende. Wer Flops im Internet sucht, wird nicht fündig. Also fragen wir Simon Stone doch selbst.

„Ich kann viele Sachen nicht. Schön singen. Oder ein Instrument gut spielen. Ich kann auch nicht komponieren. Aber das Gute ist, dass es immer einen Menschen braucht, der ein naiver, unwissender Reagierer ist, und dafür bin ich geeignet. Ich bin ein Idiot, der reagiert. Ein Ersatzzuseher. Wenn dir als Regisseur etwas gefällt, dann wird es hoffentlich auch den Zusehern gefallen. Da sollte man auch nicht zu viel über das Werk wissen, denn wenn man zu viel weiß, dann geht die Rolle als Ersatzzuseher verloren.

Wie aber geht man dann an einen Stoff heran, den jeder Opern-Fan gefühlte hundert Mal gesehen und gehört hat?

„Ich versuche nicht herauszufinden, was ein Stück einmal war oder was es sein sollte. Ich versuche herauszufinden, was dieses Stück für die jetzige Zeit und die Gesellschaft bedeutet. Wenn ich dann eine Idee habe, dann ist das am Anfang nicht mehr als ein Funke in einer düsteren Landschaft, bis sich ein konkretes Bild etabliert. Aber am Anfang steht bei mir immer die Frage: Was ist das, was bedeutet das?“

Bilderrausch

Im Fall seiner „Traviata“ hat Simon Stone die Geschichte von Violetta und Alfredo ins Jetzt geholt. Violetta ist eine Influencerin mit eigener Kosmetik­linie, ein Social-Media-Star mit Millionen Followern. Sie postet im Minutentakt ihr Leben. Selbst dann noch, als sie ihre Krebsdiagnose bekommt. 

Es ist ein Bilderrausch, der die Tragik der Geschichte nicht verspielt, sondern vertieft. Es gibt bühnenhohe, hyperrealistische Videos zu sehen, Räume mit aufwendigen Bühnenbildern. Mal sieht man Online-Szenen, mal einen echten Club voller Partymenschen, dann einen Fast-Food-Imbiss namens Paristanbul. Dazwischen erscheinen jede Menge Text- und Bildnachrichten von Violetta (siehe Fotos links). Irgendwann ziehen Violetta und Alfredo aufs Land, machen ihren eigenen Wein, melken Kühe. In der Wiener Inszenierung fehlt die Kuh – Simon Stone hat sie durch einen Traktor ersetzt, der Tierschützer wegen. Das Leben kippt. Stone bleibt konsequent: Violettas Abschiedsbrief kommt per SMS. Noch einmal wird gefeiert, noch einmal wird es bunt, dann der Tod. 

Gesellschaftskritik

„Diese Oper und meine Inszenierung ist für mich auch eine Kritik an einer Gesellschaft, die sich gerne mit Migranten oder Außenseitern schmückt, die aber nicht mehr als eine Dekoration für ihre Partys sind. Eine Gesellschaft, die zu den Festwochen geht und sich als tolerant empfindet, sich auf die Schultern klopft und sagt: Wir sind offen. Aber in Wirklichkeit bestimmen sie, wie weit die Außenseiter aufsteigen dürfen. Und wenn jemand dann, wie im Fall von Violetta, einen Mann aus ihrer Blase heiraten möchte, dann zeigen sie ihr wahres Gesicht. Ab dem Zeitpunkt, als ich diese Idee hatte, hat sich der Rest der Story von selbst ergeben. Ich selber bin mit einer Österreicherin verheiratet und habe erfahren müssen, wie viele Monate es gedauert hat, bis ich meine Aufenthaltsbescheinigung bekommen habe.“

„Ein Treffen mit Freunden via Internet, das schmeckt, wie wenn man in ein Theater-Eis beißt: Es sieht aus wie Eis, schmeckt aber nach Plastik.“

Simon Stone, Regisseur

Vor einem Jahr, kurz nach Beginn des Lockdowns, als wir das erste Mal mit Simon Stone Kontakt hatten, fand der Regisseur die Entschleunigung und die Möglichkeit des Nachdenken-Könnens wunderbar. Und jetzt?

„Wien ohne Beisln und Kaffeehäuser ist trostlos. Ich habe die vergangenen Monate durchgearbeitet. Die Projekte stauen sich durch Corona. Früher bin ich nach der Arbeit als Erholung mit Freunden essen gegangen. Das ist weg. Und ein Treffen mit Freunden via Internet, das schmeckt, wie wenn man in ein Theater-Eis beißt: Es sieht aus wie Eis, schmeckt aber nach Plastik. Ich habe die Hoffnung, dass die Menschen nach Corona einmal ein paar Jahre lang die Nase voll haben von den sozialen Medien und wir alle analoger werden und die Qualität von echten Treffen wieder mehr zu schätzen wissen.“

Zur Person: Simon Stone

Geboren in Basel, aufgewachsen in Australien, verheiratet mit einer Österreicherin. Erfolgreich als (Film-)Schauspieler, Drehbuchautor und Theater- und Opernregisseur. Aktuell von der Kritik gefeiert für den ­Netflix-Film „Die Ausgrabung“ mit Ralph Fiennes und Carey Mulligan.

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Den Streaming-Spielplan der Wiener Staatsoper finden Sie hier